Kalifornien-Kolumne Wir wollen doch nur spielen

Unruhe in der Natur: Drohnen suchen unsere Autorin überall heim.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus / SZ.de)

In San Francisco ist man nicht mal in der eigenen Wohnung vor neugierigen Drohnen-Piloten sicher. Auch die Feuerwehr findet die unverschämten Flugobjekte nicht mehr lustig.

Von Beate Wild, San Francisco

Nicht einmal in den abgelegensten Landstrichen dieser Erde hat man seine Ruhe. Neulich wollten mein Mann und ich raus aus San Francisco, rein in die Natur. Durchatmen, abschalten. Weit weg von bahnbrechenden Startups, lebenswichtigen Apps und dem neuesten hippen "Uber für Sonstnochwas". Einfach wandern, einen Tag lang "digital Detox". Dachten wir.

Wir fuhren nach Point Reyes, etwa eineinhalb Stunden nördlich von San Francisco, ein großartiges Naturschutzgebiet an der pazifischen Küste. Das Panorama ist paradiesverdächtig, es duftet nach Blumen, Hirsche und Wale bereichern die Szenerie. Nach drei Stunden Marsch setzten wir uns am äußersten Punkt der Landzunge ins Gras, genossen den Ausblick, packten unsere Brotzeit aus und entspannten. Bis wir ein Summen hörten. Eine Heuschrecke? Eine Hornisse? Nein, bei der Lautstärke müsste es schon ein ganzer Hornissenschwarm sein. Das Summen wurde immer lauter. Es war direkt über uns

Liebling der Nerds

Etwa 20 Meter über unseren Köpfen schwebte: eine Drohne. Keine kleine, das Ding hatte vier Rotoren und trug eine Kamera, die auf uns gerichtet war. Ich sprang auf. Die Drohne umkreiste uns ein paar Mal aufdringlich aber leider außer Reichweite, dann surrte sie Richtung Klippe. Ein gutes Stück weiter hinten sahen wir vier Nerds in T-Shirts ihrer Silicon-Valley-Arbeitgeber. Einer hielt die Fernsteuerung in der Hand, die anderen amüsierten sich köstlich.

Egal wohin man dieser Tage in Kalifornien geht, trifft man auf Drohnen. Sie sind das Lieblingsspielzeug der bleichen Jungs aus der Tech-Bubble. Gefilmt wird alles, was dem Fluggerät vor die Linse schwebt - ohne Rücksicht auf Verluste, höchstens den der Drohne. Privatsphäre ist Privatsache, wer nicht gefilmt werden will, muss eben drinnen bleiben.

Obwohl: Selbst in der eigenen Wohnung ist man nicht davor gefeit, Protagonist eines Hobby-Filmchens zu werden. Ich saß an meinem Schreibtisch am Fenster, das zur Haight Street hinausgeht. Konzentriert tippte ich einen Text, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Ein Vogel? Nein, eine kleine schwarze Drohne. Dieses Mal ein etwas kleineres Modell, das nicht gar so viel Lärm machte. Die Kamera filmte eine Zeitlang mein wütendes Gesicht und machte dann noch Aufnahmen von unserer Wohnung, bevor die Drohne abdrehte und zum Nachbarhaus weiterflog.

Duschen wie ein Soldat

Unsere Autorin lebt in San Francisco und muss dort mit Dingen klarkommen, die sie aus München nicht kennt. Etwa mit einer Dürre, die noch trockener ist als der diesjährige deutsche Sommer. Von Beate Wild mehr ... Kolumne

Der Besitzer des unverschämten Flugobjekts war nirgends zu sehen. Ich überlegte, ob ich das Technik-Miststück mit harten Brotkrumen vom Himmel holen könnte. Doch es war schon zu weit weg.

Bei Straßenfesten, Siegesfeiern oder Hochzeiten lassen die Kalifornier ebenfalls gerne Drohnen steigen, alles muss aus der Vogelperspektive fotografiert oder gefilmt werden - stets nach dem Motto: Was Martin Scorsese kann, kann ich schon lange. Jeder Polizist muss sich mit Drohnen herumschlagen, sie gehören längst zu seinem Arbeitsalltag. Nachdem die San Francisco Giants im vergangenen Jahr die Baseball World Series gewonnen hatten und Fans auf den Straßen im Siegesrausch Mülltonnen, Möbel und Feuerwerkskörper anzündeten, machte ein Funkdialog des San Francisco Police Departments im Netz die Runde:

Police Officer A: "Folks here flying drones!"

Police Officer B: "What? They're playing drums?"

Police Officer A: "No, flying drones!"

Die Feuerwehr hat auch schon ihre Erfahrungen mit Drohnen gemacht. Bei den schlimmen Waldbränden in diesem Jahr konnten sich Lösch-Helikopter dem Feuer oft nicht nähern, um ihre Wasserbehälter zu entleeren. Da war nämlich schon eine Drohne in der Luft, die das Spektakel filmte. Die Feuerwehr startete Aufrufe in den Medien, man solle doch bitte bei Bränden seine Drohnen am Boden lassen, um den Hubschraubern nicht in die Quere zu kommen: Man würde gerne löschen. Trotzdem haben uneinsichtige Hobby-Drohnenpiloten nun in ihrem Archiv Aufnahmen von lebensbedrohlichen Feuerwalzen, die vielleicht früher zu stoppen gewesen wären.

Vom Himmel geholt

Sie sind längst im Alltag angekommen: Drohnen. Die Spielzeuge und nützlichen Helfer können aber schnell zur Gefahr werden - zum Beispiel in der Nähe von Flughäfen. Experten entwickeln deshalb Abwehrsysteme. mehr... Video

In San Francisco ist man von Drohnen derart begeistert, dass bei der vergangenen Fashion Week Mini-Helikopter sogar Kleidungsstücke auf dem Laufsteg vorführten: Sie kreisten über dem Catwalk. Wozu braucht man da noch echte Models? Die sind im schlimmsten Fall abgehoben, ohne den Boden zu verlassen.

Manchmal wird es einem Bürger doch zu blöd mit den Hightech-Brummern. Brett McBay aus dem kalifornischen Modesto zum Beispiel. Er griff zu seiner Waffe und holte das nervige Ding vom Himmel. Nach dem Abschuss wollte er seinem verärgerten Nachbarn, dem das Ding gehörte, auf keinen Fall Schadenersatz zahlen. Auf die Frage, warum er auf die Drohne gefeuert habe, sagte er: "Ich dachte, es sei ein Überwachungsgerät der CIA." Das glaubte ihm wohl niemand, verstanden aber wurde er.

Kalifornien-Kolumne Neues aus San Francisco
Illustration: Jessy Asmus/ Sz.de

In "USA, Land der Fettnäpfchen" hat Autorin Beate Wild über Stolpersteine beim Ankommen in den Vereinigten Staaten berichtet. In der Kolumne "Neues aus San Francisco" schreibt sie über das Leben in Kalifornien, das für Zugereiste mitunter gewöhnungsbedürftig ist:

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