DFB-Sportdirektor Hansi Flick "Die werden doch jetzt nicht diesen Trick machen..."

Epochal, auch für die Trainer: Co-Trainer Hansi Flick jubelt mit Bundestrainer Joachim Löw beim 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien.

(Foto: imago/MIS)

Mit seiner Wiederentdeckung der Standardsituationen hat Joachim Löws Assistent Hansi Flick die erfolgreiche Titel-Mission in Brasilien geprägt. Im Gespräch mit der SZ spricht er über entscheidende Turniermomente, einen bisher geheimen WM-Helden - und erklärt, was der DFB noch verbessern muss.

Von Christof Kneer

Die 88. Minute im WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und Algerien. Es gibt einen Freistoß für die deutsche Elf. Thomas Müller läuft an, fällt hin, rappelt sich auf, rennt weiter - und plötzlich ist jene legendär tölpelhafte Szene in der Welt, die zunächst als Symbol für all die Missgeschicke dieser umkämpften Partie gilt. Die aber später eine Erklärung dafür sein wird, warum die Nationalmannschaft in Brasilien am Ende den Titel gewinnt: auch, weil sie den Wert der Standardsituationen wieder für sich entdeckt hat. Thomas Müllers Sturz ist nämlich Absicht, er soll den Gegner verwirren.

Hansi Flick, bei der WM noch Co-Trainer von Joachim Löw und seit dem 1. September Sportdirektor beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), berichtet nun im großen Interview mit der Süddeutschen Zeitung, wie genau es zu dieser Variante kam: "Wir haben sie im Training in Brasilien einstudiert", sagt Flick, "zuvor hatten wir den Spielern eine Szene auf Youtube gezeigt, wie ein Schütze vor dem Elfmeter absichtlich hinfällt - und sicher verwandelt." Vor dem Algerien-Spiel habe dann Thomas Müller "in der Kabine gesagt: Jungs, beim ersten zentralen Freistoß, den wir heute bekommen, ziehen wir das durch. Heute trauen wir uns!"

Hansi Flick im Wortlaut

Das Interview mit Hansi Flick lesen Sie in der Süddeutschen Zeitung vom 31. Dezember oder in der digitalen Ausgabe auf dem Smartphone oder Tablet.

Dass der erste zentrale Freistoß fast die gesamte reguläre Spielzeit auf sich warten ließ, war eine Geschichte dieses umkämpften Schlüsselspiels gegen Algerien in Porto Alegre, das schließlich der eingewechselte André Schürrle durch ein Tor in der Nachspielzeit für die DFB-Elf entschied. "Man muss sich das mal vorstellen", erinnert sich Hansi Flick: "Es ist die 88. Minute, im Achtelfinale einer WM. Ich weiß noch, wie ich zum Torwarttrainer Andy Köpke rüber schaue und sage: Die werden jetzt doch nicht diesen Trick machen, die werden doch nicht... Aber dann hatten sie ihn schon gemacht."

Hansi Flick galt während seiner acht Jahre als Assistenzcoach als Anhänger von Standardsituationen, während Löw das Augenmerk stets mehr auf spielerische Lösungen legte. Doch "gerade bei so einem extremen Turnier" in der Hitze Brasiliens habe man "den Wert der Standards wieder mehr betonen" wollen, sagt Flick. Dies war zunächst einmal Flicks Auftrag.

Doch "es gehört auch zu unserem Job, sich umzuhören, wer wo etwas besonders gut kann" berichtet Flick - und lenkt das Augenmerk auf einen bisher unbekannten WM-Protagonisten: "In Freiburg gibt es einen Co-Trainer beim SC, Lars Voßler, der sich mit Standards hervorragend auskennt. Vor zwei Jahren haben die Freiburger eine hervorragende Saison gespielt, mit vielen hervorragenden Standards, so etwas fällt natürlich auf. Ich habe dann mal mit Lars Voßler telefoniert, in diesem Frühjahr habe ich ihn zu einem Workshop mit unseren DFB-Juniorentrainern eingeladen, und da hat er ein paar Varianten präsentiert."

In der Folge habe er "Lars Voßlers Ideen dann aufgenommen und mir davon ausgehend weitere Gedanken gemacht, was das für unsere Mannschaft bedeuten könnte", berichtet Flick. "Das habe ich Jogi und dem Team vorgetragen", dann habe man gemeinsame Strategien daraus abgeleitet.

"Man of se Match is Swainstaigr"

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Aus dem Training von Ecken und Freistößen habe man "einen Wettbewerb gemacht", sagt Flick, "Spieler wollen sich messen, sie wollen die Möglichkeit haben, zu gewinnen. Das interessiert die Jungs mehr, als wenn man nach dem Training stupide drei Ecken von rechts und drei von links reinschlägt. Und es war schön zu sehen, wie auf einmal ein Prozess im Team stattgefunden hat: Man hat richtig gemerkt, wie sich Eigenverantwortung entwickelt hat, wie die Jungs mit- und weitergedacht haben. Und dann ist es für eine Gruppe natürlich sensationell, wenn du einen wie Thomas Müller dabei hast."

Das Achtelfinale gegen Algerien ist für Hansi Flick rückblickend ein Schlüsselmoment der WM-Mission: "Alle haben gemerkt: Auch wenn's mal nicht so läuft, haben wir die Qualitäten, ein schwieriges Spiel für uns zu entscheiden, zur Not über Tugenden wie Wille und Einsatz und weniger spielerisch. Nach diesem Spiel waren die Spieler komplett aufs Gewinnen fokussiert."

Weitere entscheidende Wegmarken seien aber auch die Turnier-Vorbereitung in Südtirol ("Da haben wir schon gespürt: Hier entsteht was. Die Gruppe funktioniert") sowie "Manuel Neuers Parade in der Nachspielzeit" im Viertelfinale gegen Frankreich gewesen. Flick: "Dieses Spiel hat uns unglaublich Kraft gekostet, es war sehr heiß in Rio, schon in der Halbzeit haben ein paar Spieler geschnauft und gesagt: Wahnsinn! Wenn da kurz vor Schluss das 1:1 fällt, wer weiß, wie's dann ausgeht. Im entscheidenden Moment hatten wir halt den Teufelskerl hinten drin."

Hansi Flick spricht in dem Interview auch über seine ersten Erkenntnisse als DFB-Sportdirektor: "In Italien passiert im Nachwuchs inzwischen eine Menge", sagt er, "in England auch, in Belgien, Portugal, Frankreich und in Spanien sowieso. Es gibt einige Nationen, die im Juniorenbereich vielleicht sogar bessere Einzelspieler haben als wir - aber als Team können wir immer bestehen. Jetzt muss es aber darum gehen, auch die Einzelspieler aufs Höchstniveau zu bringen. Das ist nun meine Aufgabe."

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