7. Februar 2013, 13:34 Sieg der DFB-Elf gegen Frankreich Belohnt für defensive Schwerstarbeit

Offensiv, unterhaltsam und überzeugend: Die DFB-Elf zeigt in Paris, dass sie nicht nur erfolgreich, sondern auch schön spielen kann. Allerdings offenbart der Vorwärtsdrang im Mittelfeld Lücken. Dass es am Ende nicht ärgerlich wird, ist der gestärkten Defensive zu verdanken.

Von Thomas Hummel, Paris

Als die letzte Ecke hereingesegelt war und auch diese keinen Erfolg für die Franzosen brachte, als Schiedsrichter Mazzoleni aus Italien die nächste Flanke nicht mehr zuließ und zur Verblüffung der Gastgeber den laufenden Angriff abpfiff, da bauten sich Per Mertesacker und Mats Hummels voreinander auf. Mit geschwellter Brust hoben sie die Arme und klatschten ihre Hände mächtig gegeneinander, dann umarmten sie sich. Die Innenverteidiger machten den Eindruck, als hätten sie gerade gemeinsam eine Überlebensübung bei der US Army bewältigt.

Nachdem sich die deutsche Mannschaft bei ihren Fans im Stade de France bedankt und von ihnen verabschiedet hatte, schlenderten Mertesacker und Hummels gemeinsam am Ende der Gruppe in den weißen Trikots über den Rasen. Sie wollten irgendwie nicht voneinander loslassen - das erfolgreiche Gruppenerlebnis der deutschen Verteidigung wirkte nach.

Nach dem 2:1 in Paris gegen Frankreich, dem ersten Sieg einer DFB-Elf beim Nachbarn seit 1935, schwärmt das Fußballland (zu Recht) von Mesut Özil, es lobt Thomas Müller und überhaupt die schwungvollen Taten in der Offensive. Bundestrainer Joachim Löw musste sich zu Mario Gomez ("Bei ihm war klar, dass er nach längerer Verletzungspause und zuletzt wenig Spielminuten nicht in der Lage sein wird, dieses Tempo zu halten") und zur Formation der letzten 30 Minuten ohne Mittelstürmer äußern ("Damit kamen die Franzosen nicht so zurecht, weil sie die Zuordnung in der Innenverteidigung verloren haben").

Deutscher Erfolg im Test gegen Frankreich Gewinner aus der zweiten Reihe

Das 2:1 der DFB-Elf gegen Frankreich bringt dem Bundestrainer wichtige Erkenntnisse: Im Tor festigt René Adler seine Rolle als Nummer zwei, im Sturm und auf der linken Abwehrseite scheint es Probleme zu geben. Vor allem aber glänzt Ilkay Gündogan als Ersatz für den verletzten Schweinsteiger.

Das Publikum hatte ein sehr unterhaltsames, offensiv geführtes Spiel gesehen, was so nicht unbedingt zu erwarten war, wenn man sich an die Auftakt-Testspiele der vergangenen Jahre erinnert. Doch der deutsche Erfolg ist diesmal auch ein Erfolg der deutschen Defensive. Denn die musste bisweilen Schwerstarbeit liefern.

Freie Bahn für Ribéry

Mats Hummels wirkte nach dem Spiel denn auch weniger gelöst als so mancher Kollege. Der Dortmunder Verteidiger schien selbst eine Stunde nach Abpfiff noch angespannt und konzentriert zu sein. "Ich glaube, dass beide Mannschaften viele Räume hatten für Schnellangriffe nach Ballverlusten des Gegners", sagte er. Zwischen den Worten konnte man ihn fast Schnaufen hören wie zuvor auf dem Platz, so sehr schien er noch im Spiel zu sein. "Dadurch war es ein sehr ansehnliches Spiel, aber für die Viererketten umso anstrengender und schwieriger."

