Snowboard am Dammkar in Mittenwald Der Geheimtipp im Karwendel

Einst ein beliebtes Ziel, dümpelte das Dammkar-Skigebiet bis zu seiner Schließung vor sieben Jahren bloß noch vor sich hin. Dann entdeckten es die Freerider.

Von Marc Baumann

Wenn ein Einheimischer, der seine Berge kennt, zur Vorsicht rät, dann hört man als Stadtmensch besser zu. Alois Lerch sagt also am Telefon: "Einen Helm sollten Sie schon tragen." Und dass das Skigebiet am Dammkar nichts für Anfänger sei, merkt er auch noch an. "Gute Kondition brauchen Sie, die Skipiste ist ja immerhin sieben Kilometer lang." Im Übrigen sei ihm persönlich der Berg zum Skifahren viel zu steil, "also ich fahre da sicher nicht runter."

Wenn man am nächsten Morgen in der kleinen Gondel von Mittenwald steil bergauf fährt - als nur passabler Snowboarder, mit diskutabler Kondition - ist es einem doch etwas mulmig zumute. Man sieht schon die Schlagzeile: "Ungeübter Münchner Snowboarder im Karwendel verunglückt." Einer dieser Artikel, nach denen der Leser denkt: "Ach Gott, selber schuld."

Von der Bergstation am Karwendel, mit 2244 Metern der zweithöchsten in Deutschland, führt ein quer durch den Berg gesprengter Tunnel zur gegenüberliegenden Hangseite. Alois Lerch, der Buchhalter der Karwendelbahn, hat gesagt: "Schauen Sie sich am Ende des Tunnels einfach den Anfang der Piste an, das ist mit das steilste Stück - und wenn Sie es sich nicht zutrauen, fahren wir Sie mit der Gondel auch wieder ins Tal." Der 400 Meter lange Tunnel durch das Karwendel erinnert an einen Bergwerksstollen, ungefähr auf halbem Weg hängt etwas überraschend eine Werbung für Kondome - aber diese Art von Schutz hilft einem jetzt gerade herzlich wenig.

Wieder im Tageslicht, steht man also vor den ersten Metern der Dammkar-Abfahrt und denkt: "Sieht gar nicht so schlimm aus." Und wieder unten angekommen bestätigt sich: Die längste Abfahrt Deutschlands lässt sich als solider Skifahrer oder Snowboarder mit etwas Fahrvernunft überstehen, erschöpft, aber heil.

Man sollte sich allerdings einen Tag mit Neuschnee und Sonne aussuchen. Neuschnee für eine sanfte Landung bei Stürzen und blauen Himmel für die leichtere Orientierung. Gute Sicht ist wichtig, weil unter den Ski- oder Snowboardfahrern viele Einheimische sind, die einem schnell davonfahren. Und dann muss man alleine zurück ins Tal finden, Pistenmarkierungen gibt es im Dammkar nicht.

Zu hohe Kosten, zu hohe Verluste

Bis ins Jahr 1998 war das Dammkar ein ganz gewöhnliches Skigebiet, also eines mit präparierten Pisten und markierten Wegen. Weil die kleine Gondel aber nicht mehr als 35 Wintersportler auf einmal zum Gipfel bringt, machte die Karwendelbahn bis zu 200 000 Euro Verlust pro Saison. Mit der Effizienz moderner Skigebiete, die übersäht sind von Sesselliften wie etwa die nahen Gschwandtkopf-Lifte im österreichischen Seefeld, konnte das Dammkar nie mithalten.

Der allabendliche Einsatz der Pistenraupen und die Instandhaltung des Skigebiets refinanzierten sich nicht. Im Winter 1998/99 stellten die Aktionäre der Karwendelbahn AG den Skibetrieb ein. Der Tiefpunkt eines Skigebietes, das durchaus historische Bedeutung hat. Mit Sonderzügen sind die Skifahrer in den 50er und 60er Jahren von München nach Mittenwald gefahren. Bis zu zweitausend Skifahrer marschierten damals im Gänsemarsch das Karwendel hinauf, für eine einzige schwer erkämpft Abfahrt.

Seine Renaissance verdankt die für veraltet erklärte Piste einem Trend: dem Freeriden. Also der Wiederentdeckung der ursprünglichsten Form des Skifahrens über Tiefschneehänge, die nicht für viel Geld präpariert werden müssen. Eine Werbeagentur hat das Dammkar als Deutschlands erstes Freeriding-Gebiet entdeckt. In anderen Ländern, vor allem in Frankreich, Kanada oder den USA gibt es zahlreiche Freeride-Strecken.

Die beste Fahrt ist auch am Dammkar die erste Fahrt des Tages. Wer früh genug aufsteht und sich an der Gondel unter die ersten 35 Skifahrer drängelt, fährt durch sieben Kilometer unberührten Tiefschnee. Bevor man sich aufmacht, sollte man allerdings die Internetseite der Karwendel-Bahn besuchen. Wegen Lawinengefahr bleibt die Skiroute oft gesperrt. Bald wird es auch einen SMS-Service geben, der Neuschnee ankündigt.

Das Dammkar-Gebiet ist noch immer ein Geheimtipp, erstaunlich viele Augsburger würden hier fahren, so Stefan Meider, technischer Vorstand der Karwendelbahn AG, dazu einige Münchner, vor allem aber Einheimische. Karl-Heinz Kuchler etwa, er wohnt keine fünf Gehminuten von der Gondel entfernt. Er saß an diesem Morgen in der ersten Gondel, "man kann aber auch nach einigen Tagen ohne Schneefall noch Tiefschnee finden, wenn man weiß wo". Er lächelt. Alle Geheimnisse verraten sie einem Stadtmenschen natürlich nicht.

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