Karneval in Rio Angst vor nackter Haut

Tenório sitzt in seinem riesigen, gekühlten Büro, mit Pokalen und vergoldeten Urkunden. Er leitet die PR der Unidos da Tijuca, gegründet 1931, dem Stolz des Viertels Tijuca. Ihr Hauptquartier liegt in der Cidade de Samba, der Sambastadt an Rios Hafen. In Hallen so groß wie Flugzeughangars werden hier seit Monaten Kleider genäht und Symbole geschweißt, gesägt, gebastelt. Feen, Playmobil, Tortenstücke, Märchenwald, Autos, Raketen, Bier, manche haushoch. Viele Figuren sind verdeckt, Fotos sind nur ausschnittsweise erlaubt. Wegen Spionen der Konkurrenz.

Chris ist als deutscher Trommler bei Unidos da Tijuca dabei. Seine Frau sollte als Schwarzwälder Kirschtorte mittanzen, ist aber zu klein.

(Foto: dpa)

Es ist ein Aufwand wie beim Cirque de Soleil und dementsprechend teuer. Zwölf Millionen Reáis kostet die Aufführung, 4,4 Millionen Euro. Goethe-Institut und deutsches Konsulat brachten die Unidos da Tijuca auf die Idee, Deutschland sollte bei dieser größten Party der Welt glänzen. In der WM- und Olympiastadt Rio, im ansonsten belanglosen brasilianischen Jahr 2013. Manche der 1300 deutschen Firmen im boomenden Brasilien würden sich bestimmt im Scheinwerferlicht sonnen wollen, die Aussicht gefiel dem Tijuca- Chef José Fernando Horta, einem brummigen Portugiesen. Eine Percussion-Sitzung fand zur Vorbereitung in einer vollgestopften Tijuca-Anlage nach Art eines Oktoberfest-Zeltes statt. Doch es fanden sich nur vier Sponsoren, das meiste Geld geben Franzosen. Tenório klagt: "Wir sind im Minus."

Deutsche Geldgeber hatten offenbar Angst vor nackter Haut. "Karneval ist für die meisten doch Busen und Hintern", ahnt Sergio Silva, ein Helfer von Unidos da Tijuca. Rio steht im Ruf des Sündenbabels, außerdem wurden manche Sambaschulen mit Glücksspiel und Geldwäsche in Verbindung gebracht. Aber das geht am Kern vorbei: "Das hier ist Fest, Kunst und Theater", sagt Tenório, "und wir haben das Image des Siegers." Flaggenträgerin ist das Telenovela-Model Juliana Alves und Choreograph der in Brasilien berühmte Paulo Barros, ein sogenannter Carnavalesco.

Man flog nach Köln und Berlin, sammelte Anregungen und studierte die Geschichte. Das Programm beginnt mit Mythologie, mit Walküren, Elfen, Gnomen und Drachen. Einen Drachen stellt laut Tenório der deutsche Konsul in Rio dar, dessen persönlicher Einsatz habe das Konzept gerettet. Auf Wagner wurde verzichtet, damit keiner an die Nazis denkt. Das mit dem Donnergott Thor wiederum stammt aus einem Film, den die fernsehfreudigen Brasilianer kennen. Es folgen Motive wie Brecht, Beethoven, Goethe, Franz Marc, Marlene Dietrich, Fritz Langs Metropolis, Gebrüder Grimm, Bremer Stadtmusikanten, Playmobil. "Ich wusste selbst nicht, dass Playmobil deutsch ist", sagt Delfim Rodrigues, einer der Designer. Und Schneewittchen hielt man in Brasilien zuvor für eine Erfindung von Walt Disney.

Später treten zum Beispiel auf: Zeppelin, grüne Energie, Röntgen und das Auto, natürlich ein Fusca, wie der VW-Käfer in Brasilien heißt. Zum Schluss, Abteilung Gastronomie, erscheinen unter anderem Würstchen und Bier. "Iss mehr Huhn", steht auf einem Schwein. "Nachher werden die Leute mehr über Deutschland wissen", verspricht Bruno Tenório. "Wir wollen Klischees brechen." Bestätigt wurde allerdings das Klischee steifer Unternehmer, eifersüchtiger Diplomaten und ängstlicher Bürokraten aus Alemanha.

Immerhin trommelt ein richtiger Rheinländer mit. Chris Quade Couto, 31, spielt Tamburin und leitet in Köln eine Sambaschule. Bei den Unidos da Tijuca macht der lange Deutsche seit Jahren mit, seine Frau kommt aus Rio. Sie sollte als Schwarzwälder Kirschtorte mittanzen, ist aber zu klein: Ihr Kopf schaut nicht aus der Form, und da müsste die Kirsche drauf.