Bildband "Indien" von Steve McCurry Bilder aus einem kaum fassbaren Land

In Indien darf man dem ersten Blick nicht trauen - aus den Fotografien von Steve McCurry ist nun ein umso bemerkenswerteres Buch entstanden.

Rezension von Stefan Fischer

Gerne wird Indien als das Land der Gegensätze bezeichnet. Das ist eine abgedroschene Phrase, herabgesunken zur PR-Prosa. Und aber doch eine Tatsache. Indien bildet weit mehr Ingenieure aus als Europa und die USA zusammen, der technische und wissenschaftliche Kenntnisstand ist immens. Indien ist aber auch das Land, in dem ein Drittel aller Armen weltweit lebt. Die verschiedenen Sphären sind nicht immer strikt voneinander getrennt, oft prallen sie regelrecht aufeinander. Und manchmal verschränken sie sich auch ineinander. So berichtet William Dalrymple von einem entlegenen Dorf in der Himalaja-Region, in dem die Einwohner für einen Generator zusammengelegt haben, weil der Ort nicht ans Stromnetz angeschlossen ist. Aber da ein privates Unternehmen ein Mobilfunknetz aufgebaut hat, besitzt jeder zweite Bewohner ein Telefon. Fragen von Rückständigkeit und Fortschritt sind in Indien relativ.

Dalrymple hat das Vorwort geschrieben zu einem bemerkenswerten Bildband, der schlicht "Indien" heißt. Er versammelt Fotografien von Steve McCurry aus den vergangenen 35 Jahren. Der Amerikaner, Mitglied der Fotografenagentur Magnum, setzt diese merkwürdige Gleichzeitigkeit von Eindrücken, zwischen denen aus westlicher Perspektive eigentlich Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte liegen müssten, immer wieder in Szene. Und er stößt den Betrachter regelmäßig darauf, dass man dem ersten Blick nicht trauen darf. Es gibt eine Fotografie in dem Buch, die vier Stufen einer Treppe zeigt und die Beine eines Mannes, der sie hinaufsteigt. Die Stufen sind bemalt mit einem krachrotlippigen, sinnlich geöffneten Mund - sie führen aber eben nicht in einen Nachtklub, sondern in die Praxis eines Zahnarzts.

Kleingeld in Indien Wer die Rupie nicht ehrt

Wenn es in Indien ums Kleingeld geht, sind Skrupel fehl am Platz: Wer erst mal Münzen hat, behält sie. Koste es, was es wolle. Schon klar, dass ein Fremder das erst begreifen muss.

Ein wiederkehrendes Motiv ist, wie die Menschen sich abplagen. Indem sie etwa auf dem Buckel Viehfutter einen Bergwald in Darjeeling hinunterschleppen oder bei Überschwemmungen mit Fahrrädern und Rikschas versuchen, das hüfthohe Wasser zu durchpflügen. In Kalkutta hat Steve McCurry zwei Männer aufgenommen, die die Karosserie eines Autos auf einen Handwagen geladen haben und auf diesem nun in eine Werkstatt balancieren. Mobilität ist chaotisch in Indien und erfordert Einfallsreichtum: Zumindest in den 1980er-Jahren haben Zugreisende ihre Fahrräder einfach mit Stricken an die Außenwände der Waggons gebunden. Mitarbeiter der Deutschen Bahn verfallen vermutlich beim bloßen Betrachten dieses Bildes in Schnappatmung.

Doch letztlich gilt wohl für alle westlichen Betrachter: Mit unseren Maßstäben ist wenig von dem fassbar, was in Indien den Alltag bestimmt. Steve McCurry fängt das Faszinierende daran ebenso ein wie das Abstoßende. Das macht seine Bilder so wertvoll. Weder glorifizieren sie, noch verdammen sie. Und sie sind so wenig voyeuristisch, wie das in Indien eben geht.

Steve McCurry: Indien. Prestel Verlag, München 2015. 208 Seiten, 49,95 Euro.