Kolumne "USA, Land der Fettnäpfchen" Zahlen und gehen, aber sofort!

USA, Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nur möglichst lange sitzen bleiben kann man im Restaurant nicht.

(Foto: AFP)

Ob im Nobelrestaurant oder beim Mexikaner um die Ecke: Sobald der Gast aufgegessen hat, werden die Kellner ungemütlich. Sitten und Unsitten in den USA.

Von Beate Wild, San Francisco

Das Restaurant heißt "Gracias Madre", ein veganer Mexikaner im angesagten Mission District. Richtig gelesen, veganer Mexikaner, so etwas gibt es in San Francisco. Hier halten die Menschen so viel von moderner Ernährung, dass sogar lateinamerikanische Einwanderer ihre Traditionsrezepte in tierfreien Varianten kochen. Der Lohn für ihre Mühe: Sie können die Gerichte mit einem satten Aufschlag an den modernen Nerd verkaufen.

Trotzdem ist das "Gracias Madre" kein Laden für Öko-Spinner und Gesundheitsapostel. Vor dem Lokal stehen Hipster und Bohemians an, um unter sakralen Devotionalien tafeln zu dürfen. Glücklicherweise sind wir rechtzeitig da. Es ist kurz nach 18 Uhr, wir bekommen die zwei letzten Plätze - an der Bar. Der Rest des Lokals ist schon besetzt oder reserviert. In Kalifornien ist man seiner Zeit voraus, auch beim Abendessen.

Vorsicht, internationale Fettnäpfchen!

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Wir wählen Empanadas, gefüllt mit Kochbanane, sowie Enchiladas mit Pilzen und Bohnen in einer deftigen Kakaosauce. Dazu Guacamole, Tortillas und zwei Gläser Wein. Wir essen, es mundet. Irgendwann kommt die Kellnerin vorbei. Entzückendes Lächeln, zuckersüße Stimme: "Alles in Ordnung, guys? Schmeckt es euch?" Ja, danke, alles gut.

Zufrieden essen wir auf und fühlen uns nicht nur gesättigt, sondern rundum wohl. Beinahe angekommen im fremden Land.

Zwei Minuten später knallt uns die eben noch freundliche Bedienung wortlos die Rechnung auf den Tisch. 66,25 Dollar. Darunter der Hinweis, man erwarte zwischen 15 und 25 Prozent Trinkgeld. Verstört schauen wir uns an.

Eine Frechheit, uncharmant noch dazu

Haben wir irgendetwas falsch gemacht? Die Kellnerin unwissend beleidigt? Die Empanadas nicht genügend gewürdigt, mit offenem Mund gekaut? Oder warum wirft sie uns jetzt raus?

Die Verunsicherung ist groß, denn das "Gracias Madre" ist nicht das erste Lokal, in dem uns das passiert. Neulich im asiatischen Imbiss ist es uns genauso ergangen. Und auch das Fischlokal im Marina District wollte sofort abkassieren. Gelten Deutsche hierzulande als Zechpreller?

Der Abend, der so schön begonnen hatte, trübt sich jäh nach 52 Minuten. Gehetzt trinken wir im "Gracia Madre" aus und eilen nach draußen. Etwas ratlos stehen wir auf der Straße. Es ist noch viel zu früh, um heimzugehen. Die Stimmung ist am Boden und Empörung macht sich Luft: Es kann doch nicht angehen, dass man uns sofort nach Verzehr des letzten Bissens hinauskomplimentiert! Eine Frechheit, und uncharmant noch dazu.

(K)ein Prosit der Gemütlichkeit

Wir schimpfen auch am nächsten Tag noch, da klärt uns ein Freund auf: Der Amerikaner tafelt zwar, aber nicht lange. Essen dient der Nahrungsaufnahme - nicht mehr und nicht weniger. Für Amerikaner sind deutsche Gemütlichkeit und auch europäisches Laissez-faire offenbar nicht nur im Wortsinn Fremdwörter.

Hier ist man auf Effizienz getrimmt. Wer nichts mehr bestellt, der hat zu gehen. Schließlich warten am Eingang beim Platzanweiser schon die nächsten Gäste auf einen Tisch. Wohl auch deshalb haben Fast-Food-Restaurants derart Konjunktur. Denn selbst in teuren Lokalen lässt man sich nicht für lange Zeit nieder. Das würde nicht nur die Kellnerin erbosen, sondern auch dem Gast ein ungutes Gefühl verschaffen - vorausgesetzt, er ist ein Einheimischer.

Aber wohin verschwindet dieser, wenn der Abend noch jung ist? In die nächste Bar. Dort bleiben auch Amerikaner sitzen, bis der Laden schließt oder sie vom Hocker kippen. Nur in diesem Fall werden sie auch aus einer Bar hinauskomplimentiert, wahrscheinlich uncharmant.

In der Kolumne "USA, Land der Fettnäpfchen" schreibt unsere Autorin Beate Wild wöchentlich aus San Francisco über alltägliche Sitten und Unsitten in den Vereinigten Staaten.