Deutscher Bundestrainer Joachim Löw zwischen den Fronten

DFB und DFL streiten um die Aufgaben des neuen Sportdirektors - und mittendrin steht Joachim Löw. Einen Vorgesetzten will der Bundestrainer nicht. Dabei wäre es hilfreich für sein Ansehen, wenn Löw die beanspruchte Richtlinienkompetenz mit mehr Engagement füllen würde.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Joachim Löw hat in der laufenden Woche weder gegen Italien noch gegen Spanien verloren, er hat niemanden aufgestellt, den er besser auf die Bank gesetzt hätte, und er hat - zumindest im Laufe der vergangenen Tage - auch keinen weiteren Torschützenkönig verprellt. Trotzdem bestimmten Nachrichten das Geschehen, die eine mutmaßlich raue Kontroverse abbildeten. Ihre Überschriften lauteten: "Löw spricht Machtwort: Der Chef bin ich"; "Bruchhagen springt Löw zur Seite"; "Löw will keine Kompetenz abgeben". Was ist passiert?

Auslöser ist der mit plötzlicher Heftigkeit zu Tage getretene Konflikt zwischen dem Nationalverband DFB und der Profiliga DFL, in dem es unter anderem um Machtverteilung und Führungsfragen geht. Im Zuge dieser verworrenen Auseinandersetzung tauchte unter anderem die Meinungsäußerung des einflussgebenden DFL-Chefs Christian Seifert auf, dass es sinnvoll wäre, den nächsten Sportdirektor des DFB mit einer Gesamtverantwortung auszustatten, die auch die Aufsicht über die Nationalmannschaft enthielte.

Viele Klubs hätten gute Erfahrungen mit einem generalzuständigen Sportdirektor gemacht, so Seifert. Wendete man dieses Modell auf den DFB an, hieße dies: Löw bekäme einen zweiten Chef, der nicht nur formell das Sagen hätte wie der DFB-Präsident, sondern auch inhaltlich.

Von dieser Idee hält Löw nicht viel. Genauer gesagt: nichts. Er beansprucht die "sportlichen Richtlinien" fürs große Ganze wie die alleinige Entscheidungsgewalt über die A-Nationalmannschaft. Außerdem missfällt ihm die Diskussion, weil sie angeblich das Amt des Bundestrainers beschädigt und die Vorbereitung auf die WM 2014 stört. Löw schätzt Unruhen am Rande nicht. In der Liga findet man aber, dass ein wenig Unruhe dem zur Behaglichkeit neigenden Bundestrainer nicht schaden muss.

Offenbar ist ein Zeitpunkt erreicht, in dem alte Rechnungen beglichen und neue Empfindlichkeiten gebildet werden: Die DFL reagiert wütend auf den DFB, weil dieser erklärt, er wolle seinen Sportdirektor allein aussuchen; der DFB hält es für anmaßend, dass die DFL auf einmal Mitspracherecht reklamiert. Dabei sind die Zusammenhänge nicht zu leugnen: Es sind die jungen Spieler der Profivereine, die beim DFB in Lehrgängen und auf Länderspieltouren fortgebildet werden. Als Betroffene wollen die Vereine mitbestimmen, wer die sportliche Linie setzt, das ist verständlich.

Löw ist nun zwischen die Fronten der Parteien geraten, jedoch nicht ganz zufällig. Dass der Sportdirektor sich mit dem Bundestrainer verständigen muss, das ist zwar theoretisch selbstverständlich, hat in der Praxis aber lange genug nicht funktioniert. Matthias Sammer und Joachim Löw haben sechs Jahre lang zwei parallel tätige Fraktionen gelenkt. So ein Zustand sollte nicht wieder entstehen.

Einen Vorgesetzten, der ihm Vorgaben macht, braucht Löw nicht, da hat er natürlich recht. Aber es wäre hilfreich für sein Ansehen nicht nur vor den Profiklubs, wenn er die beanspruchte Richtlinienkompetenz im Alltag mit mehr Engagement füllen würde. Daran gibt es durchaus Kritik, und aus kleinen Unzufriedenheiten können schnell große Probleme erwachsen. Im Herbst will der DFB mit Löw über eine Vertragsverlängerung reden. Womöglich möchte die Liga dann auch noch mitsprechen.