Fifa-Kongress Wie Blatter wiedergewählt wird

Sepp Blatter steht vor seiner fünften Amtszeit als Fifa-Präsident. Wie viele Stimmen braucht er? Warum tut sich Herausforderer Prinz Ali das überhaupt an? Und wie ist das Prozedere?

Von Saskia Aleythe, Matthias Schmid und Martin Schneider

Wie sieht der Tagesablauf aus?

Da die Fifa nach Schweizer Recht ein Verein ist, sieht auch die Tagesordnung ein bisschen aus, wie die bei der Vollversammlung des Kegelklubs Nordschwabing. Nur ein bisschen umfangreicher. Es geht am Freitag um 9:30 Uhr mit der Begrüßung und diversen Genehmigungen los, dann spricht zum ersten Mal der Präsident. Es folgen Tätigkeitsberichte, nur statt über das Pfingstwandern zu berichten, geht es halt um die Fußball-Weltmeisterschaft. Nach den Finanzberichten und der Genehmigung des Budgets gibt es Informationen zu "sportpolitischen Angelegenheiten" und den letzten Beschlüssen. Darunter auch der Punkt 11.5 "Frauenfussball". Erst danach wird wirklich gewählt.

Die Statuten der Fifa stehen zur Abstimmung, verschiedene Positionen müssen besetzt werden. Der palästinensische Fußballverband hat offiziell vorgeschlagen, den israelischen Verband zu suspendieren. Da der Kongress diesem Vorschlag mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zustimmen wird, wird es danach erstmals spannend, wenn es um die Einsetzung des neuen Exekutivkomitees geht. Das Komitee ist so was wie die Regierung der Fifa.

Uefa-Präsident Michel Platini deutete an, dass der europäische Fußballverband das Organ boykottieren könnte. Das hätte vor allem für DFB-Chef Wolfgang Niersbach Folgen, der eigentlich für Theo Zwanziger nachrücken sollte. Der drittletzte Punkt ist schließlich die Wahl des Präsidenten. Der neue Präsident wird nach der Bekanntgabe der nächsten Kongresse in Mexiko-Stadt und Kuala Lumpur noch eine Schlussansprache halten.

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Wann steht der Gewinner fest?

Möglicherweise schon im ersten Wahlgang. Dann müsste ein Kandidat zwei Drittel der Stimmen bekommen - votieren alle der 209 Mitgliedsverbände der Fifa, wären das 140 Stimmen. In einem möglichen zweiten Wahlgang reicht eine einfache Mehrheit von derzeit 105 Stimmen. Sollte diese auch dann nicht erreicht werden, folgen weitere Wahlgänge, das Ziel ist auch dann stets die einfache Mehrheit. Per Stimmzettel wird in geheimer Wahl der Präsident bestimmt. Seine Amtszeit beginnt, wenn der Kongress beendet ist, sie beträgt vier Jahre.

Welche Probleme bringt das Wahlsystem mit sich?

Das Wahlsystem richtet sich nach dem System Ein Land = eine Stimme, weswegen die Repräsentation von Fußballfans als auch von aktiven Fußballern und/oder Verbandsmitglieder im Kongress massiv verzerrt wird. Ein Beispiel. Der Delegierte der Cook-Inseln spricht für knapp 10 000 Einwohner, von denen geschätzt 1200 irgendwas mit organisiertem Fußball zu tun haben. Der Delegierte des DFB vertritt als größter Sportverband der Welt knapp sieben Millionen Mitglieder. Womit ein Mensch, der in Deutschland organisiert Fußball spielt im Fifa-Kongress rund 5833-mal weniger zu sagen hat, als ein Fußballer von den Cook-Inseln. Der aktuelle Tabellenletzte der Fifa-Weltrangliste, der Fußballverband von Anguilla (liegt in der Karibik), hat noch nicht mal eine eigene Webseite, aber das gleiche Stimmgewicht wie Brasilien. Das führt dazu, dass eine große faktische Mehrheit an Fußballern im Kongress sehr leicht von einer Minderheit überstimmt werden kann.

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Warum ist Blatter Favorit?

Joseph Blatter hat vor der Präsidentenwahl weder ein Programm veröffentlicht noch Wahlkampf betrieben. Nüchtern betrachtet braucht er trotz der gravierenden Korruptionsvorwürfe und der Verhaftung von Teilen seiner Gefolgsleute wie Jeffrey Webb seinen einzigen Gegenkandidaten Prinz Ali bin al-Hussein nicht zu fürchten. Der Präsident kann weiter mit festen Stimmenblöcken aus Afrika, Asien, Ozeanien und (Nord- und Mittel-)Amerika rechnen; die Vertreter aus diesen Konföderationen haben ihn noch nie versetzt - die Allianz beruht auf dem Prinzip des Gebens und Nehmens. Zudem haben diese Konföderationen keine Lust, die Uefa noch stärker werden zu lassen, indem sie einen Vertreter von deren Gnaden wählen.

Einen Theatercoup ausgeschlossen, wird Blatter also wieder Präsident werden. Nach der Wiederwahls Blatters 2007 schien es zunächst so, dass Michel Platini, der Uefa-Präsident, sein natürlicher Nachfolger werden könnte, die beiden verstanden sich blendend. Doch mittlerweile ist der Franzose nicht mehr Blatters Protegé, sondern sein größter Gegner - weil beide sehr unterschiedliche Interessen verfolgen: Der eine will eine starke Uefa, der andere eine starke Fifa.

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Wer ist der Gegenkandidat?

Der einzig verbliebende Gegenkandidat ist Prinz Ali bin al-Hussein. Der 39-jährige Jordanier sitzt seit 2011 als Vizepräsident in der Fifa-Exekutive. Prinz Ali, Halbbruder des jordanischen Königs Abdallah II., soll in der Exekutive noch nie durch eine Wortmeldung aufgefallen sein. Trotzdem wurde er seit dem vergangenen Sommer von Platini hofiert, der auf der Suche nach einem starken Gegner für Blatter war. Der Prinz genießt in seiner eigenen Konföderation, der Asian Football Confederation (AFC), keinen großen Rückhalt: Deren Präsident, Scheich Salman aus Bahrain, hat schon lange verkündet, dass die AFC hinter Blatter steht. Somit war schnell klar, dass Prinz Ali Platinis Hoffnungen auf außereuropäischen Stimmen nicht erfüllen kann, um Blatter ernsthaft herauszufordern.

Die vergangenen Chaostage werden daran nichts ändern können. Prinz Ali glaubt dennoch weiter an seine Chance und hält sich für den einzigen geeigneten Mann. Fast trotzig erklärte er am Tag der Verhaftungen: "Die Fifa braucht eine Führung, die die Nationalverbände leitet, führt und schützt. Eine Führung, die ihre Verantwortung akzeptiert und das Vertrauen der Millionen Fußballfans der Welt zurückgewinnt."