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Die Turnier-Einzelkritik:Lausbuben zum Fürchten

Manuel Neuer verbreitet mit schelmischem Lächeln Schrecken, Jérôme Boateng bewirbt sich um einen Platz in der extraterrestrischen Auswahl und Thomas Müller gewinnt die Mr.-Bean-Blechplakette. Die DFB-Elf in der Turnier-Einzelkritik.

Von Christof Kneer und Philipp Selldorf, Rio de Janeiro

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Die Turnier-Einzelkritik:Manuel Neuer

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Quelle: AP

Manuel Neuer verbreitet mit schelmischem Lächeln Schrecken, Jérôme Boateng bewirbt sich um einen Platz in der extraterrestrischen Auswahl und Thomas Müller gewinnt die Mr.-Bean-Blechplakette. Die DFB-Elf in der Turnier-Einzelkritik.

Manuel Neuer: Galt vor dem Turnier in Fachkreisen von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen als weltbester Torwart. Gilt nun auch zwischen Oiapoque und Chuy sowie vom nördlichen Nordpol bis zum südlichen Südpol als weltbester Torwart. Gemäß dem Schweizer Weltfußballpräsidenten Joseph S. Blatter wird ja auch extraterrestrisch Fußball gespielt - auch dort müsste Neuer aber nach irdischem Ermessen keinen Gegner fürchten. Beim mühsamen Achtelfinale gegen Algerien (2:1 n. V.) war Neuer bester Torwart, bester Abwehrspieler, bester Pass-Spieler, der Mutigste und Klügste. Ausländische Beobachter erkundigten sich deshalb, warum denn die Deutschen ihren besten Feldspieler ins Tor stellten. Beim Viertelfinale gegen Frankreich (1:0) gab er die Antwort auf diese Frage, indem er Karim Benzemas Schrägschuss mit einer Handballgoalie-Geste aus dem Weg lenkte. Der Schuss war 100 Kilometer schnell, vielleicht auch 200 - Neuer genügte es, eine einzige Hand zu erheben.

Der 28 Jahre alte Gelsenkirchener hat zwar immer noch das schelmische Lächeln eines Lausbuben, dennoch ist er inzwischen eine Person zum Fürchten - dies allerdings nur für die gegnerischen Angreifer. Sie werden ängstlich und unruhig, wenn sie Neuer gegenüberstehen. Argentiniens Angreifer Higuaín wird noch lange an den Moment denken, wie plötzlich der riesige Schatten des deutschen Torwarts auf ihn fiel (glücklicherweise braucht er aber keine neuen Jacketkronen). Wenn Neuer den Ruf, den er bei diesem Turnier erworben hat, in den nächsten Jahren ausbaut, kann es passieren, dass die Stürmer schon vor ihm weglaufen, bevor sie einen Schuss abgegeben haben.

Jens Lehmann hat seinem Nachfolger übrigens prophezeit, die besten Jahre kämen noch. Manuel Neuer könne der größte Torwart der deutschen Geschichte werden - ein unglaubliches Kompliment, denn es bedeutet, dass Lehmann unter Umständen, eventuell und vielleicht bereit wäre, Neuer für besser zu halten, als er selber war. Und er war erwiesenermaßen der Beste (Quelle: Jens Lehmann). 1986 war Toni Schumacher der beste Torwart des Turniers und der Welt, dann kam das Finale - und Schumacher hat gehalten "wie ein Arsch", so hat er selbst das formuliert. 2002 war Oliver Kahn der beste Torwart des Turniers und der Welt, dann kam das Finale - und Kahn hat den entscheidenden Ball nicht festgehalten. Im Finale 2014 war Neuer genauso gut wie vor dem Finale. Also bestens.

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Die Turnier-Einzelkritik:Roman Weidenfeller und Ron-Robert Zieler

Germany v Algeria: Round of 16 - 2014 FIFA World Cup Brazil

Quelle: Getty Images

Roman Weidenfeller (li.) und Ron-Robert Zieler (re.): Früher hieß es bei Weltmeisterschaften: Bei den meisten anderen Teams wären die deutschen Ersatztorhüter Stammtorhüter. Diesmal wären sie das nicht. Das liegt aber nicht daran, dass die deutschen Ersatztorhüter schlechter geworden wären, sondern die Torhüter von Costa Rica, Mexiko und Argentinien besser. Weidenfeller, 33, und Zieler, 25, hätten aber - wären sie für Neuer eingewechselt worden - sicher nicht gehalten wie Ärsche.

