Kalifornien-Kolumne Nichts rollt mehr

Wenn die Straßen voll sind, hilft der Verzicht auf das eigene Auto auch nicht weiter.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus / SZ.de)

In San Francisco liebt man das Autofahren - und steht im Stau. Andere quetschen sich in Bus und Bahn. Oder riskieren auf dem Rad ihre Gesundheit. Da kommen manche auf den Hund.

Von Beate Wild, San Francisco

Die Vereinigten Staaten sind ja eine stolze Autofahrernation, noch stolzer als die deutsche. Selbst zum drei Blocks entfernten Fitnessstudio steigt der Sportler in den Wagen. Auch in San Francisco würde gerne jeder fahren. Leider stehen alle. Autofahren ist hier gleichzusetzen mit mehreren Folgen der Kim-Kardashian-Reality-Soap: Es geht nur äußerst zäh voran, ist unglaublich nervtötend bis aggressionsfördernd, und man fragt sich ohne Unterlass, warum man sich das eigentlich antut.

Wer die Golden Gate Bridge oder die Oakland-Brücke überqueren muss, kann sich auf ungemütliche Stunden in seinem Wagen einstellen. Kommt man irgendwann ans Ziel, dauert es noch eine Stunde, bis ein freier Parkplatz gefunden ist.

Den täglichen Stau, vor allem morgens hinaus ins Silicon Valley und abends wieder zurück, wünscht man nicht mal seinem schlimmsten Feind. Kein Wunder, dass die Techies auf dem Weg zu Google, Apple, Facebook oder wie die Firmen dort alle heißen, lieber im Bus sitzen und via Wifi schon mal einen Haufen Arbeit abtragen.

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Wer auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigt, hat sich aber nur für eine andere Form der Zwangsverlangsamung seines Lebens entschieden. Die innerstädtische Trambahn sowie die Busse kommen selten pünktlich, sind aber zuverlässig überfüllt. Wer in die Außenbezirke oder hinüber nach Berkeley mit der BART, einer Art S-Bahn, fahren muss, hat mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Er muss nur zusätzlich darauf achten, sich auf den stark verschmutzten Sitzbezügen nicht die Kleidung zu ruinieren. Zudem sollte er bei einer BART-Fahrt seine Ohren mit Kopfhörern oder Ohropax schützen: Die schlecht gewarteten Gleise machen einen Höllenlärm.

Lieber leuchtend bunt als tot

Also habe ich mir ein Fahrrad gekauft. Ein bisschen Bewegung kann ja nicht schaden, dachte ich mir. Ich hatte unterschätzt, wie hügelig die Stadt ist. Bereits nach einer halben Stunde steil bergauf, rasant bergab, noch steiler wieder bergauf, brennen die Oberschenkel und die Zunge hängt unschön heraus. Selbst der "wiggle" nützt nichts, ein grün gekennzeichneter Fahrradstreifen - er weist Radlern einen Weg, der um die schlimmsten Steigungen herumführt. Ich komme mir dennoch vor wie ein Mountain-Biker, der seinen Namen verdient hat.

Das trübt die Freude, am Stau vorbeizuradeln, doch etwas. Was mir aber wirklich Sorgen macht, sind die häufigen Unfälle mit Autofahrern und Bussen, in die Radfahrer verwickelt sind. In San Francisco wagen sich Radler nur mit Helm und in leuchtenden Farben auf die Straße.

Erst geschmäht, dann geliebt

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Doch selbst wenn ich - fernab Unheil bringender Kreuzungen - durch den Golden Gate Park zum Strand hinunter radle, kann ich die Fahrt nicht genießen. Dauernd werde ich angehupt oder so überholt, dass nur noch eine Fliege zwischen meinem Ellenbogen und dem Seitenspiegel Platz hätte: Autofahren im Park ist erlaubt. Das lässt sich der San Franciscaner nicht zweimal sagen, schließlich muss auf dem Pickup die umfangreiche Grillausrüstung transportiert werden.

Lauf, Husky!

Mittlerweile bin ich der Meinung, dass das Skateboard das beste Fortbewegungsmittel in San Francisco ist. So viele Skater, die ihr Board im Straßenverkehr nutzen, habe ich noch in keiner anderen Großstadt gesehen: nicht nur Teens und Twens, sondern auch Grauhaarige. Und die steilen Hügel? Wofür gibt es Busse als Liftersatz - falls kein Stau ist.

Kein Wunder, dass in jüngster Zeit motorbetriebene Skateboards der letzte Schrei sind. Mit den Dingern überholt man locker auch bergauf keuchende Radler. Oder man legt sich wie mein Nachbar einen Husky zu. Der Hund sprintet vorweg, mein Nachbar steht lässig auf dem Skateboard und lässt sich ziehen. Ich möchte wetten, damit kommt er in San Francisco schneller ans Ziel als mit Pkw, Bahn oder Fahrrad. Und die Autofahrer halten Abstand - so ein Gespann will selbst in San Francisco in Ruhe betrachtet werden.

Kalifornien-Kolumne Neues aus San Francisco
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In "USA, Land der Fettnäpfchen" hat Autorin Beate Wild über Stolpersteine beim Ankommen in den Vereinigten Staaten berichtet. In der Kolumne "Neues aus San Francisco" schreibt sie über das Leben in Kalifornien, das für Zugereiste mitunter gewöhnungsbedürftig ist:

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