USA, Land der Fettnäpfchen Kriegsbeil auf Geschmacksknospen

USA, Land der unbegrenzten Biersorten

(Foto: AFP)

Unsere Autorin hatte ja erwartet, dass die amerikanische Bierkultur sich stark von der heimatlich-bayerischen unterscheidet. Aber müssen Biere so schmecken, wie sie heißen - etwa "Tod und Steuern"?

Von Beate Wild, San Francisco

Sie heißen "Pliny the Elder", "Hammerhead", "Juego Con Fuego" oder "Death and Taxes". Nein, es handelt sich hier nicht um drittklassige Western, sondern um amerikanische Biere. Sie alle kann man im Toronado bestellen, einer Kneipe in unserer Straße in San Francisco, die dafür bekannt ist, wirklich viele Biersorten zu führen - derzeit sind es 47. Das Angebot wechselt ständig.

Objektiv gesehen kann man eine derart riesige Auswahl eigentlich nur begrüßen. Doch subjektiv ist das alles relativ. Stehe ich dort am Tresen, komme ich immer wieder zur Erkenntnis: Was nützen mir 47 verschiedene Biere, wenn nicht ein einziges dabei ist, das schmeckt wie ein Bier schmecken soll?! Zumindest wie ich gerne hätte, das es schmeckt: nämlich wie ein bayerisches Helles.

An das Gebräu, das sie hier Bier nennen, kann ich mich als Bayerin nur schwer gewöhnen. Das mag arrogant klingen, aber was soll man machen: Ich bin nun mal groß geworden mit bayerischem Bier, das weltweit gelobt wird.

Leser-Umfrage "Beer" statt Bea: Und was wurde auf Reisen aus Ihrem Namen?
” Die Aussprache der englischsprechenden Menschen die meinen Namen mit Börnt verhuntzten habe ich immer gekontert: I may be tanned, but not burnt. Das Gelächter war immer zu meinen Gunsten und in Zukunft bemühte man sich den Namen richtig aus zu sprechen.

Zwar sind sogar viele US-Biersorten nach dem Reinheitsgebot ohne Zusätze gebraut. Trotzdem: Mittels einer nichtrepräsentativen Umfrage unter befreundeten Exildeutschen aus Hamburg, Hessen und Sachsen habe ich herausgefunden, dass es ihnen mit dem amerikanischen Bier ähnlich ergeht wie mir.

Etwa mit dem IPA, das Indian Pale Ale. Bei diesem Bier dachte ich nach dem ersten Schluck, der Kellner habe etwas missverstanden und mir eine Art Radler aus Bier und Pfirsichsaft (wahlweise Kirschsaft) gemixt. Oder vielleicht das Glas vorher nicht richtig ausgespült. Erst bei den nächsten Schlucken wurde mir klar, dass dies leider kein Irrtum war: Dieses dreist "Bier" genannte Kaltgetränk soll so schmecken.

Beim Indian Pale Ale wird der Hopfen stark betont. Und da vielen US-Brauereien der leichte Hopfengeschmack, wie ihn der Bayer kennt, nicht reicht, werden Aromahopfen benutzt. Das klingt zwar nach "aromatisiert", hat damit aber nichts zu tun: Statt dem üblichen Bitterhopfen wird auch bei manchen deutschen Bieren dieser teure Hopfen verwendet, der eben ein besonderes Aroma verleihen soll.

Bloß nicht anstoßen

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Nur heißen die Aromahopfen in den USA nicht "Hallertauer Mittelfrüher", sondern "Centennial", "Citra", "Amarillo", "Nugget", "Warrior" oder "Tomahawk". Das Ergebnis ist ein künstlich anmutender Fruchtgeschmack, bei dem ich tatsächlich das Gefühl habe, jemand dresche mit dem Kriegsbeil auf meine Geschmacksknospen ein.

Dann gibt es noch das Lager. Es kommt einem Hellen am nächsten, mundet jedoch meistens so lack (also abgestanden), als habe ein Wiesn-Kellner die Noagerl (also Reste) von zehn Maßkrügen vom Vortag zusammengeschüttet. Desweiteren findet man noch die Sorten Stout, ein Dunkles, oder Steam, ein fermentiertes Bier, das schon Jack London 1880 in San Francisco orderte, wie er in seinen "alcoholic memoir" schreibt. Bayerisches Bier hat er wohl nie in seinem Leben probieren dürfen, der Arme.

Nicht nur der Geschmack ist gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig, auch die Kopfschmerzen am nächsten Tag sind kaum auszuhalten. Für einen Kater, für den man im Hofbräuhaus fünf Maß hinunterschütten müsste, reichen im Toronado schon drei Pints. Ein Pint ist in etwa so groß wie ein Glas, aus dem man sonst Caipirinhas trinkt.

Als Neuling hatte ich noch mutig die ausgefallensten Sorten verkostet. Aber wenn ein Bier, das "Death and Taxes" heißt, wirklich nach "Tod und Steuern" schmeckt, wünschte ich, lieber Kamillentee bestellt zu haben. Die Namensgebungsabteilung der Brauerei hat hier jedenfalls ganze Arbeit geleistet: What you see is what you get.

Seit kurzem lasse ich das Herumexperimentieren, bringt ja nichts. Wenn ich Bier bestelle, halte ich mich an belgisches - aber kein Kirschbier! - oder tschechisches. Und wenn man ganz viel Glück hat, führt eine Kneipe auch mal ein deutsches Exportbier, das ein wenig das kulinarische Heimweh mildert.

Meine Friseurin schwärmte neulich nach ihrem Urlaub in München, dass dort das Bier so gut sei. Doch dann sagte sie: "Nur eines verstehe ich nicht: Wieso haben die Biergärten denn nur zwei oder drei Biere zur Auswahl?" Da könnten sich die Deutschen doch mal ein Beispiel an amerikanischen Kneipen nehmen. Sie kenne hier eine Bar, die habe sogar 47 Biere auf der Karte.

In der Kolumne "USA, Land der Fettnäpfchen" schreibt unsere Autorin Beate Wild aus San Francisco über alltägliche Sitten und Unsitten in den Vereinigten Staaten.