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Die Turnier-Einzelkritik:Philipp Lahm

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Quelle: AFP

Philipp Lahm: Die Technische Kommission der Fifa hat ihn in die Auswahl der besten Spieler des Turniers aufgenommen. Hierbei handelt es sich jedoch um eine technische Besonderheit, offenbar enthalten die Fifa-Computer einen Software-Befehl, der den Namen Lahm automatisch in die Allstar-Elf druckt. Tatsächlich hat Philipp Lahm, 30, vorübergehend ein schlechtes Turnier gespielt - jedenfalls für seine Verhältnisse. Zwar bewegt sich ein Lahm in relativ minderer Form immer noch auf einem Niveau, das die meisten anderen Spieler neidisch werden lässt und ihn für 204 von 204 Nationalmannschaften qualifizieren würde. Aber gut: Lahm wird an Lahm gemessen, und Lahm war schon mal besser als am Anfang der Weltmeisterschaft.

Die Hälfte des Turniers spielte Philipp Lahm im deutschen Mittelfeld, weil Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira wegen Verletzungsfolgen nur als Halbtagskräfte zur Verfügung standen. Hier unterliefen ihm immer wieder mal Fehlpässe - eigentlich eine Normalität für Mittelfeldspieler; weil es Lahm betrifft, war es jedoch eine Sensation. Nach hausinternen Diskussionen sowie im Zuge der wundersamen Erstarkung von Schweinsteiger und Khedira wurde Lahm wieder auf die rechte Abwehrseite abgezogen. Hier verteidigte er präzise und spielte wunderbare Pässe. Im Finale war er fehlerfrei wie in den besten Tagen, jünger und schneller als je zuvor. Stammplatz im Allstarteam. Wie immer.

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Die Turnier-Einzelkritik:Jerome Boateng

Germany's Boateng and Draxler wear their gold medals after their team won the World Cup trophy at the end of their 2014 World Cup final against Argentina at the Maracana stadium in Rio de Janeiro

Quelle: REUTERS

Jérôme Boateng: Zunächst rechts hinten eingesetzt, weil Lahm schon fürs Mittelfeld gebucht war. Fiel als Flügelflitzer und Flankengott auf, umso mehr, weil er mit seinen 1,92 Metern nicht wie der klassische Flügelflitzer aussieht. Sondern eher wie ein Innenverteidiger, was er auch ist, was er sein möchte und nach Lahms Rückkehr auf den Stammposten auch wieder sein durfte. Boateng, 25, hat die besten Anlagen, um der beste deutsche Innenverteidiger zu sein: Er ist schnell, athletisch, zweikampfstark und kann dem Gegner, wenn's sein muss, auch mal wehtun. Neigt gelegentlich zur Fernfahrerkrankheit (Sekundenschlaf), diesmal aber bis zum Ende gut ausgeruht. Deswegen blieb er auch im Team, als Löw die Abwehr umbesetzte: Seinen Platz abtreten musste der Jubilar Per Mertesacker, der just erst sein 100. Länderspiel bestritten hatte. Nichts gegen Mertesacker, aber so ein Spiel, wie es Boateng im Finale hinlegte, hätte er nicht hingekriegt. Trost für Mertesacker: Fast alle anderen Verteidiger auf der Welt hätten das auch nicht geschafft. Qualifiziert für die Weltelf, mit Anwartschaft auf die extraterrestrische Auswahl.

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Die Turnier-Einzelkritik:Mats Hummels

World Cup 2014 - Mats Hummels

Quelle: dpa

Mats Hummels: Hat die Anlagen, der Franz Beckenbauer der Neuzeit zu werden, ohne jedoch wie Beckenbauer zu spielen. Gemeinsam ist den beiden eine gewisse Körperhaltung bei der Ballführung und die elegante Beiläufigkeit bei der Spieleröffnung und beim langen Pass. Gar nicht gemeinsam ist ihnen zum Beispiel das Kopfballspiel: Mit Kopfballtoren, wie sie Hummels gegen Portugal (4:0) und gegen Frankreich erzielte, hat sich Beckenbauer früher nicht abgegeben, dafür hatte er seine Bediensteten.

