Dopingaffäre im russischen Biathlon Absturz der Senkrechtstarter

Doping im Biathlon? Die ganze Sportart fürchtet um ihren Ruf.

Zwei Dopingfälle im russischen Biathlon sorgen kurz vor den Winterspielen in Sotschi nicht nur im Land der Gastgeber für Unruhe. Die ganze Sportart fürchtet um ihren Ruf.

Von Thomas Kistner

Russlands aktuell beste Biathletin hat aufgegeben. Dass Irina Starych nicht teilnehmen darf an Wladimir Putins Winterspielen an der Schwarzmeerküste, liegt an einem vertrauten Problem des russischen Sports: Kurz vor der Jahreswende war bei Starych anlässlich eines unangekündigten Dopingtests eine positive A-Probe ermittelt worden.

Es war kein Zufall, sondern eine Zielkontrolle, veranlasst eingedenk der sprunghaft verbesserten Saisonleistungen, die die 26-jährige bis dahin gezeigt hatte. Und noch eine zweite Zielkontrolle gab es, auch sie war positiv. Ekaterina Jurjewa soll die Sünderin sein, heißt es in russischen Medien und informierten Kreisen. Pikant: Sie hat bereits eine Zweijahres-Sperre wegen Epo-Dopings hinter sich - und auch jetzt wird von Epo geraunt.

Russische Biathletin zieht sich von Olympia zurück

Eine positive A-Probe wird der Skijägerin Irina Starych zum Verhängnis: Wenige Tage vor Beginn der Olympischen Spiele erklärt die Sechste des Gesamtweltcups ihren Verzicht auf die Spiele. Die Überführte spricht von einem "Missverständnis". mehr ...

Die zwei Verdachtsfälle erschüttern die Glaubwürdigkeit des russischen Sports so kurz vor der Sotschi-Eröffnung bis ins Mark. Starych, aktuell Sechste im Gesamtweltcup, teilte am Donnerstag auf der Seite des russischen Biathlon-Verbands RBU mit: "Ich habe von der IBU (Biathlon-Weltverband; d. Red.) ein Schreiben erhalten, dass eine meiner Proben positiv war. Dies kommt für mich sehr überraschend." Sie habe daraufhin "sofort beschlossen, die Öffnung der B-Probe zu beantragen. Ich denke, dass es sich um ein Missverständnis handeln muss".

Im russischen Biathlon-Verband wird diese Einschätzung keineswegs geteilt. Starych gehört, ebenso wie die verdächtigte Jurjewa, dem "Kommando Korolkowitsch" an, wie sich die mit sieben Athletinnen größere Trainingsgruppe der in zwei Teams aufgeteilten nationalen Skijäger-Elite nennt. Die andere umfasst fünf Sportlerinnen und heißt "Kommando Pichler" - benannt nach ihrem Trainer Wolfgang Pichler, der in der Wintersportszene seit vielen Jahren für einen klaren Anti-Doping-Kurs bekannt ist. Mit großer Erleichterung hatte der 59-Jährige aus Ruhpolding vor der Abreise am Donnerstag nach Sotschi betont, dass seine Schützlinge nicht betroffen sind.

Am Dienstagabend schon hatte die IBU verkündet, dass drei Biathleten - ein dritter Sündenfall betrifft Litauen - wegen positiver A-Proben provisorisch für alle offiziellen Wettbewerbe gesperrt werden. Namen hatte der Weltverband so wenig genannt wie die verbotenen Substanzen oder Praktiken, die den Verdächtigen angelastet werden. Das erhöht die Verunsicherung und das Misstrauen innerhalb der russischen Delegation. Richtig grün waren sie sich dort schon lange nicht mehr, nachdem es bei der WM im Vorjahr nicht eine Medaille für das Biathlon-Team gegeben hatte.

Cheftrainer Pichler verwies zwar auf die durchaus ansehnlichen Platzierungen, "in sechs Rennen kamen wir unter die ersten Fünf", aber die Ausbeute erschien manchem zu dünn - vor allem Putins Administratoren, die auch die Sportführung durchziehen. "Es gab Druck von der Regierung", sagt Pichler, der dann selbst eine Konsequenz zog: Als Chefcoach abgesetzt, zog er sich auf den Job als Funktionstrainer zurück und bildete mit Olga Saizewa, Jekaterina Schumilowa, Jana Romanowa, Jekaterina Glasjeina und Olga Wiluchina seine eigene Gruppe.