Touristen in Indien "Erst habe ich nicht kapiert, dass es gefährlich wurde"

Touristen bei Sonnenuntergang am Strand in Goa, Indien.

(Foto: AP/dpa)

Angst vor sexueller Gewalt kennt die Deutsche Kornelia Santoro, die seit Jahren in Goa lebt. Im Interview gibt sie Indien-Reisenden Tipps - und erklärt, weshalb auch eine männliche Begleitung nicht immer vor Übergriffen schützt.

Von Katja Schnitzler

Nach einer grausamen Gruppenvergewaltigung in Delhi, an deren Folgen eine junge Frau starb, diskutiert die indische Gesellschaft, wie sehr Inderinnen sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Nun wurde auch eine Schweizer Touristin, die mit ihrem Ehemann in einem Wald nahe der Tempelstadt Orchha campierte, von mehrere Männern vergewaltigt. Nicht nur alleinreisende Frauen fragen sich, wie sicher ein Urlaub in Indien ist. In Reiseblogs lesen sie häufig die naive Antwort: "Mir ist nichts passiert, genieße das Land." Die deutsche Autorin und ehemalige Journalistin Kornelia Santoro hingegen, die seit 1994 durch Indien reist und mit ihrer Familie in Goa lebt, rät dringend zur Vorsicht.

SZ.de: Frau Santoro, was müssen Reisende über Indien wissen?

Kornelia Santoro: Es wird gefährlich, sobald es dunkel ist. Verbrechen werden meist im Schutz der Dunkelheit begangen, "denn da sieht mich keiner" - so ist die Denkweise der Kriminellen. Dazu kommt diese Mob-Mentalität, Verbrechen werden oft, wie bei den furchtbaren Gruppenvergewaltigungen, gemeinsam begangen. Allerdings heißt das nicht, dass es tagsüber immer sicher ist. Am besten fragen Touristen in Hotels, welche Gebiete sie besser meiden.

Sie leben mit Ihrer Familie seit fast zehn Jahren in Goa, ein beliebtes Ziel für Urlauber. Wo würden Sie dort niemals hingehen?

Hier ist es zwar tagsüber vielleicht etwas sicherer als in ärmeren Gegenden. Man kann sich am Strand oder auf den Märkten frei bewegen, da wird man als Frau höchstens begrabscht. Aber auch in Goa gehe ich nicht allein dorthin, wo ich angegriffen werden könnte. Zum Beispiel wäre der Dschungel hinter einigen Stränden wunderbar für Spaziergänge geeignet. Aber auf die verzichte ich besser. Goa ist keine heile Welt. Es vergeht keine Woche, in der die Zeitungen nicht über Missbrauchsfälle berichten. Vor ein paar Wochen wurde eine Siebenjährige in einer Schule vergewaltigt. Und vor kurzem eine amerikanische Touristin, doch sie hat keine Anzeige erstattet. Sie wollte nur noch weg.

Sie selbst sind 1994 mit dem Motorrad durch Indiens Norden gefahren und wurden damals beinahe ebenfalls vergewaltigt. Was ist da passiert?

Mein Motorrad hatte nachmittags eine Panne und ich musste zu einem Armee-Camp, um Hilfe zu holen. Ein Offizier führte mich ewig lange herum, es wurde schon dunkel und ich war erschöpft. Ich habe erst nicht kapiert, dass es gefährlich wurde. Erst als der Offizier meinte, ich solle im Camp schlafen, bestand ich darauf, zu meiner Unterkunft gebracht zu werden. Zwei Soldaten fuhren mich. Unterwegs fielen sie über mich her, warfen mich aus dem Auto und auf die Erde. Einer biss mir in die Wange, sie versuchten, meine Kleider auszuziehen. Ich habe mich gewehrt und geschrien wie am Spieß.

Ließen die beiden deshalb von Ihnen ab?

Nein. Mir wurde bewusst, dass ich keine Chance hatte und fand mich damit ab, jetzt zu sterben. Ich weiß nicht, warum die Soldaten dann aufhörten. Doch als wir weiterfuhren, versuchten sie es noch einmal und ich schrie wieder wie verrückt. Da warfen sie mich aus dem Auto. Und ich überlebte.

Als alleinreisende Frau hielten Sie die Soldaten wohl für ein leichtes Opfer?

Das Schlimme ist, dass auch männliche Begleitung Frauen nicht immer vor Übergriffen schützt. Sowohl die Studentin in Delhi als auch die Schweizer Touristin waren mit ihrem Freund beziehungsweise Ehemann unterwegs. Aber genau das kann sie zum Ziel gemacht haben.

Inwiefern?

Für einige indische Männer haben anständige Mädchen daheimzubleiben, speziell in der Nacht. Wer mit seinem Freund unterwegs ist, verhält sich in ihren Augen wie eine Hure. Eine Frau, die in Bombay missbraucht wurde, berichtete, dass die Vergewaltiger ihr das genau so gesagt hätten. Sie fühlten sich auch noch moralisch überlegen, während sie sie schändeten.