Beginnend am Ende der ersten Halbzeit und dann zunehmend auch in der zweiten entblößten beide Mannschaften die Mitte des Platzes. In der DFB-Elf versuchte bisweilen allein Ilkay Gündogan das große Loch zu stopfen, doch das reichte nicht immer. Vor allem dann nicht, wenn Franck Ribéry Tempo aufnahm. Denn das war ein wunderbares Spiel für den Bayern-Profi: 50 Meter vor dem Tor den Ball bekommen, die freie grüne Wiese vor sich genießen und dann losrennen. Links vorbei, rechts vorbei, durch die Mitte, einen Kollegen bedienen - er hat dann alle Optionen. Obwohl das eigentlich jeder Bundesligist bis hinunter zur SpVgg Greuther Fürth weiß und versucht zu verhindern, gestatteten ihm die Deutschen viel Platz.

Leidtragender war vor allem Philipp Lahm, der nicht immer gut aussah gegen seinen Mitspieler aus München. "Dass Franck ein Spieler ist, den man nie zu hundert Prozent ausschalten kann, das habe ich vorher schon gesagt", erklärte er. In den letzten Spielminuten musste auch ein Espressobecher am Spielfeldrand dran glauben, weil Bundestrainer Löw ihn vor Wut durch das Stadion kickte. "Wir hätten die letzten zwei, drei Minuten noch ein Gegentor fangen können. Wir waren plötzlich offen und haben den Ball zwei-, dreimal verloren. Das war völlig unnötig. Das hat mich geärgert", sagte Löw.

Wieso die Franzosen dennoch nur zu einem Tor nach einer Standardsituation kamen? Weil die Innenverteidiger ihren Notdienst ganz hinten zumeist hervorragend verrichteten, weil Linksverteidiger Benedikt Höwedes seine Qualitäten in der Defensive einbrachte, weil Torwart René Adler zweimal stark parierte - und den Franzosen bei zwei, drei Szenen ein wenig das Glück fehlte.

Mit dem 2:1 können die Deutschen nun darauf verweisen, dass sie die Lektion aus dem vermasselten Schweden-Spiel (4:4) gelernt haben. Es war eine Genugtuung auch in Richtung all der Kritiker. Thomas Müller bemerkte leicht schnippisch: "Wir haben gewonnen, wir haben anscheinend doch die Siegermentalität in uns", und fügte später an: "Die Leute draußen können beruhigt sein, beim DFB ist nicht alles schlecht."

"Lektion der Deutschen"

Auch Löw resümierte erfreut: "Was wir besser gemacht haben: Wir sind weiter nach vorne gerückt, haben Mittel gefunden und den Mut gehabt, auch unter Druck von hinten sauber und besser rauszuspielen ohne lange Bälle. So haben wir nie die Kontrolle verloren wie gegen Schweden zum Beispiel."

In Frankreich hatte man ohnehin nie einen Zweifel daran, dass hier ein sehr starker Gegner zu Gast sein würde. Nach dem 1:1 gegen Spanien in der WM-Qualifikation und dem 2:1 gegen Italien im Testspiel hatten alle einen echten Test erwartet, wie gut die neue Équipe tricolore unter Trainer Didier Deschamps nun sein würde. Ergebnis: "Lektion der Deutschen" titelte die Sportzeitung L'Équipe am Donnerstag. Und Deschamps betonte ehrfürchtig: "Man hat gesehen, was für eine Qualität Deutschland hat. Wir haben bis zum Schluss gekämpft, aber gegen so eine Mannschaft ist es nicht einfach."

Mats Hummels hatte eventuell eine unruhige Nacht, wie so viele Fußballer nach einem späten Spiel. Dennoch dürfte er bald Entspannung gefunden haben. Sein Stammplatz in der DFB-Elf ist sicherer denn je, nicht nur weil Konkurrent Holger Badstuber noch eine Weile nach einem Kreuzbandriss fehlen wird. Hummels fehlte im sagenumwobenen Niedergang gegen Schweden, verteidigte stattdessen in den Niederlanden (0:0) und nun in Paris.

Vielleicht blickte er auch deshalb optimistisch in die Zukunft. Angesprochen auf die beiden kommenden Qualifikationsspiele zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, sagte er: "Ich glaube da sind wir klarer Favorit, das Ziel müssen sechs Punkte sein." Ende März geht es zweimal gegen Kasachstan.