Doping-Skandal in der Leichtathletik Patient wehrt sich

Nah dran: IOC-Chef Thomas Bach (links) bei der Spiele-Eröffnung in Sotschi neben Wladimir Putin.

(Foto: REUTERS)
  • Der Bericht der Wada-Untersuchungskommission zum Dopingproblem im russischen Leichtathletikverband sorgt für Aufsehen.
  • Russische Funktionäre wollen den Bericht nicht als wahr anerkennen - es würden Fakten fehlen.
  • Dabei strotzt das Dokument vor Details eines systematischen Dopings in Russland.
Von Johannes Knuth

Immerhin, ihren Humor haben die Lenker der russischen (Sport-)Politik noch nicht verloren. Dimitri Peskow, Sprecher von Staatschef Wladimir Putin, richtete am Dienstag aus, die unabhängige Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada habe leider vergessen, ihren Aufsatz über systemisches Doping in der russischen Leichtathletik mit Beweisen anzureichern. Deshalb sei die Geschichte für den Kreml "eher gegenstandslos".

Es gibt Hinweise darauf, dass Peskow seine Ausführungen tatsächlich ernst meinte; zumindest war es der vorerst einzige Versuch der russischen Regierung, den 335 Seiten prallen Bericht vom Montag zu kommentieren. Jenen Bericht also, der an Fakten und Details über systemischen Betrug überquillt. Und den Richard Pound, Chef der Untersuchungskommission, am Montag als "staatlich gesponsortes Doping" klassifizierte.

Eine Schmiergeldader führte durch den russischen Verband

Tag eins nach dem Beben, das Pounds Ermittler ausgelöst hatten mit ihrem Report sowie der Forderung, russischen Leichtathleten den Zugang zu internationalen Wettkämpfen im kommenden Jahr zu verstellen: Die Erschütterungen waren noch allerorten zu spüren. Auch, weil sich Beobachtern ein Eindruck davon bot, wie verrottet und verästelt das Biotop der russischen Leichtathletik war und bis heute mancherorten noch ist.

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Die Ermittler schildern ein System, in dem Athleten meistens ein Weg aufgezeigt wurde: jener des Betrugs. Wenn ein Athlet betrog, konnte er ziemlich sicher sein, nicht erwischt zu werden; zum Beispiel, weil die russische Anti-Doping-Agentur Rusada seine Proben manipulierte, natürlich gegen ein kleines Schutzgeld. Kamen Dopingtester doch einmal unangekündigt vorbei, eröffneten ihnen die Trainer schon mal, ihre Athleten dürften jetzt nicht getestet werden, weil es sich um ein privates Hotel handele. Hä?

Sergej Portugalow, einst Chefarzt der Leichtathleten, sicherte den Nachschub an Dopingmitteln, manche Athleten behandelte er persönlich. Dirigiert wurde das System von Gregory Rodschenkow, dem mittlerweile zurückgetretenen Leiter des Moskauer Kontroll-Labors. Rodschenkow soll sich einmal wöchentlich mit Agenten des Geheimdienstes FSB getroffen haben, um über die "Laune der Wada" Bericht zu erstatten. Er soll auch mehr als 1400 Proben vernichtet und Athleten erpresst haben, um Dopingtests verschwinden zu lassen.

Die Wada-Kommission stieß bei ihren Ausgrabungsarbeiten dabei auf zwei Schmiergeldadern: Eine, die offenbar seit den 1960er Jahren in Russland existiert, eine zweite, die seit einer Weile in die IAAF hineinfloss - vermutlich bis zu Lamine Diack, dem ehemaligen Präsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes, gegen den französische Staatsanwälte ermitteln.

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Keine Beweise? Die Wada entzog dem Moskauer Labor am Dienstag in einer ersten Reaktion die Akkreditierung. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) kündigte Diack die Ehrenmitgliedschaft, es prüft auch, ob man Medaillen von den Spielen 2012 neu verteilen muss. Ein möglicher Ausschluss russischer Leichtathleten führte zu einem lebhaften Diskurs. Pound hatte die Verbannung mit einer Operation verglichen, der sich der schwerkranke Patient Russland unterziehen müsse, gefolgt von einer langen Reha.