Fifa-Skandal FBI nimmt Blatters neue Geheimnisse ins Visier

Im Visier des FBI: Sepp Blatter.

(Foto: AP)
  • Der Korruptionsfall der Vermarktungsagentur ISL gehört zu den größten sportpolitischen Skandalen.
  • Jetzt rollt das FBI den Fall neu auf und untersucht die Rolle des suspendierten Fifa-Chefs Sepp Blatter.
  • Ein noch unbekanntes Schreiben könnte Blatter zum Verhängnis werden.
Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Fünf Jahre ist es her, dass in der Schweizer Stadt Zug der Strafprozess um den Schmiergeldskandal des Fifa-Vermarkters ISL eingestellt wurde. Aber die Affäre wirkt bis heute nach. Das damals gepflegte Korruptions-Schema bildet die Blaupause für die zahlreichen Durchstechereien, die derzeit von der amerikanischen Justiz rund um den Fußball-Weltverband aufgedeckt werden, mit vorläufigem Schwerpunkt in Lateinamerika.

Schweizer und US-Justiz sind diesbezüglich in engem Kontakt, nach SZ-Informationen soll auch der ISL-Fall selbst wieder aufgerollt werden. Angeblich haben sich verschiedene Anknüpfungspunkte ergeben - und ein Fokus der amerikanischen Ermittler soll auf dem derzeit suspendierten Fifa-Präsidenten Sepp Blatter liegen. Die US-Justiz ist offenbar in Besitz eines bisher unbekannten Schreibens, das von Blatters Amtsvorgänger Jõao Havelange stammen soll und seine Kenntnisse der damaligen ISL-Vorgänge in neuem Licht erscheinen lässt. Das Schweizer Bundesamt für Justiz will das Dokument nicht kommentieren, bestätigt nun aber auf Anfrage, dass die US-Behörden schon im März im Zuge eines Rechtshilfeersuchens auch Strafakten aus dem ISL-Verfahren ersucht hätten. Die BBC zitiert einen Vertreter der US-Bundespolizei mit den Worten, sie würden Havelanges Aussagen überprüfen. Der frühere Fifa-Chef, der selbst Gelder von der Agentur erhielt, soll nach SZ-Informationen in dem Dokument bekräftigen, der damalige Generalsekretär Blatter habe uneingeschränkt Kenntnis über sämtliche Aktivitäten im ISL-Kontext gehabt und sei stets informiert gewesen - damit auch über Durchstechereien. Zugleich soll Havelange die an ihn ergangenen Beträge als Provisionen dargestellt haben. Blatter hat stets jede Verfehlung in der ISL-Affäre von sich gewiesen. In einem SWR-Interview bestritt er am Montagabend erneut, Kenntnis von Bestechungen gehabt zu haben. "Das stimmt nicht", sagte der 79-Jährige. Auch für das Fehlverhalten anderer Fifa-Funktionäre trage er keine Verantwortung. Eingedenk der jüngsten Verhaftungen und weiteren Ermittlungen der US-Justiz sagte Blatter: "Sicher habe ich das nicht gewusst. Wenn ich gewusst hätte, was die machen, hätte ich ein Fragezeichen gemacht, hätte gesagt, hört damit auf. Ich bin sauer. Ich bin aber auch sauer, dass ich für alles verantwortlich sein soll.

Das kann ich ja nicht sein." Die Causa ISL war bis vor kurzem der größte Skandal in der Geschichte der Sportpolitik. Von 1989 bis zum Bankrott der Firma 2001 bestachen die Verantwortlichen des Sportrechtevermarkters Funktionäre des Weltsports mit mindestens 142 Millionen Franken, um sich die TV- und Vermarktungs-Rechte zu sichern. Bei einem Großteil des Geldes ist der Verbleib noch ungewiss. Belegt ist, dass unter den Empfängern mehrere Fifa-Funktionäre waren, vorneweg Havelange und sein Schwiegersohn Ricardo Teixeira. Beide kassierten insgesamt 22 Millionen Franken.

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2010 wurde das Verfahren eingestellt - gegen die Zahlung von 5,5 Millionen Franken, womit die Beschuldigten zugleich ihre objektive Schuld anerkennen mussten. Die Funktionäre Havelange und Teixeira zahlten zusammen drei Millionen Franken, die Fifa selbst musste 2,5 Millionen Franken aufbringen. Sie war im Laufe des Verfahrens vom Opfer zum Beschuldigten geworden, weil sie nicht kooperiert hatte. Für die Schweiz war der Fall damit erledigt, für die Experten des FBI ist er das noch nicht.

Dass Blatter von Zahlungen wusste, steht seit Veröffentlichung der ISL-Einstellungsverfügung im Juli 2012 außer Frage. Im Gerichtspapier ist notiert, wie der Agentur einst ein kurioser Irrtum unterlief. Als eine Tranche über eine Million Franken an Havelange überwiesen wurde, landete das Geld nicht auf dessen Privatkonto - sondern auf einem Fifa-Konto.

Von dort wurde es eilig weiter transferiert. In dem erst auf Mediendruck in der Schweiz hin publizierten ISL-Dokument ist auch zu lesen, dass von der irrlichternden Überweisung an den Weltverband nicht nur Havelange, sondern auch eine Person Kenntnis hatte, die in den teils anonymisierten Gerichtsakten als P1 chiffriert wurde. Und P1 ließ sich unschwer als Blatter identifizieren.