USA Krisencruisen in Detroit

Mit organisierten Ausfahrten wie dem "Slow Roll" soll das Fahrradfahren in Detroit populärer werden.

(Foto: Ryan Garza/dpa/AP)

Die gebeutelte Autostadt setzt nun auf ein ganz anderes Verkehrsmittel: das Fahrrad. Neue Radwege, Straßenbahnen und Grünflächen sollen die City beleben und Besucher begeistern.

Von Viktoria Großmann

Henry Ford stellt den Fahrradsattel ein. Zu niedrig. So fahren die meisten hier am Detroit Riverwalk entlang, Knie nach außen. Oder besser: Sie cruisen. Dass das Fahrrad sich als echtes Fortbewegungsmittel und nicht nur als Freizeitspaß in Detroit durchsetzt, ist zumindest an der Promenade des Detroit River noch nicht ganz vorstellbar.

Henry Ford - der wirklich so heißt wie der Gründer der Ford Motor Company - ist jung, schwarz und einer der Fahrradenthusiasten Detroits. Er stellt bei seinem Arbeitgeber Wheelhouse Detroit nicht nur Sättel ein, sondern führt Einheimische und Besucher auf Radtouren durch seine Stadt; auch ehrenamtlich in seiner Nachbarschaft Palmers Park, um den Menschen dort zu zeigen, "dass Radfahren sinnvoll ist und Spaß macht", wie er sagt. Als seine Chefin Kelli Kavanaugh 2008 den Fahrradverleih mit angeschlossener Werkstatt gründete und dazu ein Tour-Programm organisierte, hielt das nicht jeder für Erfolg versprechend. "'Ehrlich? Fahrradfahren in Detroit? Ist das überhaupt sicher?' Das haben damals viele gefragt", sagt sie. Heute gebe es diese Bedenken weniger. "Das ist die Zukunft der Fortbewegung", sagt ihre Geschäftsführerin Tatiana Pastor, die hinter dem Ladentisch steht.

Eine bessere Adresse als den Riverwalk hätte sich Kavanaugh nicht aussuchen können. Wer sich im General-Motors-Gebäude, dem sogenannten Renaissance Center, die Autos angeschaut hat und dann die Promenade hinunter schlendert, der kann bei ihr aufs Fahrrad umsteigen und in 20 Minuten Belle Isle erreichen. Die Detroiter lieben diese Insel, sie gilt als größtes Naherholungsgebiet der Stadt. Von hier hat man freie Panoramasicht auf die Zwanzigerjahre-Wolkenkratzer in Detroits Downtown und auf die kanadische Nachbarstadt Windsor auf der anderen Seite des Flusses.

Seit dem Frühjahr hat Kavanaugh Konkurrenz bekommen. Direkt vor dem General-Motors-Gebäude, fünf Fahrradminuten entfernt, stehen die roten Mogo-Fahrräder in ihren automatischen Ausleihstationen. 43 Bike-Standorte hat das Nonprofit-Start-up, das von der Stadt unterstützt wird, bereits. Zwei davon am Riverwalk.

Der Riverwalk ist so sauber, so luftig, so aufgeräumt, gleichzeitig belebt und zentral - man könnte fast vergessen, dass diese Stadt noch immer einen Haufen Probleme hat. "Das hier ist der bunteste Treffpunkt Michigans", sagt der Chef der Riverwalk Conservancy Mark Wallace. Die Conservancy ist ein Nonprofit-Unternehmen, das tut, was weltweit an vielen innerstädtischen Fluss- und Meeresufern getan wird: Promenadenparks mit Spazierwegen, Aussichtspunkten, Cafés, Konzertbühnen und Spielplätzen anlegen. Die Umsetzung des Projekts - unterstützt von General Motors - begann Anfang des Jahrtausends und wurde auch in den schlimmsten Krisenzeiten fortgeführt. "Die Stadt ging pleite und General Motors ging pleite. Wir haben weiter gemacht", sagt Wallace. Es war die Krise, die dem Fahrradfahren in Detroit so viel Aufwind gegeben hat.

Mit dem Rad über den Riverwalk mitten durch die Stadt, die auch der "bunteste Treffpunkt Michigans" genannt wird.

(Foto: Peter Neitzsch)

Vor dem General-Motors-Haus kann man Räder ausleihen und bis auf Belle Isle fahren

Autofahren in Detroit ist teuer. Die Stadt ist eine der ärmsten der USA und zugleich weiterhin eine derjenigen mit der höchsten Kriminalitätsrate. Vor allem die Versicherungskosten sind exorbitant hoch. Mehr als ein Viertel der Detroiter Haushalte hat kein Auto. Sie sind auf den Nahverkehr angewiesen. Aber je schlechter es um die Finanzen der Stadt stand, desto schlechter stand es auch um das ohnehin ausbaufähige Busnetz Detroits. Während der Zwangsverwaltung 2014 kam der öffentliche Nahverkehr fast ganz zum Erliegen. Plötzlich wurde das Fahrrad zum verlässlicheren Fortbewegungsmittel. Die Straßen Detroits wurden gemacht für zwei Millionen Einwohner, die täglich ihre Chevrolets, Cadillacs, Packards und Dodges ausfahren. In der von Abwanderung gebeutelten Stadt mit noch etwa 670 000 Einwohnern bietet sich Radfahrern nun Platz genug, die Schlaglöcher zu umfahren.

