Deutsche Nationalmannschaft Jetzt mit gestärkter Kopf- und Körperspannung

Der geheimnisvollste Spieler im DFB-Team: Thomas Müller.

(Foto: AP)
  • Die Nationalmannschaft hat die Fehler im Mexiko-Spiel aufgearbeitet und ist sich sicher, dass sie sich gegen Schweden nicht wiederholen werden.
  • Vor allem mangenlnde mentale Entschlossenheit sei der Grund für den schwachen Auftritt gewesen, erläutert Thomas Müller.
  • Hier geht es zum Spielplan der Fußball-WM.
Von Christof Kneer, Sotschi

Nach allem, was man sehen konnte und durfte, hat die deutsche Mannschaft am Mittwoch gut trainiert. Der Ball lief flüssig vom einen zum anderen, weder landete ein Ball im angrenzenden Schwarzen Meer noch flog er hinüber in die Berge des Kaukasus. Straff und konzentriert sah das alles aus, die Spieler wirkten austrainiert und verrieten keinerlei körperliche Gebrechen. Die WM kann jetzt also kommen für die deutsche Nationalmannschaft, das war die frohe Botschaft, die das erste Training in Sotschi vermittelte.

Die nicht so frohe Botschaft war: Wenn man sich nicht fürchterlich täuscht, dann hat die WM für Deutschland eigentlich schon vor ein paar Tagen begonnen.

Thomas Müller ist der geheimnisvollste Fußballer der Welt, er findet an guten Tagen die irrsten Wege durch Abwehrlabyrinthe, an weniger guten Tagen geht er dem Spiel völlig verloren. Irrerweise kann ausgerechnet dieser Rätselmüller, der sein eigenes Spiel manchmal nicht versteht, ein präziser Spielerklärer sein, schon am Sonntagabend war er dem Rätsel der deutschen Niederlage recht nahegekommen.

Er hat zum Beispiel "die Krux des Ballbesitzfußballs" erläutert, man habe es gegen die Mexikaner nicht geschafft, "so kontrolliert aus der Defensive aufzubauen, dass man selber Chancen kreiert, aber gleichzeitig so gut zugeordnet ist, dass man beim gegnerischen Konter besser steht". Für alle, denen das zu akademisch klang, hat Müller am Mittwoch eine griffigere These nachgeliefert: Man habe vielleicht "leichtfertig gedacht, dass wir, wenn das Turnier losgeht, mit einer gewissen Frische und unserer gewohnten Stärke auf dem Platz stehen", sagte Müller und räumte ein: "Das haben wir falsch eingeschätzt."

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Es gab viele interessante Sätze zu hören am Mittwoch, als sich der deutsche Fußball in Sotschi erklärte. Aber dieser Müller-Satz war der zentrale. Im Grunde hat ein wichtiger Spieler damit offen jenes Phänomen benannt, das noch vom hintersten Winkel der Tribüne zu spüren war und sich auch auf die Fernsehgeräte in der Heimat übertrug: jenes Gefühl, dass schon alles gut gehen würde im ersten Spiel, weil ja immer alles gut gegangen ist. In vielen gemeinsamen Jahren haben Team und Trainer erlebt, dass sie am Ende eines Vorbereitungstrainingslagers immer mustergültig präpariert auf dem Platz standen, und dieses Gefühl hat sich zuletzt offenbar auf bedenkliche Weise verselbständigt.

Ja, Team und Trainer haben hart gearbeitet im zweiwöchigen Camp in Südtirol, aber nun stellen sie offenbar fest, dass sie zwar ihre Körper gut rangenommen haben, dabei aber die Athletik weiter oben vernachlässigt haben. Im Grunde war das also Wettbewerbsverzerrung am vorigen Sonntag, die Deutschen waren im Vergleich zu den Mexikanern nur halb auf dem Platz. Sie hatten ihre Köpfe vergessen. Aber sie waren selber schuld daran.

Es sei keine "klassische Einstellungsfrage" gewesen, sagte am Mittwoch auch Teammanager Oliver Bierhoff, es sei nicht so, dass die Spieler "nicht gewollt" hätten. Dennoch hätten sie "irgendwas vermissen lassen, an Aggressivität, an Bereitschaft".

Im Grunde hat die DFB-Elf mit ihrem Spiel jenen Klischee-Vorwurf bestätigt, den sich erfolgreiche Teams immer mal anhören müssen: Irgendwie haben die Deutschen geglaubt, es ginge von selbst. Gewiss kannten die Spieler die Gefahr, aber irgendwie haben ihre Köpfe nicht an die Gefahr geglaubt - und dem mitunter lässig über den Dingen schwebenden Bundestrainer ist es offenkundig nicht gelungen, die nötige Schärfe vorzuleben und einzufordern.