Hummels, 25, hatte es nicht immer leicht in der Nationalmannschaft, inzwischen lebt er mit Joachim Löw in friedlicher Koexistenz. Früher neigte der Dortmunder zur Überheblichkeit im Spiel, inzwischen spielt er sachlicher, konkreter und risikoloser. Verzichtet deswegen auf manchen steilen Pass, der zum steilen Konter führen könnte. Konzentriert sich auf sein Kerngeschäft. Mittlerweile eine Autorität. Im Finale war er offensichtlich nicht ganz fit, daher öfter mal im Stil einer Anti-Autorität. Machte im zweiten Spiel hintereinander kein Kopfballtor. Bedenklich!

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Die Turnier-Einzelkritik:Benedikt Höwedes

Thomas Eisenhuth

Quelle: Thomas Eisenhuth/dpa

Benedikt Höwedes: Der größte Außenseiter im Team. Erstens weil der 26-Jährige als gelernter Innenverteidiger links außen spielen muss, und zweitens, weil er nach Meinung großer Teile des Publikums in dieser Mannschaft nichts verloren hat. Tatsächlich ist die fußballerische Lücke zwischen Höwedes und dem Rest des Teams - inklusive Torwart - einigermaßen beträchtlich. Allerdings wird er durch seine ungewohnte und für ihn unpassende Position erheblich gehandicapt. Inzwischen erkennt im Übrigen auch das Publikum seinen Wert fürs große Ganze an. Defensiv sehr solide und außerordentlich zweikampfstark, gefährlich bei Ecken und Freistößen, von Löw deswegen sehr geschätzt und mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Neben Neuer und Lahm der Einzige, der jede Turnierminute gespielt hat. Höwedes als Linksverteidiger Weltmeister. Wahnsinn.

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Die Turnier-Einzelkritik:Per Mertesacker

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Quelle: AP

Per Mertesacker: Als er während der Vorrunde noch Stammspieler in der sogenannten Ochsenabwehr war, erzählte er begeistert, wie viel er bei der vorigen EM als Reservist gelernt hätte. Plötzlich bekam er wieder neue Gelegenheit hinzuzulernen. Ab dem Viertelfinale nicht mehr in der ersten Elf, was aber nichts mit dem ZDF-Zornausbruch ("Wut-Per") zu tun hatte. Kam stattdessen als Wechselochse, wenn im ersten Gespann eine Lücke entstand. Obwohl er inzwischen im Rang des Veteranen steht, kann es Mertesacker, 29, auch zur nächsten EM schaffen. Die könnte dann wieder lehrreich für ihn werden. Schneller wird er bis dahin nicht werden, und er war jetzt schon nicht mehr der Schnellste, was auch den Trainern nicht entgangen ist. Intern war Mertesacker kein "Wut-Per", sondern ein gelber Engel: immer helfend zur Stelle, wenn ein Kollege Wasser oder Zuspruch brauchte. Erhält von der Kanzlerin auf Löws Betreiben den Verdienstorden für Turnier und Lebenswerk.

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Die Turnier-Einzelkritik:Matthias Ginter

Germany v Argentina: 2014 FIFA World Cup Brazil Final

Quelle: Getty Images

Matthias Ginter: Neben dem Trainer der zweite Weltmeister aus Freiburg. Galt vor der WM als sicherer Kandidat für kurze Einsätze. Dann kam jedoch in der letzten Minute vor der Abreise der junge Ochse Shkodran Mustafi hinzu. Wird bald nach Dortmund wechseln, wo der 20-Jährige sogar noch mehr Weltmeister trifft als in Freiburg.

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Die Turnier-Einzelkritik:Shkodran Mustafi

World Cup 2014 - Round of 16 - Germany vs Algeria

Quelle: dpa

Shkodran Mustafi: Kam in der letzten Minute hinzu und überholte Ginter als Spitzenkandidat für die Abwehr. Bekam dreimal Gelegenheit, seinen "wunderschönen Kopfball" (Chefscout Urs Siegenthaler) vorzuführen, spielte ansonsten aber nicht unbedingt wunderschön. Ist jetzt einziger Weltmeister bei Sampdoria Genua, würde aber lieber bei den anderen Weltmeistern in Dortmund, München oder Freiburg spielen. Sein Rang auf dem Transfermarkt hatte zwischenzeitlich gelitten, weil er gegen Algerien auf ungewohnter Position spielte und das Ungewohnte nicht verbergen konnte. Schon vergessen. Mustafi, 22, ist Weltmeister. Wahnsinn.

