Fifa: Korruptionsvorwürfe Die geheime Liste: Bares für Funktionäre

Drei Tage vor der Vergabe der Fußball-WM-Turniere 2018 und 2022 geraten drei weitere Fifa-Mitglieder unter Korruptionsverdacht. Die Politik von Fifa-Boss Blatter verkommt zur Realsatire.

Von Thomas Kistner

Die frohe Botschaft kam Mitte November: Das Führungsgremium des Fußball-Weltverbandes sei gereinigt, verkündeten Fifa-Boss Sepp Blatter und Claudio Sulser, Chef der Ethik-Kommission. Da waren zwei Vorständler aus Tahiti und Nigeria suspendiert worden, die für die WM-Vergaben 2018 und 2022 ihre Stimmen zum Kauf angeboten hatten; dazu vier weitere Topfunktionäre aus Afrika und Tonga, sie hatten Journalisten Namen und Neigungen käuflicher Kollegen verraten.

Er predigt die Nulltoleranz seiner Fifa in der Korruptionsbekämpfung - doch wer glaubt ihm noch? Fifa-Präsident Joseph Blatter.

(Foto: AFP)

Jetzt aber, kurz nach der Proklamation der neuen Reinheit, hat die Fifa ein Problem: Auf einer Zahlungsliste der ehemaligen Fifa-Vermarktungsagentur ISL finden sich 175 Überweisungen, meist Bestechungsgelder an Sportfunktionäre. Die britische BBC hat das Dokument zutage gefördert und wollte am Montagabend berichten, die Liste liegt der SZ vor. Sie nennt Ricardo Teixeira (Brasilien), Nicolas Leoz (Paraguay) und Issa Hayatou (Kamerun) - drei wichtige Mitglieder der Fifa-Exekutive. Diese vergibt am Donnerstag die WM-Turniere - mit dem oder ohne das Trio?

Im Mai 2001 war die im Schweizer Zug ansässige Agentur ISL bankrott gegangen, sie hatte die Sponsor- und Fernsehrechte der Fifa vermakelt. Dabei leitete sie allein in den neunziger Jahren 138 Millionen Schweizer Franken an Funktionäre von Fifa, IOC, Leichtathletik-Weltverband IAAF und andere um, dies stellte das Strafgericht in Zug beim Prozess gegen sechs ISL-Manager fest. Geheim blieben jedoch stets die Empfängernamen, dafür hatte auch die Fifa selbst gesorgt.

So floss an den ISL-Konkursverwalter nach Androhung juristischer Schritte ein Millionenbetrag zurück - aus welcher Quelle, das brachte der zuständige Sonderermittler Thomas Hildbrand nie in Erfahrung. All seine Versuche, an die Namen zu gelangen, bremste das Schweizer Bundesgericht. Im Schatten des ISL-Prozesses aber, bei dem es nicht um Korruption, sondern um Insolvenzdelikte ging, wurde ein entlarvender Vergleich geschlossen.

Die Fifa erhielt diskret 5,5 Millionen Franken zurückerstattet, ein von Hildbrand geforderter Teilbetrag des Gesamtschadens. Einher damit ging das Zugeständnis der Beschuldigten, dass Bestechung vorlag. So erkauften sich Funktionäre um Blatter eine Verfahrenseinstellung nach Paragraf 53 Strafgesetzbuch. Sonst wäre es zum Prozess gekommen - und dabei ihre Identität aufgeflogen.

Nun war all der Aufwand womöglich vergebens. Denn Brasiliens Verbandsboss Teixeira, Südamerikas Kontinentalchef Leoz und der afrikanische Kontinentalchef Hayatou stehen auf der Liste, keiner wollte sich auf BBC-Anfrage äußern. Daneben führt die Liste eine "Garantie" von 1,5 Millionen Franken für einen "JH". Die Initialen weisen auf Blatters Amtsvorgänger João Havelange hin. Zudem sei, mit eher bescheidenen 60.000 Dollar, ein senegalesisches IOC-Mitglied dabei, das einem großen Weltverband vorsitzt: IAAF-Chef Lamine Diack.

Die Milliardenflüsse der TV-Konzerne, von Adidas oder Coca-Cola üben enorme Reize aus auf die Fußballbosse, die offiziell Ehrenämtler sind. Über die ISL hatten sie seit den achtziger Jahren ein Kickback-System etabliert. Die Firma erhielt stets die Rechte, Ausschreibungen gab es nur pro forma, systematisch schmierte die ISL den Verbandsbetrieb. "Diese Praxis war unerlässlich, sie gehörte zum Stil des Geschäfts. Sonst wäre der Bestand des Unternehmens nicht möglich gewesen", sagte Ex-Verwaltungsratschef Christoph Malms 2008 vor Gericht. Gekannt habe er selbst die Begünstigten nicht, ihm sei aber "immer bestätigt worden, es handelt sich um namhafte Entscheidungsträger in der Sportpolitik".

Damals im Zuger Strafprozess wurde nur ein Name publik: Der Paraguayer Leoz stand mit 130.000 Dollar zu Buche. Trotzdem blieb Blatters Ethik-Stab untätig. Dabei lag hier kein Scheinangebot einer Zeitung vor, wie im Fall der jüngst verbannten Drittwelt-Funktionäre, sondern ein dokumentierter Geldfluss. Laut jetzt vorliegender Zahlungsliste erhöht sich Leoz' ISL-interner Kontostand auf 730.000 Dollar, drei weitere Beträge von je 200.000 Dollar tauchen auf. Ob Leoz am Donnerstag zur WM 2018 und 2020 abstimmen wird? Leoz schweigt.

Nichts sagen will auch Afrika-Chef Hayatou zu den 100.000 französischen Franc, die laut ISL-Büchern als "Barzahlung" an ihn geflossen sein sollen. Der Kameruner war 2002 gegen Blatter um den Fifa-Thron angetreten, er wollte moralische Erneuerung in die Fifa bringen.