BVB-Präsident im Interview Rauball sieht Dortmund kurzfristig nicht mehr als Bayern-Jäger

Auch wenn der BVB derzeit keine Glücksgefühle auslöst: "Der Fußball ist Kitt für die Gesellschaft", sagt Reinhard Rauball, Klub-Chef und Liga-Präsident.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Der DFL-Chef und BVB-Präsident spricht über den Spannungsabfall in der Bundesliga, eine Begegnung mit Russlands Sportminister Witali Mutko - und warum der Sport ins Grundgesetz muss.

Von Klaus Hoeltzenbein und Freddie Röckenhaus

Reinhard Rauball glaubt nicht, dass der BVB aktuell in der Lage ist, den FC Bayern in der Bundesliga herauszufordern. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Samstagsausgabe) sagt der Präsident von Borussia Dortmund: "Ich finde, dass wir gut beraten sind, wenn wir uns, kurzfristig jedenfalls, nicht als Bayern-Jäger sehen. Dass wir den Erwartungshorizont etwas zurücknehmen und uns als diejenigen sehen, die wieder versuchen, eine fußballerische Zukunft zu kreieren." Die Abgänge in der jüngeren Vergangenheit - unter anderem verließen Mats Hummels, Ousmane Dembélé, Henrikh Mkhytarian, Ilkay Gündogan und Pierre-Emerick Aubameyang den BVB - hätte der Klub nicht ausgleichen können. "Beim BVB bröckelte das Personaltableau über die Jahre weg", sagt Rauball.

Die Einführung von Playoff-Spielen, um trotz der Dominanz des FC Bayern wieder Spannung in die Bundesliga zu bringen, lehnt Rauball, der ebenfalls Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und Vize-Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist, ab: "Man darf Strukturen nicht ändern, nur um die Position, die sich ein erfolgreicher Verein geschaffen hat, zu untergraben." Die Bundesliga sieht er trotz der anhaltenden Debatten um die Monotonie als Erfolgsmodell - nur die englische Premier League liege noch vorn.

Rauball formuliert im Gespräch mit der SZ zudem eine Forderung an die neue Bundesregierung: "Fußball ist Kulturgut in Deutschland. Und die Bundesliga ist ein Teil davon. Ich plädiere ja nicht ohne Grund dafür, den Sport ins Grundgesetz aufzunehmen", sagt Rauball. Er finde, es wäre wichtig, festzuhalten, was der Fußball leiste. Um den gleichen gesellschaftlichen Effekt an anderer Stelle zu erzielen, müsste der Staat viel Geld ausgeben.

"Der Fußball ist Kitt für die Gesellschaft. Schauen Sie sich die politischen Parteien an, die schmelzen ab, was die Mitgliederzahlen angeht. Die Gewerkschaften haben Probleme, oder nehmen Sie die Kirchenaustritte über all die Jahre", erjkärt Rauball. "Und deshalb lautet unser Angebot an die Gesellschaft: Nutzt die Möglichkeiten, die der Fußball bietet. Stärkt auch das ehrenamtliche Element, damit die Struktur erhalten bleibt."

Einen Boykott der Fußball-WM in Russland kann sich Rauball nicht vorstellen. Er würde dagegen Stimmen, wenn es zu einer Abstimmung käme. Trotzdem findet er, dass gerade das Thema Russland ein schwieriges ist. Er berichtet von einem Treffen mit dem ehemaligen Cheforganisator und Sportminister Witali Mutko bei einem Fifa-Kongress: "Ich hatte ihn darauf angesprochen, ob er sich vorstellen könne, wie die Menschenrechtslage durch die WM verbessert werden könne. Darauf hat er gesagt: Wir haben keine Defizite dort. Hat sich umgedreht und war weg."

Rauball sieht den Sport trotzdem als Möglichkeit des Dialoges. Der Fußball müsse für die Werte eintreten, die er für richtig halte. Seiner Beobachtung nach liegt die Annäherung zwischen Nord- und Südkorea auch zum Teil an den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang.

"Der Sport muss ins Grundgesetz"

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