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Die Turnier-Einzelkritik:Erik Durm

Germany v Argentina: 2014 FIFA World Cup Brazil Final

Quelle: Laurence Griffiths/Getty Images

Erik Durm (re.): Schräge Karriere. Als Linksverteidiger Spezialkraft und Positions-Monopolist. Verdrängte den etablierten Marcel Schmelzer aus dem WM-Kader, wurde innerhalb des Kaders dann aber von Höwedes verdrängt. Kein Einsatz, aber ein wunderschönes Souvenirfoto mit den elfjährigen Zwillingskindern von Miroslav Klose, die unwesentlich jünger aussehen als er (22). Geht als Weltmeister zurück zum BVB, wo ihn Schmelzer voraussichtlich wieder von der linken Abwehrseite verdrängen wird.

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Die Turnier-Einzelkritik:Kevin Großkreutz

Germany v Argentina: 2014 FIFA World Cup Brazil Final

Quelle: Getty Images

Kevin Großkreutz: Im Gegensatz zu Durm keine Spezialkraft, sondern ein Allzweckinstrument. Als solches nicht benötigt. Außer im Finale, als der 25-Jährige sich bereits des Leibchens entledigt hatte, um sich für den darniederliegenden Schweinsteiger einwechseln zu lassen. Die Legende sagt, dass Schweinsteiger von den Toten auferstand, als er das gesehen hat. Kämpft in Dortmund nun mit Durm und Ginter um die Rolle des ersten Einwechselspielers. Bleibt trotzdem für immer Weltmeister.

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Die Turnier-Einzelkritik:Bastian Schweinsteiger

Germany v Argentina: 2014 FIFA World Cup Brazil Final

Quelle: Getty Images

Bastian Schweinsteiger: Bekommt ebenfalls eine Tapferkeitsmedaille, wahrscheinlich sogar eine etwas größere Plakette als Höwedes und Mertesacker, eventuell sogar ergänzt um die goldene Mullbinde für versehrte Helden. Kam verletzt zur WM-Vorbereitung und angeschlagen zum Turnier, seine Einsatztauglichkeit galt allgemein als ungewiss - selbst das Trainerteam wusste nicht, was ihm zuzutrauen ist. Spielte dann ein paar Minuten gegen Ghana (2:2) mit und sah danach aus, als ob es ein paar Stunden gewesen wären. Im nächsten Spiel von Anfang an dabei und seitdem immer. Etablierte sich wieder in seiner Rolle als international renommierte Mittelfeld-Autorität, dessen Namen die Gegner zwar nicht aussprechen können, der sie aber ehrfürchtig werden lässt. Brachte sich plötzlich wieder in Turnierform, weiß vermutlich selbst nicht, wie er das gemacht hat. Die private These von Schweinsteiger, 29, dazu lautet: "Die Willenskraft ist wichtiger als der Körper." Sie scheint zu stimmen. Vor allem deshalb, weil am Ende des Finales von seinem Körper nicht mehr viel übrig war.

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Die Turnier-Einzelkritik:Sami Khedira

Germany v Argentina: 2014 FIFA World Cup Brazil Final

Quelle: Getty Images

Sami Khedira: Siehe Schweinsteiger. Hat sich gegen berechtigte Zweifel an der Einsatztauglichkeit (Kreuzbandriss im November) in seiner Rolle als international renommierte Mittelfeldkapazität etabliert und befand sich plötzlich in Turnierform. Im Verbund mit dem eher standorttreuen Strategen Schweinsteiger übernahm Khedira, 27, den dynamischen Part. Zog das deutsche Spiel bis in die Spitze und fungierte somit als Lokomotive fürs große Ganze. Schnaufte und dampfte auch manchmal. Arbeitete sich wie Schweinsteiger über das Turnier hinweg wieder zur Ganztagskraft hoch - bis er sich am Finaltag vom Sport befreien lassen musste (Ballack-Wade). Hat innerhalb von sieben Wochen die Champions League und die WM gewonnen, muss bei Real aber trotzdem um seinen Platz fürchten wegen eines Neulings in Madrid. Toni Kroos kommt aus München.

