Bayern-Zugang Thiago Alcántara Mehr als nur ein Transfer

Bei der U21-EM glänzte Thiago Alcántara, wie schlägt er sich in München? 

(Foto: Getty Images)

Pep Guardiolas Versprechen, keine Spieler vom FC Barcelona zum FC Bayern abzuwerben, hat nicht lange gehalten. Das macht den Wechsel des allseits umworbenen Talents Thiago Alcántara zu einem Politikum - in Katalonien galt der Mittelfeldmann mitunter als reiner Schönspieler.

Von Oliver Meiler, Barcelona

Vielleicht liegt es ja an diesem auffällig aufrechten, schier steifen Gang mit durchgedrücktem Rücken, dass man ihn in Spanien auch "Pavo real" nennt, Pfau also: Der Fußballer Thiago Alcántara do Nascimento, bekannt als Thiago, 22 Jahre alt, ist zwar eher klein gewachsen, doch er streckt seine 1,72 Meter so lang, dass es beim Zuschauer leicht den Eindruck erweckt, er stehe über dem Spielgeschehen. Mit Vista eben, mit Blick für Gestaltung, mit Eleganz auch.

Und das hilft ihm in seiner Rolle im offensiven Mittelfeld. Mit Pfau ist aber auch sein Hang gemeint, die Effizienz auch schon mal der Ästhetik zu opfern, die Arbeit der trickreichen Kunst, das Kollektiv seiner zuweilen spektakulären Individualität. Keiner zweifelt am Talent Thiagos, am wenigsten Thiago selber. Gefolgt von Pep Guardiola, seinem Ziehvater beim FC Barcelona, der ihn nun mit Macht nach München zum FC Bayern holte: "Ich will Thiago oder nix!"

Ultimativer geht es nicht. Thiagos Personalie ist etwas mehr als ein Transfer, sie ist ein Politikum - zumindest in Spanien. Als Guardiola Barça verließ, seinen Lebensverein, versprach er allenthalben, dass er sich nie beim Kader Barcelonas bedienen würde, dass das mit dem Herzen nicht vereinbar wäre. Mittlerweile ist dieses Herz etwas gebrochen, das Vertrauen zur Direktion auch, die losen Abmachungen sowieso. In Thiago warb er ausgerechnet jenen Spieler aus dem Nachwuchs ab, der von allen am meisten Star-Appeal hat, einen, für den sich auch Real Madrid, der FC Chelsea und Manchester United interessiert hatten.

"1:0 für Pep", schrieb eine Zeitung. Im Falle Thiagos sei für Barça alles schief gelaufen, bis hin zur Transfersumme: 25 Millionen Euro machen ihn zwar zum teuersten Absolventen der viel gerühmten "Masía", der Fußballakademie der Katalanen. Doch Real Madrid bezahlte in den letzten Wochen mehr Geld für die Verpflichtungen der spanischen Talente Isco und Illarramendi, die in der U21 unter der Regie von Spielführer Thiago agieren. Der Pfau, ein Schnäppchen?

Thiago Alcántara entstammt einer brasilianischen Sportlerfamilie. Sein Vater, Mazinho, wurde 1994 Fußballweltmeister mit Brasilien. Seine Mutter Valéria war Volleyballerin. Zur Welt kam er im süditalienischen Lecce, wo sein Vater damals gerade ein kurzes Gastspiel gab, bevor er seine Karriere dann in verschiedenen Vereinen der Primera División fortsetzte. Thiago wuchs in Spanien auf.

Als er sich im Jugendalter für eine Nationalmannschaft entscheiden musste, wählte er die spanische: "Ich verdanke diesem Land alles", sagte er, "hier habe ich auch lesen gelernt." Sein jüngerer Bruder Rafael, der sich als Rafinha einen Namen zu machen versucht und unlängst zu Celta Vigo wechselte, entschied sich für Brasiliens Auswahl. Die Fußballjugend verbrachten beide Söhne Mazinhos bei Barça, heftig umworben von den Spähern anderer Vereine.