Alpin-Ressort für Sotschi 2014 Disneylands Härten

Die russischen Olympia-Organisatoren kommen beim Bau ihres gigantischen Olympia-Komplexes für 2014 gut voran. Oligarchen und Konzerne finanzieren das Skiressort Rosa Khutor in einem atemberaubenden Skigebiet. Die Alpin-Profis wurden dort gerade mit einer der schwierigsten Abfahrten des Winters überrascht.

Von Michael Smejkal

Der Hauptplatz wird von einem italienischen Campanile überstrahlt, die Brücke heißt in Anspielung auf die letzte russische Zaren-Dynastie Romanow-Brücke und entlang des kleinen Flusses stehen Gebäude, die an hanseatische Kaufmannshäuser erinnern - wären sie nicht in einer so bunten Farbpalette von orange bis grün bemalt. Alles wirkt ein bisschen wie ein Disneyland in den Bergen und letztlich ist es auch so etwas: Rosa Khutor nennt sich die Ansiedlung, die in zwei Jahren Schauplatz der Alpin-, Freestyle-und Snowboardwettbewerbe bei den Olympischen Spielen sein wird. Noch ist es eine Geisterstadt im Kaukasus, in der im letzten Abdruck zwei Hotels für den alpinen Ski-Weltcup fertig geworden sind.

Rosa Khutor ist ein anschauliches Beispiel für den Leitspruch der Olympischen Winterspiele, die 2014 in Sotschi und dem dahinter liegenden Msymta-Tal ausgetragen werden: "Tor zur Zukunft". Hier hat man geschafft, wovon Politiker und Olympische Komitees in ganz Europa nur träumen können: Eine Privatisierung der Investitionskosten für Olympia. Fünf Oligarchen oder Konzerne wurden "eingeladen", fünf neue Wintersportressorts zu bauen.

Im Fall von Rosa Khutor sieht das so aus: Der russische Oligarch Wladimir Potanin, der unter Waldimir Putin zum vielfachen Milliardär aufgestiegen ist und dessen Konzern rund ein Drittel der weltweiten Nickelvorräte kontrolliert, errichtete das Resort und das durchaus atemberaubende Skigebiet. Am gegenüberliegenden Berg künden gewaltige Seilbahnstützen von den Aktivitäten im Nachbartal, dort baut Gazprom sein Skizentrum, wo 2014 Langlauf und Biathlon stattfinden werden.

Das alles soll eines Tages miteinander verbunden werden und ein Skigebiet ergeben, das mit St. Moritz, Arlberg und Vail konkurrieren möchte. Zumindest in puncto Shopping wird man mithalten: Unendliche Ladenfronten warten auf Luxusboutiquen und Restaurantbetreiber.

Aber auch so bleibt noch genug Investitionstätigkeit für den Staat übrig, geschätzte 24 Milliarden Euro kosten dessen Infrastrukturmaßnahmen. Darin ist vor allem der Olympic Park mit fünf Hallen und dem Olympiastadion (44.000 Plätze) enthalten, das auch Austragungsort der Fußball-WM 2018 sein wird. Das Olympische Dorf daneben wird so groß wie ein ganzes Stadtviertel mit vorgelagertem Yachthafen, angrenzend sind Flughafen, Elektrizitätswerk, Medienzentrum (wird später zur Messe), ein Themenpark, die Formel-1-Strecke, ein 200 Hektar großer Vogelpark - und als Highlight eine Schnellbahn, die das Olympische Zentrum am Meer mit dem Wintersportzentrum in nur 27 Minuten verbinden wird.

50.000 Bauarbeiter arbeiten hier offiziell an den Projekten, eine Zahl, über die der Österreicher Siegfried Wolf nur lächelt. "Es sind an die 200.000 Arbeiter", sagt der Manager, der für Oleg Deripaskas Mischkonzern zahlreiche Großprojekte wie das Olympische Dorf abwickelt. Angesichts dieser Gigantomanie weiß man nicht so recht, ob man überrascht sein soll oder nicht, dass die meisten Bauwerke schon jetzt fast fertig sind. Sotschi ist voll im Plan, das war die eine Erkenntnis des Wochenendes.

Die andere spielte sich auf den Pisten ab. "Ich dachte, ich komme her und mache mir ein paar schöne Tage", sagte der Norweger Aksel Lund Svindal nach dem ersten Training. Nichts da, die vermeintlich einfache Gleiterabfahrt erwies sich als eine der schwierigsten Abfahrten des Winters. Mit fast 2:15 Minuten Länge, einem extrem steilen Startbereich, in dem die ersten 50 Fahrsekunden fast wie in einem Super-G gesteckt werden müssen, und vier weiten Sprüngen war die von Bernhard Russi konzipierte Strecke eine unangenehme Überraschung für die meisten Läufer.

Dazu kam, dass man in vorauseilendem Gehorsam die Strecke mit so viel Wasser präpariert hatte, dass sich selbst die Besten im oberen Teil kaum halten konnten. "Um ehrlich zu sein: Ich bin nur froh, dass ich gesund im Ziel stehe. Dort oben fliegen dir die Ski um die Ohren, dass dir alles vergeht", sagte der Österreicher Hannes Reichelt. So blieb den meisten nur die Hoffnung, dass die Strecke 2014 verkürzt und anders präpariert sein wird, denn so wird die Olympia-Abfahrt für weniger routinierte Fahrer nicht zu bewältigen sein.

Nur einem war das egal. Der Schweizer Beat Feuz zeigte an seinem 25. Geburtstag, dass alles keine Rolle spielt, wenn man nur einen richtigen Lauf hat. Bei seiner Siegfahrt führte er auch alle Expertenmeinungen ad absurdum: Feuz verlor im technisch schwierigen Teil viel Zeit (0,75 Sekunden auf Reichelt etwa) und machte im Schlussabschnit und bei den Sprüngen alles wett. Mit dem Sieg, für den er von Staatspräsident Dimitri Medwedew geehrt wurde, macht er sich selbst zum Mitfavoriten auf den Gesamt-Weltcup, auch weil Ivica Kostelic auf den Abfahrten nicht vorankommt. Die Mischung aus Sieg und Geburtstag machte Feuz richtig übermütig. "Weltcup?", sagte er, "na klar ist das ein Ziel, ich bin ja schon mitten drin."