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Die Turnier-Einzelkritik:Toni Kroos

Germany v Argentina: 2014 FIFA World Cup Brazil Final

Quelle: Getty Images

Toni Kroos: Bringt alles mit, um nächstes Jahr als Ganztagskraft bei Real Madrid zu spielen. Zu großen Teilen ein großartiges Turnier. Hat sich entschieden, seine Qualitäten nicht nur in gelegentlicher und willkürlicher Dosierung einzusetzen, sondern sie nach Möglichkeit im ganzen Spiel sichtbar zu machen. Großartiger Passspieler und Techniker, inzwischen auch fürs Banale empfänglich: kämpfen, Ball erobern, Tore vorbereiten, rennen. Kann das Spiel lenken und die feinen Steilpässe in die Spitze schicken, ist aber keine klassische Nummer sechs, keine Nummer acht und keine Nummer zehn. Was ist er also dann? Mutmaßlich Weltklasse. Bei WM-Finalspielen aber noch steigerungsfähig. Und fest schießen muss Kroos, 24, auch noch lernen. Schoss gegen Argentinien zweimal so flauschig drauf, als hätte er Plüschpantoffeln an.

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Die Turnier-Einzelkritik:Mesut Özil

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Quelle: AFP

Mesut Özil: War dazu ausersehen, eine prägende Figur des deutschen Spiels zu werden. Was zu selten geschehen ist. Özil, 25, spielte immer mit, oft aber auch nicht viel mehr als das. Ein paar annähernd geniale Momente hat er sich fürs Finale aufgehoben, bis dahin hatte er sie seinen Mitspielern und seinen 2,4 Milliarden irdischen und extraterrestrischen Facebook-Freunden weitgehend vorenthalten. Er kann zu seiner Verteidigung anführen, dass seine Lieblingsrolle als zentraler Zehner von Löw aus taktischen Gründen wegredigiert wurde. Für seine Neigung, sich aus den Zweikämpfen demonstrativ herauszuhalten, fehlen ihm hingegen die entlastenden Argumente. Hat im Finale immerhin die Plüschpantoffeln ausgezogen. Özil Weltmeister? Gefällt uns! Und bringt viele neue Follower und Freunde.

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Die Turnier-Einzelkritik:Christoph Kramer

Germany v Argentina: 2014 FIFA World Cup Brazil Final

Quelle: Getty Images

Christoph Kramer: Schrägste Karriere der Welt, innerhalb von nur zwölf Monaten. Aus der zweiten Liga (Bochum, Neururer) in die Bundesliga (Gladbach). Aus der Bundesliga ins Testspielaufgebot. Aus dem Testspielaufgebot über Nacht in den Trainingslagerkader. Aus dem Trainingslagerkader ins WM-Aufgebot. Aus dem WM-Aufgebot kurz aufs Spielfeld. Im Finale plötzlich in der Startelf. Dort durch Karambolage mit zäher argentinischer Rinderschulter erschüttert. Hat leider die Hälfte seines Auftritts im größten Spiel seines bisher 23 Jahre währenden Lebens vergessen. Kann er sich aber an einem langweiligen Sonntag während der Winterpause noch mal angucken.

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Die Turnier-Einzelkritik:Julian Draxler

World Cup 2014 - Brazil - Germany

Quelle: dpa

Julian Draxler: Stand in der längsten Schlange von Brasilien. Am linken Flügel vor ihm: Özil, Götze, Schürrle, auf Umwegen sogar Klose. Reus allerdings nicht mehr. Trainierte aber "hervorragend" (Hansi Flick). Durfte deswegen beim historischen 7:1 gegen Brasilien mitspielen und empfand das als beglückend. Trifft nach der Rückkehr auch in Schalke eine lange Schlange an: Meyer, Sam, Farfán, Avdijaj und andere U-19-Superstars sowie Erwin Kremers. Für ihn wird aber immer Platz sein, wahrscheinlich vor dem weltmeisterlichen Linksverteidiger Höwedes. Nach dem Finalsieg weinte Draxler, 20, vor Glück. Rührend.

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Die Turnier-Einzelkritik:Mario Götze

Germany v Argentina: 2014 FIFA World Cup Brazil Final

Quelle: Jamie McDonald/Getty Images

Mario Götze: Schütze des goldenen Tores und des schönsten Tores der deutschen WM-Finalgeschichte, was sogar Gerd Müller anerkennen wird. Verlieh damit einem zwiespältigen Turnierauftritt eine hochkarätige Pointe. Könnte dem 22-Jährigen helfen, in der Bayern-Schlange voranzukommen. Es liegt an ihm, nur an ihm. Dass Löw ihn zum alternativen Messi ernannt hat, wird die Bayern vielleicht etwas nervös machen, rechtfertigt aber nachträglich die Anschaffungskosten von 37 Millionen Euro. Gut für die Region und für die Aktionäre.

