Umstrittener Walfang "Nur Hiphop haben wir bislang nicht"

Immer mehr Färinger ziehen aus den kleinen Siedlungen in die Hauptstadt Tórshavn, wo es einen Burger King gibt, eine Shoppingmall und ein Sushi-Restaurant. Und eine besonders lebendige Musikszene: Jeden Sommer veranstalten die Inseln das Summartónar, ein großes Festival mit klassischer und moderner Musik. Im Laden der Plattenfirma "Tutl Records" in der Innenstadt von Tórshavn stapeln sich CDs mit färöischem Balladengesang, der von alten Mythen und Volksmärchen erzählt. Dazu wird auf den Färöern bis heute der Kettentanz getanzt, ein Reigen, der im restlichen Europa im Mittelalter ausstarb. "Viele Färinger sind hauptberuflich Fischer und nebenberuflich Musiker", sagt die Verkäuferin. Auch Death-Metal-Platten und Indie-Songwriting mit färöischem Text gibt es. "Nur Hip-Hop haben wir bislang nicht."

In der Nähe von Tórshavn bietet Óli Rubeksen färöische Küche an. Seine Fischbouillon schmeckt fabelhaft, das gesottene Hummerfleisch darin ist so leicht, als würde man eine Meeresbrise löffeln. "Vorhin frisch gefangen", sagt Rubeksen. Die Kartoffeln sind von seinem Land, die Lammblutwurst aus eigener Schlachtung. Das schwarze Grindwalfleisch, das ähnlich schmecken soll wie Rind, hat er nicht da. Aber er holt Speck vom Wal aus dem Kühlschrank, er schimmert rosa wie frischer Lachs. Rubeksen kaut und blickt dabei selig. Dabei schmeckt er für den Neuling eher unangenehm: gummiartig-fischig.

Anders als Samuelsen glaubt Rubeksen, dass es den Grindadráp noch lange geben wird. "Mein Sohn gehört zu der Café-Latte-Internet-Generation. Er kennt aber auch noch den alten Lebensstil und könnte sich selbst versorgen, wenn er müsste." Auch Rubeksen selbst lebt in beiden Welten: Sein Holzhaus mit den Panoramascheiben sieht auf zeitlose Art modern aus. Das Dach ist aus dämmendem Gras, wie bei vielen Häusern, die im alten Viertel von Tórshavn stehen. Touristen fahren auf die Inseln, um zu wandern. Aber auch Rennradfahrer haben die bergigen Inseln entdeckt.

"Die schönsten Inseln der Welt"

Deutschland tritt gegen Fußball-Außenseiter Färöer an. Doch was sind das für "Schafsinseln", die "National Geographic" schöner findet als 110 weitere Inseln weltweit? Katja Schnitzler mehr ...

Wenige Kilometer hinter Tórshavn beginnt eine buckelige Mondlandschaft mit vereinzelten Moosnestern. Und mit vielen Schafen. Auf den Färöern, den "Schafsinseln", soll es doppelt so viele Schafe wie Menschen geben. Die Einheimischen essen selbst gern Schaffleisch: als Braten an brauner Soße mit Blaukraut und Kartoffeln, als würziger Lammschinken, der durchzogen von weißen Fettbahnen auf dem Frühstückstisch wartet. "Wir importieren sogar Fleisch aus Neuseeland", sagt Bergur Samuelsen, der uns als Wanderführer begleitet. "Heute kann man nicht mehr überleben als Schäfer, aber viele Färinger halten sich Schafherden als Hobby und schlachten selbst." Die Wolle der färöischen Schafe ist kratzig, schützt aber besonders gut gegen Kälte und Feuchtigkeit.

Am Tag nach der Grindwaljagd auf Sandoy sitzen vier junge Menschen als letzte Gäste an einer Hotelbar in Tórshavn. "Ich kann nicht mitansehen, wenn sozial hochintelligente Tiere wie die Grindwale abgeschlachtet werden", sagt Erwin Vermeulen, schulterlange Locken, Müdigkeit im Blick nach einem anstrengenden Tag. Der Niederländer war schon zweimal mit Sea Shepherd auf den Inseln, um gegen die Grindwaljagd zu kämpfen. Seit mehr als zwei Monaten läuft die diesjährige Sea-Shepherd-Kampagne; zeitweise seien an die 100 Aktivisten auf den Inseln, sagt Vermeulen. Jeden Tag überwachen sie die 23 Buchten, in denen der Grindwalfang erlaubt ist. Früher wurde im Radio durchgesagt, wenn eine Grindwalschule gesichtet wurde. Heute verständigen sich die Färinger übers Handy. "Damit keine ungebetenen Gäste auftauchen", erklärt Samuelsen.

"Tradition endet da, wo Tiere oder Menschen leiden", sagt Erwin Vermeulen. Ein Mann, der an der Rezeption arbeitet, hat von Weitem mitgehört. Jetzt hält er es nicht mehr aus: "Die Grindwale haben in Freiheit gelebt und sterben in Sekunden. In anderen Ländern werden Hühner das ganze Leben in engen Legebatterien gehalten." Sei das etwa ein gutes Leben, fragt er. "Das ist auch schlimm", antwortet ein anderer Sea-Shepherd-Aktivist. "Es macht den Mord hier aber nicht besser." Der Rezeptionist zieht sich wieder hinter seinen Empfangstresen zurück. Die Spannung bleibt im Raum.

Informationen

Anreise: Mit dem Flugzeug ab Kopenhagen mit Atlantic Airways ab 270 Euro für Hin- und Rückflug, www.atlantic.fo; die Autofähre der färöischen Reederei Smyril Line fährt von Hirtshals in Dänemark nach Tórshavn, www.smyrilline.de.

Unterkunft: DZ im Gästehaus Gjáargarður in Gjógv auf Eysturoy gibt es ab 100 Euro/Nacht, www.gjaargardur.fo; DZ im Hotel Føroyar in der Hauptstadt Tórshavn ab 100 Euro, www.hotelforoyar.com.

Weitere Auskünfte: Offizielle Seite der Touristinformation: www.visitfaroeislands.com; Statistiken zum Grindwalfang veröffentlicht die färöische Regierung unter www.whaling.fo; Infos zum Schutz von Walen und Delfinen bietet z. B. die Wal- und Delfinschutzorganisation WDC unter www.whales.org.