Karneval in Rio Wenn Zapfhähne die Hüften schwingen

Im letzten Jahr waren die Tänzerinnen der Gruppe Unidos da Tijuca noch in Federkostümen unterwegs: Nun versuchen sie es mit der deutschen Kultur.

(Foto: AFP)

Beim Karneval in Rio sind in diesem Jahr auch Würste, Beethoven und Tortenstücke zu erwarten. Die Unidos da Tijuca, eine der erfolgreichsten Sambagruppen, tritt unter dem Motto "Deutschland" auf. Zu Besuch bei den Proben.

Von Peter Burghardt

Er geht als Bier, deutsches Bier. Airan Poelking hat keine Ahnung, was das genau bedeutet, die Klamotten für die große Parade sind an diesem Abend noch geheim. Auch kennt der junge Brasilianer Deutschland kaum, obwohl seine Vorfahren von dort kamen. Man hört in Rio de Janeiro nur, dass Deutsche ihr Bier lauwarm trinken.

Jedenfalls nicht so kalt wie im heißen Brasilien, wo Bier "gelada" ist, also noch eisiger als deutscher Winter. Es heißt außerdem, dass deutsche Biertrinker manchmal im Sitzen pinkeln würden, solche Witze erzählt man sich hier. Egal, Airan Poelking wird am Samstag in der Ala Cerveja der Sambatruppe Unidos da Tijuca auflaufen, im Bier-Flügel. Fünfter Sektor, zwischen Schokolade und Immigranten, vermutlich verkleidet als Zapfhahn.

80.000 Zuschauer im Sambadrom des Architekten Oscar Niemeyer werden dabei sein und Millionen vor den Fernsehern, TV Globo überträgt live. Außer vielleicht dem Finale einer Fußball-WM gibt es in Brasilien nichts Größeres als den Wettkampf der zwölf besten Sambaschulen von Rio, und die Unidos da Tijuca sind der Titelverteidiger. 2012 (und 2010) haben sie gewonnen, zuletzt mit dem Motto "Pernambuco", das ist ein armer und aufstrebender Bundesstaat im Nordosten Brasiliens. Diesmal ist Deutschland das Thema. Mit schillernden Karossen und Kostümen werden sie antreten, es wird eine gewaltige Show von 80 Minuten Dauer. Am Ende aller Vorführungen entscheidet eine Jury, wer gewinnt. Jetzt wird nur geübt.

Es ist heiß, die Nacht riecht nach Schweiß und Fleischspießen, Caipirinha und Bier. Also nach Carnaval, Car-na-va-u ausgesprochen. Das Fest beginnt ja immer schon vor dem eigentlichen Termin. 4000 Sänger, Tänzer und Trommler der Unidos da Tijuca schieben sich bei der Probe durch eine modrige Straße von Rio, Profis und Laien. Sie tragen bunte Übungstrikots mit dem Titel des Liedes, das bis zur Ekstase gesungen und getrommelt wird: "Desceu num raio, é trovada! O deus Thor pede passagem para mostrar nessa viagem a Alemanha encantada." Er ging in einem Blitz nieder, er ist ein Gewitter. Der Gott Thor bittet um Durchlass, um auf dieser Reise das zauberhafte Deutschland zu zeigen. "Brasil e Alemanha unidos", singen sie im Rhythmus der Samba. "Brasilien und Deutschland vereint."

Zauberhaftes Deutschland, vereint mit Brasilien. Klingt nach Bruderschaft. Und Ehre. Alemanha als Attraktion des Karnevals von Rio! Deutsche gelten ja sonst eher als hüftsteif, und ihr Fasching ist durchschnittlichen Brasilianern so fremd wie ein Skianorak. Alaaf, helau, jetzt schmeckt das Bier auch meiner Frau! Zwei gegensätzliche Länder sollten sich einander öffnen mit diesem Spektakel. Aber dann besucht man Bruno Tenório, und er sagt: "Die deutschen Unternehmen verstehen uns nicht. Die sind so unflexibel."