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Die Turnier-Einzelkritik:André Schürrle

Germany v Argentina: 2014 FIFA World Cup Brazil Final

Quelle: Getty Images

André Schürrle: Super-Spezialkraft. Bester Einwechselspieler des Turniers, nimmt den Premium-Platz auf der Allstar-Ersatzbank ein. Bekommt den goldenen Joker am Bande. Wenn andere Spieler eingewechselt werden, brauchen sie üblicherweise drei bis dreißig Minuten zur Orientierung. Schürrle, 23, braucht weniger als drei Sekunden. Leitete im Finale Götzes Tor ein. Als Super-Joker aber auch stigmatisiert. Warum soll ihn sein Vereinstrainer José Mourinho in Chelsea von Anfang an bringen? Kennt das Schlangestehen in London schon, nun jedoch mit besserem Warteplatz: Mit ihm konkurrieren niedere WM-Viertelfinalisten (Hazard/Belgien) und verprügelte Halbfinalisten (Oscar, Willian/Brasilien). Und der neue teure Mittelstürmer Diego Costa? Nahm für Spanien an der Weltmeisterschaft teil. Vorrunde.

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Die Turnier-Einzelkritik:Lukas Podolski

Germany v Argentina: 2014 FIFA World Cup Brazil Final

Quelle: Julian Finney/Getty Images

Lukas Podolski: Verlor während des Turniers nicht die Nerven, obwohl er hart geprüft wurde: Der 1. FC Köln vergab seine angeblich für immer und ewig reservierte Nummer zehn an Patrick Helmes. Auch die DFB-Trainer verloren ein wenig die Nerven, als sie Podolski, 29, im Spiel gegen die USA erlebten. Dieser Einsatz war keine zwingende Bewerbung für weitere 250 Länderspiele. Als trotzdem immer gut gelauntes und geselliges Ensemblemitglied hochgeschätzt und vom Bundestrainer exponiert gewürdigt. Unvergleichlicher und großartiger Mensch. Erhält vom Kölner Oberbürgermeister für sein Lebenswerk mehrere goldene Karnevalsorden. In der Nationalmannschaft muss er sich künftig etwas weiter hinten anstellen.

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Die Turnier-Einzelkritik:Thomas Müller

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Quelle: AFP

Thomas Müller: Führendes Original des deutschen Fußballs. Weltweites Unikat. Bester Torschütze des Teams, als leidenschaftlicher Reinwurschtler und Rackerer unentbehrlich. Von tragender Bedeutung für die Offensive und von tragender Bedeutung für die Pressekonferenzen, in denen er sich über alles lustig macht, und dies mit Recht. Spielt und redet gehaltvoll. Alle hören auf ihn. Braucht allerdings noch mindestens ein weiteres Turnier, um Miroslav Kloses WM-Torjägerrekord (16) einzustellen - im Endspiel hätte der 24-Jährige dafür sechs Tore schießen müssen, was ihm knapp nicht gelang. Für seine Hinfaller-Rolle beim schrägsten Freistoßtrick des Turniers (gegen Algerien) bekommt er die Mr.-Bean-Blechplakette. Sowie alle weiteren Preise, die sich im Bundespräsidialamt, beim Deutschen Fußball-Bund und in der kicker-Redaktion auftreiben lassen.

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Die Turnier-Einzelkritik:Miroslav Klose

World Cup 2014 - Semi final - Brazil vs Germany

Quelle: dpa

Miroslav Klose: Fünf Einsätze, zwei Tore. Das sind fünf Einsätze und auch zwei Tore mehr, als man von einem 36-jährigen Stürmer bei einem WM-Spitzenteam erwarten darf. Phänomenale Erscheinung. Als schüchterner Pfälzer vor Jahrzehnten in den Fußball gestartet, inzwischen ein gewitzter, charmanter Weltmann. Den harten Torschuss hat er immer noch nicht gelernt, schießt immer noch mit Samtpfoten, die in Plüschpantoffeln stecken. Es reichte trotzdem für eine große Karriere, die immer noch weitergeht, im Nationalteam aber am Sonntag feierlich endete. Es sei denn, er spielt noch so lange weiter, bis seine Zwillinge (11, 11) volljährig sind, was möglich ist. WM in Katar nicht auszuschließen.

© dpa/sid
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