DFB-Elf vor der Fußball-WM Von kränkelnden Stürmern und schwacher Chancenverwertung

Die Qualifikation für die Fußball-WM ist geschafft, das letzte Gruppenspiel gegen Schweden bedeutungslos. Zeit also, um ein Zwischenfazit zu ziehen und Steigerungspotenzial ausfindig zu machen. Denn mit Ausnahme der starken Torhüter kann Joachim Löws DFB-Elf noch einiges verbessern.

Von Johannes Knuth und Lisa Sonnabend

Joachim Löw räusperte sich und überlegte sich ein paar Sekunden eine passende Antwort. Die Frage hatte gelaute: Welchen Auftrag er, nachdem sich die deutsche Elf für die WM in Brasilien qualifiziert hatte, seinem Team für die bedeutungslos gewordene Partie gegen Schweden mitgeben wolle? "Ähm", sagte der Bundestrainer schließlich. "Wir werden das Spiel konzentriert angehen, schließlich haben wir ja auch noch eine kleine Rechnung offen."

Löws Team hat am Wochenende die WM-Qualifikation gemeistert. Die Bilanz ist durchaus beachtlich: Acht von neun Spielen hat man gewonnen, 31 Tore erzielt, bereits am vorletzten Spieltag alles klar gemacht. Es gab in den vergangenen Monaten beeindruckende Partien wie den 6:1-Auftaktsieg gegen Irland. Es gab aber eben auch das fast traumatische 4:4-Spiel gegen Schweden, bei dem die deutsche Elf in den letzten 30 Spielminuten vier Gegentore kassierte. Es gab Begegnungen wie die am Freitag in Köln gegen Irland, bei der viel gut lief, aber nicht alles perfekt.

In acht Monaten ist Anpfiff bei der WM am Zuckerhut - dann wird sich für Löw und sein Team zeigen, wie perfekt die Vorbereitung wirklich gelaufen ist. Doch ein paar Tendenzen lassen sich bereits nach der Qualifikation ablesen. Ein Überblick, wo Löws Spieler bereits WM-Titel-verdächtig sind, und wo sie noch zulegen können - und damit gleich am Dienstag gegen Schweden beginnen können.

  • Land der Torhüter

Spielt Manuel Neuer in der Bundesliga, gerät er manchmal ins Zweifeln, ob er wirklich der beste Torwart ist. Zu gut sind auch Roman Weidenfeller, René Adler, Bernd Leno oder Marc-André ter Stegen. Steht er dagegen bei einem internationalen Spiel im Kasten, muss er sich meist weniger Sorgen wegen der Konkurrenz machen - zuletzt hat das Manchester-City-Torhüter Joe Hart eindrucksvoll bewiesen. Neuer steht oft fast 90 Minuten lang nur herum, doch dann zeigt er im entscheidenden Moment einen ungeheuerlichen Reflex, springt nach oben oder läuft wie ein Libero aus seinem Kasten, um dem Gegner den Ball abzunehmen, ehe es gefährlich werden könnte.

Joachim Löw kann deswegen nach der erfolgreichen WM-Qualifikation zufrieden festhalten: Deutschland hat kein Torwartproblem. Zu gut ist Deutschlands Nummer eins, zu gut sind allerdings auch die Torhüter, die zum Einsatz kommen, falls Neuer einmal unpässlich ist. Auch wenn dies im WM-Finale in Rio der Fall sein sollte, Sorgen müsste sich Löw keine machen.

Staatsmännisch wie Helmut Kohl

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  • Vorsicht vor dem Gegentor

Natürlich muss noch einiges passieren beim Feintuning der DFB-Elf. Diese Erkenntnis bestätigte der Bundestrainer dann auch nach der Partie in Köln: "Zum Beispiel müssen wir noch die Defensive verbessern." Zwar analysierte Löw, dass gegen Irland "wieder kein Gegentor gefallen ist", eine Feststellung, die mit Blick auf die vergangenen drei Spiele beim besten Willen nicht zu widerlegen ist. Allerdings sparte Löw bei diesem engen Zeitkorridor den einen oder anderen Betriebsunfall aus, zum Beispiel gegen Paraguay (3:3), die USA (3:4) oder Schweden (4:4).

In sämtlichen Fällen war die deutsche Verteidigung abwechselnd mit der Spielgestaltung und Spielsicherung überfordert gewesen, phasenweise mit beidem. Auch gegen Irland taten sich wieder Löcher auf in der deutschen Verteidigung, vor allem kurz vor und nach der Halbzeit. Potentere Gegner hätten daraus wohl Zählbares erwirtschaftet. Löw umschiffte derartige Bedenken mit einer kaum zu widerlegenden These: "Vor der Weltmeisterschaft haben wir Zeit, uns einzuspielen."

  • Mangelnde Chancenverwertung

"Vorne im letzten Drittel", sagte der Bundestrainer nach dem Spiel gegen Irland, da sehe er noch Steigerungspotenzial. Genauer gesagt: "beim Torabschluss". Auch beim 3:0-Erfolg war zu beobachten, dass die Nationalelf hier durchaus hin und wieder Probleme hat. Die Treffer von Sami Khedira, André Schürrle und Mesut Özil waren alle vorbildlich herausgespielt und vollendet. Doch auch dazwischen zeigte die deutsche Mannschaft immer wieder schöne Angriffe, die allerdings nicht zum Ziel führten. Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller und Toni Kroos vergaben mehrmals nach herrlichen Zuspielen.

