FC Bayern über Leipzig "Die sollen die Faxen lassen"

Timo Werner (rechts) narrt Tom Starke.

(Foto: AFP)
  • Die Aufsteiger aus Leipzig werden trotz Niederlage als zukünftige Bayern-Herausforderer akzeptiert und ausgemacht.
  • Durch die 4:2-Führung von RB Leipzig in ihrem Stolz verletzt, drehen die Münchener die Partie in der Nachspielzeit.
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Von Javier Cáceres, Leipzig

Als die sagenhaft verrückte Partie vorüber war, wurde im Vorhof der Umkleidekabinen des Leipziger Stadions Mimikry in Reinform geboten. Zu sehen gab es ein Zeugnis der Anpassungsfähigkeit von Zugereisten. Nicht alles, was der brasilianisch-stämmige, spanische Mittelfeldspieler Thiago Alcántara brüllte, war verständlich, manches verlor sich im Echo, das die Katakomben füllte. Dies aber war unmissverständlich: "¡Que se dejen de tonterías! ¡Somos el Bayern, joder!", frei übersetzt in etwa: "Die sollen die Faxen lassen! Wir sind die Bayern, verdammt!" Oder eben: Mia san mia goes Latino.

Es war tatsächlich so, dass man die wahnwitzige Wendung des Spiels zwischen dem bereits vor zwei Wochen zum neuen deutschen Meister gekürten FC Bayern sowie dem Emporkömmling aus Leipzig nicht erklären konnte, ohne den verletzten Stolz der Münchner (oder Wahl-Münchner) heranzuziehen. Mit 4:2 hatten die Leipziger bis zur 83. Minute geführt, am Ende stand es 5:4 für die Bayern. Und es spielte eine Rolle, dass die Leipziger im Überschwang eines sicher geglaubten Sieges den Ball hatten zirkulieren lassen, als wollten sie ein Trainingsrondo auf- und den Herrscher der letzten fünf Bundesligajahre vorführen. Das Publikum jauchzte, es höhnte und es lachte dazu, bis die Bayern aufs Blut gereizt waren.

In der Schlussphase kommen die Bayern aus der Sommerpause zurück

"Natürlich, im Nachhinein können wir uns hinstellen und sagen, das war so. Es war schon ein bisschen aufreizend", sagte der Weltmeister Thomas Müller, der in der 67. Minute für Joshua Kimmich eingewechselt worden war. Zu einem Zeitpunkt also, da Marcel Sabitzer (2. Minute), Timo Werner (Foulelfmeter, 29./60.) sowie Yussuf Poulsen (47.) für Leipzig und Robert Lewandowski (Handelfmeter, 17.) sowie Thiago (60.) für den FC Bayern getroffen hatten.

Das bayerische Element hatte aber zuvor schon Arturo Vidal zur Aufführung gebracht, als er sich in eine Art Anden-Effenberg verwandelte und sich unmittelbar nach seiner Einwechslung (60.) eine gelbe Karte für ein Foul abholte, das in all seiner Rüdheit vermutlich keinen tieferen Sinn verfolgte, als zu signalisieren: So nicht! Da spätestens war das Gefühl verflogen, das die Bayern zu Beginn des Spiels verströmt hatten. "Man hat gesehen, dass wir schon ein bisschen in der Sommerpause waren", sagte Kapitän Philipp Lahm. In der Schlussphase der Partie hingegen vermittelten die Bayern nur noch den Eindruck, "dass wir, wenn man uns reizt, auf jeden Fall zurückkommen wollen", wie Thomas Müller zu Protokoll gab.

Irre Wendung in der Nachspielzeit

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Erst traf Lewandowski mit seinem 30. Saistontor zum 3:4, und nachdem Vidal den Ball aus dem Netz geholt hatte - Aussage: Da geht noch was! -, spielte nur noch ein Team. Die Umstände, dass David Alaba mit einem traumhaft präzisen Freistoß in den Winkel (90.) traf und Arjen Robben schließlich den Siegtreffer fabrizierte, hatten etwas Zwangsläufiges. Nach einem Pass von Müller war Robben auf der rechten Seite aufs Tor zugestürmt, "von der Mittellinie ungefähr", wie er sich später erinnern sollte, hatte zwei Abwehrspieler umkurvt und den Ball über den herausstürzenden Torwart Peter Gulacsi hinweg gelupft.

Dank seiner Machart und des Zeitpunkts hatte das Tor sofort musealen Charakter. Einzig Müller bekam Robbens Kunstwerk nicht mit, er befand sich "in einem Wortgefecht mit dem Kollegen Keita", der ihm nach dem Pass brutal in die Wade getreten hatte, ohne Chance, den Ball zu spielen - "ein Attentat" nannte es Müller.