Modernes Kreuzfahrtschiff Stecker sucht Anschluss

Mehr Umweltschutz an Bord - das ist am besten auf neuen Kreuzfahrtschiffen zu realisieren, wie ein aktuelles Beispiel zeigt.

Von Ingrid Brunner

Ende November wurde im Hafen von Triest die MSC Seaside vorgestellt. Sie ist das erste Schiff einer neuen Klasse, konzipiert speziell für warme Gewässer und bietet Platz für bis zu 5179 Passagiere und 1473 Crewmitglieder. Die MSC Seaside ist damit nicht nur das größte Kreuzfahrtschiff, das je in Italien gebaut wurde - sie ist dem MSC-Aufsichtsratsvorsitzenden Pierfrancesco Vago zufolge auch was Umweltschutz und Nachhaltigkeit betrifft "eine Klasse für sich". Die Reederei MSC als familiengeführtes Unternehmen wolle durch den Bau dieses Schiffes ihrer Verantwortung den Mitarbeitern wie auch der Umwelt gegenüber gerecht werden, sagt Vago: Die Seaside erfülle diverse ISO-Standards, die nicht allein Umweltschutz und Energieeffizienz, sondern auch Arbeitsschutz, Mitarbeitergesundheit und gutes Management betreffen.

Diese Zertifizierungen sind bedeutsam, sie dokumentieren die Bemühungen um mehr Meeresschutz und Nachhaltigkeit. Viele ältere Schiffe leiten immer noch sogenanntes Grauwasser ins Meer - zumindest außerhalb der geschützten Zwölf-Meilen-Zone. Die Seaside hingegen verfügt zum Beispiel über ein geschlossenes Klärsystem. Dieses reinigt das Abwasser Vago zufolge in einem Maße, dass es am Ende des Prozesses Trinkwasserqualität habe.

Eine zentrale Rolle spielen auch Energiesparen und Energieeffizienz, denn Energie, die nicht benötigt wird, muss gar nicht erst erzeugt werden. Wärmerückkopplung sorgt an Bord für das Warmwasser in den Kabinen, in Wäscherei, Spa und den vier Pools. LED-Beleuchtung reduziert den Stromverbrauch beträchtlich. Solche Dinge sind auch auf neuen Schiffen der Mitbewerber mittlerweile Stand der Technik.

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Zentrale Bedeutung hat die Frage, wie es dort zugeht, wo die Passagiere keinen Zugang haben: im Technikbereich und auf der Brücke. Dort sollen Slow Steaming, also langsames Fahren, Spezialanstriche sowie optimierte Hydro- und Aerodynamik am Schiffsrumpf Kraftstoffersparnis bringen. Biologisch abbaubare Öle schmieren die Wellen- und Ruderanlagen. Aber: In die Tanks der Seaside kommt weiterhin Schweröl, Hauptkritikpunkt von Klimaschutzorganisationen. "Solange die Schiffe mit Schweröl fahren, ist das ein Unding", sagt Dietmar Oeliger vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Auf der Seaside sollen Reinigungssysteme wie sogenannte Scrubber die Schwefelemissionen und ein Katalysator Stickoxide und Feinstaub aus den Abgasen filtern. Vago kündigte an, dass die Hälfte aller MSC-Schiffe im kommenden Jahr mit Scrubbern ausgerüstet sein werde. Für das Fahrtgebiet Karibik sind neuerdings noch strengere Abgasgrenzwerte vorgeschrieben, die für Schiffe vom Baujahr 2016 an gelten. Da der Baubeginn bei der Seaside 2015 war, erfüllt sie den nächstniedrigeren Standard. Daran zeigt sich, wie langwierig der Weg zu mehr Klimaschutz ist.

Derzeit ist die Seaside auf ihrer Jungfernfahrt über den Atlantik, Ziel ist der Heimathafen Miami. Weshalb das Schiffsdesign an ein Miami Beach Condo, also ein Apartment am Strand von Miami, erinnern soll. Entsprechend soll das Bordleben auf der Seaside vorwiegend auf den Außendecks stattfinden. Und da es auf MSC-Schiffen üblich ist, dass ganze Familien gemeinsam Ferien machen, muss für jede Altersklasse etwas dabei sein: Eltern, Kinder und Großeltern sollen sich am, im und über dem Wasser amüsieren. Strand oder Meer braucht es da kaum noch - das Meer dient fast nur noch als Medium der Fortbewegung. Auf dem Oberdeck können die Passagiere mit der Zipline über einen Aqua Park sausen, in dem Erwachsene auf vier Rutschen Loopings in großer Höhe machen. Für Kinder gibt es einen eigenen, etwas harmloseren Planschbereich.

Auch unter Deck will die Reederei mit Entertainment Gäste ansprechen. So kann man auch in der Karibik in die Sauna gehen - und sich anschließend im Schneeraum abkühlen. Nicht nur die Kinder dürfte die Chocolate Bar der Manufaktur Venchi erfreuen. Man kann zusehen, wie Eis und Pralinen gefertigt werden, während an der Wand Schokolade wie bei einem Wasserfall hinabfließt. Im Atrium befindet sich auch die Shine Bar, die prächtigste von insgesamt 20 Bars. Gigantische LED-Schirme, die über vier Decks emporragen, unterhalten mit Lichtinstallationen: Quallen vor blauem Hintergrund, Oktopusse, Fische. Man kann darüber streiten, ob man all diese Annehmlichkeiten braucht oder nicht. Aber immerhin verbrauchen sie dank stark verbesserter Energieeffizienz keine zusätzlich Energie, die von Dieselgeneratoren erzeugt werden müsste.

Bei MSC arbeitet man bereits an einer neuen Schiffsgeneration, die mit LNG, Flüssiggas, fahren soll. Noch fehlt in den Häfen allerdings die Infrastruktur. Die Betankung mit Flüssiggas ist momentan ähnlich schwierig wie das Aufladen eines Elektroautos an Land.

Die Seaside hat am Bug und am Heck ein Ladekabel für Landstrom. Doch in Triest gibt es - wie in vielen anderen Städten - keine Ladevorrichtung. Bei der Premiere im Hafen wurde sauberes Marineöl verbrannt.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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