"Detroit ist die perfekte Stadt für Radfahrer", schwärmt Kelli Kavanaugh. "Es ist flach und es gibt jede Menge asphaltierte Wege." Gerne wird von mehr als 200 Meilen Radwegenetz gesprochen - gemeint sind damit aber alle Straßen, auf denen man Rad fahren kann, also alle bis auf Highways. Markiert ist gerade mal ein Zehntel davon, und die Autofahrer müssen noch lernen, nicht auf den Bike Lanes zu parken. Besonders sicher ist der Riverwalk. Doch auch er ist noch nicht fertig gebaut: Da, wo am Mount Elliot Park das Vorzeigeprojekt, an dem bereits schicke Apartmentblocks bezogen werden, abrupt aufhört, beginnt wieder jenes Detroit der Ruinen, auf das die Einwohner langsam nicht mehr angesprochen werden wollen. Brachflächen, Gestrüpp, verlassene Häuser, verlassene Autos, an der Ecke Walter's Liquor Store. Neben der Autospur geht es weiter bis zur eigentlichen Attraktion: der Brücke nach Belle Isle mit ihrem Ausblick auf die Skyline mit den protzig dekorierten Hochhäusern, die nach und nach von den Milliardären der Stadt aufgekauft und renoviert werden - das Penobscot, das Stott Building, der Book Tower. Sie wurden gebaut, als Detroit die reichste Stadt Amerikas war. Natürlich kann man auch mit dem Auto hinüberfahren. Aber erkunden lässt sich die Insel mit ihren gepflegten Ufern, dem Springbrunnen und der Parkanlage am besten mit dem Fahrrad. "Als Sport- oder Freizeitgerät hat sich das Fahrrad in Detroit etabliert", sagt Mark Wallace. "Es wird auch noch zum echten Verkehrsmittel werden."

2008 gründete Kelli Kavanaugh den Farradverleih mit angeschlossener Werkstatt.

(Foto: privat)

Seine Riverfront Conservancy tut einiges dafür. Sie ist zusammen mit der Stadt auch am Dequindre Cut beteiligt. Die Fahrradstraße beginnt am Riverwalk und führt nordwärts zum Großmarkt Detroits, dem Eastern Market, umsäumt von Diners, Cafés und Spezialitätengeschäften. Die Hipster von Detroit fahren mit dem Fahrrad durch die Ruinen der Autoindustrie zum Wochenmarkt, um an den Ständen im Freien und in der historischen Halle regionale, im Urban Farming angebaute oder handgemachte Ware zu kaufen.

Über Eastern Market hinaus wird der mehrspurige Rad- und Fußweg, der teils fern von Autostraßen mitten durchs Grün führt, gerade weiter ausgebaut bis hinauf nach Hamtramck - einer eigenständigen Kommune im Stadtgebiet von Detroit. Sie ist geprägt von polnischen und asiatischen Einwanderern. Asiatische Lokale, kleine Pubs und polnische Lebensmittelläden wechseln sich hier ab. Von hier aus ist der Radwege-Ringschluss durch einen Grüngürtel geplant, Richtung Westen und wieder hinunter zum Fluss.

Fahren kann man aber jetzt schon. Vorbei an der letzten noch laufenden Produktionsstätte von General Motors erreicht man Woodward Avenue. Die Magistrale führt nach Downtown zum Campus Martius. Seit Mai müssen Radler hier aufpassen, nicht in die Straßenbahnschienen der neuen Q-Line zu geraten. Für sie ist extra eine Fahrradstraße ausgewiesen worden, im parallel verlaufenden Cass Corridor - noch vor wenigen Jahren einer der gefährlichsten Orte Detroits. Jetzt hat sich auf Höhe der Shinola-Fabrik, die unter anderem maßlos teure Fahrräder verkauft, ein Hipsterviertel entwickelt, das Soziologen mit Sorge betrachten: zu teuer, zu weiß. Ein ganzes Stück weiter westlich verläuft der Rosa Parks Boulevard bis hinunter zum alten, seit den Achtzigerjahren stillgelegten Hauptbahnhof - um den herum sich das Szeneviertel Corktown entwickelt hat.

Die Strecken sind weit. Detroit hat ein im Vergleich zur Einwohnerzahl immenses Stadtgebiet, auf das locker auch noch Boston und San Francisco passen würden. Damit die Einheimischen die besten Routen kennenlernen oder sich überhaupt aufs Fahrrad trauen, gibt es seit einigen Jahren Bike-Events. Die "Tour de Troit" etwa. Einmal im Jahr macht sie eine Massen-Radfahrer-Überquerung des Flusses auf der Ambassador-Brücke nach Kanada möglich, die sonst nur für Autos befahrbar ist. Den Fahrten des "Slow Roll" kann sich immer montags jeder anschließen.

Detroit rollt wieder. Menschen wie Kelli Kavanaugh, Mark Wallace oder Henry Ford stehen für den Wandel dieser Stadt. Sie soll wieder ein Vorbild werden in puncto Mobilität. Diesmal auf zwei Rädern.

Reiseinformationen

Anreise: Direktflüge von Frankfurt nach Detroit bieten Delta und KLM, sowie Lufthansa und United an, hin und zurück ab etwa 800 Euro.

Unterkunft: Das Hotel Trumbull and Porter verleiht Detroit Bikes an die Gäste, ÜN im DZ ca. 155 Euro, www.trumbullandporterhotel.com

Radfahren: z. B. geführte Touren mit Wheelhouse, zu Stadtfarmern, Kirchen und alten Autofabriken, ab 20 Euro, www.wheelhousedetroit.com; den Touren mit Tour de Troit (www.tour-de-troit.org) oder Slow Roll (www.slowroll.bike) kann sich jeder anschließen. Mogo-Leihräder: 7 Euro / Tag, www.mogodetroit.org

Weitere Auskünfte: www.visitdetroit.com, www.detroitexperiencefactory.org

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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