Das Endergebnis am Freitagabend hätte durchaus auch 6:0 lauten können - oder eben auch nur 2:1. Vor allem, wenn der Gegner demnächst nicht Irland heißt, sondern in wenigen Monaten Argentinien, England oder Italien: Dann könnten sich vergebene Tormöglichkeiten für Löws Team schnell bitter rächen. Dann muss die Torquote effizienter werden, denn so einfach werden Klose, Özil & Co. dann nicht mehr bis vor das gegnerische Tor kommen. Die mangelnde Chancenverwertung stellt eine Baustelle für die kommenden Monate dar, die mindstens genauso gravierend wie das Gegentorproblem ist.

  • Kränkelnde Stürmer

Die gute Nachricht: Die deutsche Nationalmannschaft produziert noch immer Tore, auch ohne die verletzten Stürmer Miroslav Klose (Fuß-Operation) und Mario Gomez (Knie). Die weniger gute Nachricht: Die falsche Neun, mit der Löw das vakante Sturmressort zuletzt bestückte, ist an der Torproduktion weitgehend unbeteiligt. Mesut Özil pendelte gegen Irland zwar fleißig zwischen Sturm und Mittelfeld, wie ein echter falscher Stürmer, verwirrte damit aber nicht nur die Iren, sondern anscheinend auch sich selbst. Ähnliches war auch Mario Götze in Kasachstan widerfahren. Das Spiel ohne Gomez und Klose muss Löw also noch verfeinern, vor allem im Hinblick auf das Verhältnis von Ballbesitz (75 Prozent gegen Irland) und Drang zum Tor (könnte manchmal 75 Prozent stärker sein).

Löw dürfte die Genesungsprozesse von Gomez und Klose also aufmerksam verfolgen, auch, weil die Beziehungen zum Lager des echten Stürmers Stefan Kießling ungefähr so entspannt sind wie das Verhältnis zwischen Uli Hoeneß und Christoph Daum. Die gute Nachricht für den Bundestrainer: Klose und Gomez haben noch Zeit, zu gesunden und sich einzuspielen.

  • Der Nachwuchs steht bereit

35 Jahre ist Miroslav Klose mittlerweile alt - und manche haben keine Zweifel daran, dass der Lazio-Stürmer auch bei der WM 2022 noch ein paar Tore für die deutsche Nationalmannschaft beisteuern wird. Doch Joachim Löw tat gut daran, dass er nicht nur auf die erfahrenen Kicker setzt, sondern in den vergangenen Monaten auch ein paar jüngeren Spielern eine Chance im DFB-Team gegeben hat. Max Kruse, Julian Draxler oder Sidney Sam haben derzeit noch den Status des Ersatz-Nationalspielers, der immer dann zum Einsatz kommt, wenn die Etablierten verletztungsbedingt ausfallen.

Die USA-Reise im Frühsommer, für die die Bayern-, BVB- und Real-Spieler absagten, mag viel belächelt worden sein, sie hatte jedoch auch ihr Gutes: Der Nachwuchs durfte sich beweisen und tat dies teilweise ordentlich. Draxler zeigte, dass Deutschland nicht bang sein muss, wenn Mesut Özil in zwei, drei Jahren im Mittelfeld nicht mehr ganz so spritzig ist. Kruses sehenswerte Auftritte legten nahe, vielleicht doch ein wenig eher als 2022 auf Klose zu verzichen. Die DFB-Debütanten konnten wichtige Erfahrungen sammeln, auch wenn es für die Teilnahme bei der WM in Brasilien für alle bis auf Kruse wohl noch nicht reichen dürfte. Aber 2018 veranstaltet die Fifa ja erneut eine WM. Sollte Löw auch dann noch Trainer sein, kann er sich bei sich selbst bedanken: Er hat zwar nicht bedingungslos auf die Zukunft gesetzt, aber an sie gedacht.

  • Keine Bomben-Stimmung

Atmosphärische Überwerfungen waren im DFB-Lager zuletzt nicht zu vernehmen, aber durchaus kleinere Dissonanzen mit der Leverkusener und Dortmunder Belegschaft.

Nicht nur Stefan Kießling, auch viele Hobbybundestrainer sehen noch immer nicht ein, warum der Leverkusener Stürmer nicht endlich eine Chance bei Löw bekommt. Auch Mats Hummels hat seine Entmachtung im Abwehrzentrum nicht still hingenommen. Er beschwerte sich, dass beim DFB keine kritischen Spieler erwünscht seien und wurde prompt vor dem Irland-Spiel zu einem Einzelgespräch mit dem Bundestrainer zitiert. Auch Lukas Podolski könnte, wenn er nach auskurierter Verletzung und "einem Jahr das Stillstands" (Teammanager Oliver Bierhoff während der USA-Reise) wieder in die Mannschaft drängt, für ein wenig Zündstoff sorgen.

Und überhaupt: Schon Minuten, ach was, Sekunden nachdem die Qualifikation gegen Irland geglückt war, wurden die Aussichten der Nationalspieler auf einen Platz im WM-Kader gehandelt wie Wertpapiere an der Börse. Löw reagierte zunächst so, wie man auf Börsenspekulationen halt reagiert ("Nicht seriös"), prophezeite aber auch "einige Härtefälle" für die finale Nominierung. Einige Härtefälle könnten sich natürlich von alleine erledigen, durch Verletzungen oder Phasen des Stillstands bei manchen Kandidaten. Bis der Bundestrainer sein finales Aufgebot beruft, vergeht ja noch ein wenig Zeit.