Weinbau in New York Spitzen-Lage

"Rooftop Reds": Auf einem Hochhaus-Dach in Brooklyn lesen junge Winzer jetzt ihre ersten Trauben. Sie haben Großes damit vor - denn wenn eine Stadt dafür verrückt genug ist, dann New York.

Von Claus Hulverscheidt

Es ist ein steiler und beschwerlicher Weg auf den Weinberg. Er führt vorbei an altertümlichen Backsteinbauten und einer baumbestandenen Wiese, nur einen Steinwurf entfernt bahnt sich ein mächtiger Fluss seinen Weg in Richtung Meer. Über fast 100 Stufen geht es nach oben, dann endlich wird das Blickfeld frei, und zu sehen ist: das Empire State Building. Willkommen im ersten und einzigen Fabrikdach-Weingut New York Citys.

Auf fast 1400 Quadratmetern bauen Devin Shomaker und seine Mitstreiter hier Cabernet Sauvignon und Merlot an, Cabernet Franc, Petit Verdot und Malbec, die klassischen roten Sorten Bordeauxs also, die man in den USA sonst vor allem in Kalifornien findet. Noch gibt es keinen ersten Jahrgang, den man probieren könnte, doch Shomaker träumt bereits von einem "Ostküsten-Wein mit Westküsten-Flair", vom großen Namen, den sich sein Unternehmen Rooftop Reds als "Speerspitze eines innovativen Weinmarkts im Bundestaat New York" machen wird. Im kommenden Jahr werden die ersten Flaschen des Brooklyner Stadtweins in den Verkauf gehen.

Der Bundesstaat New York ist das drittgrößte Wein-Anbaugebiet des Landes

Natürlich kennt Shomaker all die Einwände und Bedenken, die gegen sein Vorhaben ins Feld geführt werden. Weinbau und New York City - das klingt wie Seerosenzucht in der Sahara oder Austern mit Nutella. Doch der 33-Jährige, der in seinem jungen Leben schon Vertriebschef und Event-manager war und im chinesischen Shenzhen eine stadtweite Schwimmschule für Kinder aufgebaut hat, ist von der Idee überzeugt. Ja, mehr noch, er will nicht nur Wein zwischen Hochhäusern und Fabrikhallen anbauen, sondern die Gesellschaft verändern: "2050 werden weltweit zwei von drei Menschen in Städten wohnen", sagt der Geschäftsführer. "Also müssen die Städte gesunde, lebenswerte Orte und die Menschen bewusste, umweltfreundliche Bewohner werden." Wie eigentlich immer, wenn Amerikaner ein Projekt angehen, ist das nicht kleines Karo, sondern gleich ganz großes Kino.

Wenn man von amerikanischen Weinen spricht, vergessen selbst Fachleute gern, dass der Bundesstaat New York nach Kalifornien und Washington das drittgrößte Anbaugebiet des Landes ist. Lange Zeit war die Ignoranz berechtigt, denn die Rebsorten etwa entlang des Hudson Rivers brachten wenig Bemerkenswertes hervor. Viele Weine waren fad, flach oder schrecklich süß. Doch mit einer neuen Winzergeneration haben in den vergangenen 15 Jahren vor allem die Weine von Long Island und den Finger Lakes, einer Seenregion zwischen Syracuse und den Niagarafällen, dramatisch an Qualität gewonnen. Rebstöcke auf einem Fabrikdach in Brooklyn - das ist allerdings auch für die aufstrebende Weinregion New York ungewöhnlich.

Die Idee, Trauben in der Stadt anzubauen, kam Shomaker, als er mit Kommilitonen darüber sinnierte, was er mit seiner zweijährigen Weinbau-Ausbildung an der Finger-Lakes-Fachschule anfangen könnte. "Ich wollte als Winzer arbeiten, aber das Leben auf dem platten Land wäre mir zu langweilig gewesen", sagt der Unternehmensgründer. 2014 begannen er, sein Bruder Thomas und Mitstudent Chris Papalia deshalb damit, Reben in großen Blumentöpfen zu ziehen. Im Frühjahr darauf mieteten sie das Dach jenes vierstöckigen Fabrikgebäudes im Werften- und Industriegebiet Brooklyn Navy Yard, beklebten es mit weiß reflektierenden Schweißbahnen und stellten 42 selbst entworfene Plastikkübel auf.

