Kreuzfahrt in Amazonien "Baden im Amazonas? Ohne Wunde kein Problem"

Bei einer Amazonas-Flusskreuzfahrt werden Passagiere zu Abenteurern - und schwimmen in Gewässern, in denen sie nicht allein sind.

Von Sven Weniger

Wenn der Wasserpegel sinkt, geht den Fischen die Luft aus, erklärt Raimundo, den sie Pires, Untertasse, nennen, weil er morgens stets einen Becher Tee mit sich herumträgt. "Sie kommen an die Oberfläche und schnappen nach Sauerstoff. Da warten schon die Seeschwalben und haben leichtes Spiel." Bei Sonnenaufgang steuert der glatzköpfige Bootsmann des Flussdampfers Amazon Clipper Premium sein langes Kanu in den Kanal zum Lago dos Reis, dicht gefolgt vom jungen Kollegen Roberto, der eine weitere Gruppe zur ersten Exkursion des Tages fährt. Die weite Lagune auf der Insel Terra Nova, Kinderstube vieler Fischarten, ist frühmorgens eine tödliche Falle.

Schwarzmantel-Scherenschnäbel ziehen ihre Schnäbel wie offene Scheren im Flug durchs Wasser und schnappen sich japsende Jungwelse. Reiher tauchen nach Beute, Rabengeier warten am Ufer auf verendete Tiere, die an ihnen vorbeitreiben. "Unser Ökosystem ist kein Idyll", sagt Pires, "toter Fisch stinkt." Hoch oben am Ufer schälen sich bunte Holzhäuser einer Siedlung aus den Schatten der Nacht. "Am Ende der Trockenzeit ist der Amazonas wie eine Badewanne mit offenem Abfluss, in die kein Wasser mehr nachläuft", fügt der Bootsmann hinzu.

Der Amazonas ist der gewaltigste Strom der Erde. Er ist die Quelle des Lebens für 24 Millionen Brasilianer, die in seinem Einzugsgebiet leben, das 20-mal so groß wie Deutschland ist. Von der Wassermenge, die aus dem größten Regenwald des Planeten zum Atlantik fließt, könnte man jedem Menschen auf der Welt alle halbe Minute einen Liter zu trinken geben oder alle drei Tage den Bodensee füllen. Der Fluss entzieht sich unserer Vorstellungskraft.

Wenige kommen dem Amazonas näher. Noch weniger kommen auf ein Schiff wie das von Jaime Coelho da Silva. In Manaus begrüßt der 60-jährige Kapitän in schneeweißer Uniform die zwei Dutzend Touristen an Bord seines 30 Meter langen Flussschiffs mit zwei Kabinendecks zu dieser gemächlichen Flussreise durch den Regenwald. Bis zu deren Ende wird niemand mehr den uniformierten Kapitän sehen, nur noch Jaime, der in der Hitze des tropischen Alltags wie die acht Crewmitglieder in T-Shirt und Shorts lebt.

Auch die Passagiere vergessen bald den englischen Namen des solide aus Stahl und Holz in Manaus gebauten Dampfers mit der rasselnden Klimaanlage und stampfenden Dieselmaschine. Er ist sechs Tage lang einfach ihr schwimmendes Zuhause auf einer Reise hinein nach Amazonien.

4000 Gewitter, in jedem Augenblick

Amazonien wird oft als Indikator für den Zustand des Weltklimas zitiert. Fischsterben, Überschwemmungen, Trockenperioden finden den Weg in die Schlagzeilen der Medien. Reiseführer Franz Schuler liefert weitere wissenswerte Fakten: "Viertausend Gewitter entladen sich über dieser ungeheuren Landmasse mit ungezählten Flüssen in jedem Augenblick gleichzeitig." Deren Wasser käme oft erst nach Wochen hier in Manaus an. Da spiele es überhaupt keine Rolle, wenn es, wie gerade jetzt, eine Zeit lang nicht regnet, erklärt der 35-Jährige, der schon lange in Manaus lebt. Vielleicht, wenn tausend Gewitter ausfielen?

Doch wo, und aus welchem Grund? Sind es übliche Anomalien? Menschengemachte? Niemand weiß es. Der Amazonas kann in der Regenzeit um 20 Meter steigen und später ebenso schnell fallen.

Das Extreme ist hier die Regel

Am Hafenkai von Manaus stehen die Hochwasserstände der vergangenen 100 Jahre. Die größten Überschwemmungen verteilen sich gleichmäßig zwischen 1909 und 2009. Hier ist das Extreme die Regel. Für die Menschen heißt das: Wer an der Schlagader eines ganzen Kontinents lebt, muss den Finger immer am Puls haben.

"Jeden Tag messen Hydrologen zentimetergenau den Pegel, damit wir wissen, was als Nächstes passiert", sagt Franz Schuler. "Kommt die Flut, geht alles rasend schnell." Noch lässt sie auf sich warten. Bei Niedrigwasser treten traumhafte Strände aus dem Flussbett hervor. Nachmittags setzt Kapitän Jaime das Schiff, das wegen seines geringen Tiefgangs weit in die Seitenarme vordringen kann, einfach aufs Ufer zum erfrischenden Bad im Amazonas, mit Sprung von Bord und Sonnenbad auf dem feinen, hellen Ufersand.

Schwimmen im Amazonas? Da war doch was - Piranhas. "Doch", sagt Pires, "die sind überall." Sehen kann man sie nicht. Weder im Río Solimões, wie die Brasilianer den Oberlauf des Amazonas bis Manaus nennen, noch im Río Negro, dem Schwarzen Fluss, der dort auf ihn trifft. Trüb sind sie beide, der eine wie Latte macchiato, der andere wie Espresso.

Kilometerweit laufen sie im selben Flussbett unvermischt nebeneinander her und wollen sich nicht vereinen. Zu unterschiedlich sind Dichte, Fließgeschwindigkeit, Temperatur und pH-Wert. Die meisten Fischarten des Solimões könnten im Río Negro, der ungeheure Mengen Biomasse zersetzt, nicht überleben. Er ist ihnen schlicht zu sauer. Piranhas können. Doch sie wollen Blut.

Was wissen Sie wirklich über den Amazonas?

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"Ohne Verletzung der Haut hat man kein Problem mit ihnen", wiegelt der Bootsmann treuherzig ab. Deshalb hat er einen Deal mit Simone, der Köchin unseres Flussdampfers: Morgen gibt sie ihm Frischfleisch aus der Kombüse, damit angeln die Passagiere die Einlage für ihre Fischsuppe. Es ist ein wenig wie in Kindertagen, wenn erwachsene Männer und Frauen ihre Nylonschnüre mit Haken und Ködern aus den Kanus werfen, fiebrig in die trübe Brühe starren, an den Leinen zupfen, sobald sich etwas regt. Aber sie beißen, und wie.