Champions League Im Zwielicht gefangen

Leicht entflammbar: Nach der „notte magica“ gegen Barcelona hofft Daniele De Rossi, hier mit Alessandro Florenzi, auf ein weiteres römisches Feuerwerk auf dem Platz.

(Foto: Alessandro Bianchi/Reuters)
  • Die AS Rom muss im Halbfinal-Rückspiel der Champions League ein 2:5 aus dem Hinspiel in Liverpool aufholen.
  • Ein Mann, der sich mit Aufholjagden auskennt, ist Roma-Kapitän Daniele De Rossi.
  • In seiner Karriere war er oft im Schatten von anderen - und hat noch immer ein zwielichtes Image.
Von Birgit Schönau, Rom

Aufholjagden sind seine Spezialität. Ein ganzes Fußballerleben hat er im Wartestand verbracht, als ewiger Stellvertreter hinter dem König von Rom. Bis Francesco Totti vor einem Jahr abtrat und er selbst endlich Kapitän wurde. Jetzt hat Daniele De Rossi erreicht, was Totti nie geschafft hat: im Halbfinale der Champions League zu spielen. Beim Hinspiel in Liverpool ging das in der vergangenen Woche ziemlich schief, die Roma verlor 2:5, viel Hoffnung bleibt nicht aufs Weiterkommen. "Ein Blackout", klagte De Rossi, "aber es ist noch nicht vorbei. Wie mit Barcelona." Aufholjagd also. Gegen Barça gelang es, auf das 1:4 folgte ein 3:0, die Sensation. Und De Rossi, der in Barcelona ein Eigentor beigesteuert hatte, traf diesmal ins richtige Tor.

Man könnte das bezeichnend finden für seine Karriere, die nie glatt verlief, sondern mit wenigen Höhepunkten und vielen Desastern. Um nur die in der Champions League zu nennen: 1:7 gegen Manchester United, 1:7 gegen den FC Bayern, stets war er dabei. Daniele De Rossi, einst Bestverdiener der Serie A, ist das ewige Stehaufmännchen des italienischen Fußballs. Nach einer hervorragenden Liga-Saison hat sein Team den Platz in der Königsklasse auch im nächsten Jahr so gut wie sicher.

Im Juli wird De Rossi 35. Die Hälfte seines Lebens hat er bei der AS Roma verbracht, ein ganzes Jahrzehnt als Capitan Futuro, Thronfolger, designierter Erbe. Totti war das Idol, unerreicht, unübertrefflich. De Rossi wurde erst sein Fan, später sein Balljunge, schließlich sein Schatten. Im Mittelfeld, als defensiver Ausputzer oder energischer Antreiber hinter dem genialen Zehner. Erst jetzt, da Totti abgetreten ist, wird spürbar, dass der Ältere die Mannschaft beflügelt hatte, sein Nachfolger sie jedoch zusammen hält. Für Eusebio Di Francesco, der als Spieler mit Totti den Meistertitel holte, als De Rossi noch in der Jugendmannschaft war, ist der Kapitän die tragende Säule.

De Rossi bewahrt Haltung

Der Einsatz gegen Liverpool wird die Nummer 588 für De Rossi sein: Vereinsrekord. Für die Nationalelf ist er 117 Mal aufgelaufen. Wenn es nach dem Sommer in die EM-Qualifikation geht, wird De Rossi der letzte Weltmeister von 2006 im Team sein, übrigens war er bei der Pleite gegen Schweden der einzige, der Haltung bewahrte. Zuerst verweigerte er seine Einwechslung mit dem Argument, er sei der Falsche, man solle gefälligst einen Angreifer nehmen. Und später, als die Katastrophe perfekt war, hatte De Rossi den Anstand, im Bus der Schweden aufzutauchen, sich dafür zu entschuldigen, dass italienische Fans die schwedische Hymne ausgebuht hatten - und zur WM-Teilnahme zu gratulieren. Ausgerechnet er, der Bad Boy, mit dem die Fußballwelt eigentlich nur eine einzige Szene verbindet: den Ellbogencheck gegen den US-Amerikaner Brian McBride beim Turnier 2006. Der Italiener bat prompt um Verzeihung, der Amerikaner war beeindruckt: "Das hat Klasse"; aber sein Hooligan-Image wurde De Rossi nie wieder los. "Ich bin kein Killer", versichert er Jahre später. "Ich bin nicht rachsüchtig, und ich sammle eigentlich auch keine roten Karten." Als Europas Fußballer des Jahres hat der Römer seinen ehemaligen Teamgefährten Mohamed Salah vorgeschlagen: "In dieser Saison ist er gleichauf mit Cristiano Ronaldo und Messi. Und außerdem noch ein feiner Kerl."

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De Rossi wird von vielen Kollegen sehr geschätzt, etwa von Andrea Pirlo. Der Erbe eines millionenschweren Stahlunternehmers aus Brescia und der Sohn des langjährigen Jugendtrainers der AS Roma sind eng befreundet. Beim Rückspiel gegen Barcelona saß Pirlo, Daumen drückend, auf der Tribüne. Der elegante Maestro und das Raubein, der Großbürger und der Bürgerschreck, ein Herz und eine Seele. Pirlo wird verehrt, De Rossi hat die Schurkenrolle. Und das liegt nicht nur an seinem leicht entflammbaren Temperament.