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Jeder der dunkelgrauen Behälter ist gut zwei Meter lang, etwa 90 Zentimeter hoch und mit vier Rebstöcken bepflanzt. Die Erde, in der die Reben wurzeln, ist eine Mischung aus verschiedenen Bodenarten und künstlichem Sand, der aus gemahlenem Altglas gewonnen wird. Anders als gewöhnliche Weinbauern, die mit den Gesteinsarten arbeiten, die sie vorfinden, haben Papalia und die Shomaker-Brüder das Terroir, das ihre künftigen Weine prägen wird, also gewissermaßen selbst geschaffen. Hinzu kommt die Natur - die heißen Sommer und oft klirrend kalten Winter, der stete Wind, der vom Meer her über die Dächer der Stadt weht, die üppige Sonneneinstrahlung, die von der Dachfolie und den umliegenden Glitzerhochhäusern noch verstärkt wird.

1000 Dollar soll eine Flasche des raren wie hoffentlich edlen Getränks kosten

Ob man neben dem Boden, dem Klima und der Hand des Winzers demnächst auch die große Stadt wird schmecken können im Wein, so wie man bei manchem Mosel-Riesling meint, Lage und Art des Weinbergs auf der Zunge erspüren zu können, wird wohl noch Gegenstand vieler Diskussionen werden. Die Wolkenkratzer Manhattans jedenfalls sind ein Stück entfernt, dafür bläst gleich neben dem "Gut" ein hoher Schornstein weißen Rauch in die Luft. Irgendwo röhrt eine Maschine, dicke, silberne Blechrohre durchziehen die grauen Freiflächen zwischen den Fabrik- und Lagerhallen. Vom Lärm der Stadt indes ist hier am Ostufer des East River vergleichsweise wenig zu hören, gegenüber, auf der anderen Straßenseite, liegt ein kleiner Park mit öffentlichem Freibad. Und umrahmt werden all die Stadtgeräusche von der entspannten Lounge-Musik, mit der Shomaker die Besucher seines Fabrikdachs - aber auch seine Reben - tagein, tagaus berieselt.

Der Chef: Devin Shomaker.

(Foto: Claus Hulverscheidt)

Vorige Woche, am Sonntagmorgen um sechs Uhr, haben die Stadtwein-Pioniere zum ersten Mal geerntet. Es war ein aufregender Tag, der abends am fünf Autostunden entfernten Keuka-See, einem der elf Finger Lakes, endete. Dort, im Partner-Weingut Point of the Bluff, wurden die rund 270 Kilogramm Trauben aus Brooklyn gekeltert und gemaischt, und dort wird Papalia in den kommenden Monaten alles daran setzen, die erste eigene Rotwein-Cuvée nach Bordeaux-Vorbild zu zaubern. Um die 300 Flaschen sollen es möglichst werden. Papalia, mit 23 Jahren angeblich der jüngste Kellermeister des Bundesstaats, konnte in den vergangenen Jahren mit Beeren des Partnerbetriebs bereits üben: Unter dem Label Rooftop Reds bringt er schon einen Chardonnay, eine Weißwein-Cuvée und einen Rosé heraus, die man auf dem Brooklyner Fabrik-Dach kaufen kann.

Den Verdacht, dass es sich bei dem ganzen Vorhaben vielleicht doch nur um Spinnerei oder ein aufwendiges Hobby handeln könnte, weist Shomaker mit der Überzeugung und Bestimmtheit zurück, mit der sich nur Amerikaner für ihre Geschäftsidee begeistern können. Schon heute mache das Unternehmen Gewinn, sagt er, indem es den mit Kunstrasen, Lichterketten und Hängematten aufgemotzten Dach-Weinberg für Firmenveranstaltungen, Kinoabende und private Feiern vermiete. Sobald der eigene Rotwein im Regal stehe, werde es so richtig losgehen mit den Events: 1000 Dollar soll dann eine Flasche des ebenso raren wie hoffentlich edlen Getränks kosten, das Papalia derzeit kreiert. "Wenn es eine Stadt gibt, die dafür verrückt genug ist und in der das nötige Geld da ist", so Shomaker, "dann ist es New York." Klingt wahnsinnig, könnte sich am Ende aber als wahnsinnig genial erweisen: Schließlich gibt es in der Stadt auch Restaurants, die Cheeseburger für mehr als 1000 Dollar anbieten. Cheeseburger!

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