Kalifornien-Kolumne Beleidigung auf zwei Beinen

Welche Verkleidung bringt in diesem Jahr das Süße vor dem Sauren?

(Foto: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de)

Die USA sind politisch korrekter als gedacht und erschweren die Kostümwahl vor Halloween. Wie man sich hier besser nicht blicken lässt.

Von Beate Wild

Bald ist Halloween. Amerikaner lieben Kostüme und Gruseln, feiern sowieso. Da darf man sich für Halloween ruhig ins Zeug leben: Schon Wochen vorher geht das Ringen um die beste Verkleidung los. Doch die Entscheidung ist in den USA schwerer als gedacht.

In diesem Jahr legte ein Kostümhersteller eine besonders umstrittene Kreation vor: ein weißes Satin-Korsett, kombiniert mit einer braunen Langhaarperücke - für Männer wohlgemerkt. Das Dessous hatte Caitlyn Jenner auf dem Titelbild der Vanity Fair an, bei ihrem Coming-out als Transgender-Frau.

Cover der Vanity Fair mit Caitlyn Jenner

(Foto: AFP)

Es dauerte nicht lange, da tauchten im Internet Bilder von stark behaarten, pummeligen Kerlen in diesem Aufzug auf, einer sogar mit einer "Call Me Caitlyn"-Schärpe. Der Aufschrei in den sozialen Medien gellte: "Absolut geschmacklos!", "Politisch überhaupt nicht korrekt!" "Sich über Transgender lustig machen, das geht gar nicht!" Ich war absolut der gleichen Meinung.

Bald darauf diskutierten meine Freundin Kimberly und ich unsere Kostümoptionen für dieses Jahr. "Game of Thrones und Breaking Bad sind ja sowas von 2014", sagte Kimberly.

"Ich habe von meinem Indien-Urlaub noch einen Sari aus Seide im Schrank, ich könnte doch als Bollywood-Schönheit gehen", schlug ich vor.

Schweigen.

"Sich als Inderin zu verkleiden, finde ich keine so gute Idee", war ihre schmallippige Antwort, dann wechselte sie das Thema und wirkte reserviert bis konsterniert.

In was für ein Fettnäpfchen ich getreten war, merkte ich erst, als ich am nächsten Tag auf einen Artikel der Cosmopolitan stieß. Dass Caitlyn Jenner-Kostüme tabu sind, war mir schon klar. Die Diskussion um Indianer-Kostüme, die amerikanische Ureinwohner demütigen, gibt es auch schon länger. Und selbstverständlich ist "Black-Facing", bei der sich ein Weißer sein Gesicht schwarz anmalt, um etwa als Kanye West oder Jay Z zu gehen, zu rassistisch, um als Halloween-Scherz durchzugehen.

Nun musste ich allerdings lesen, dass ab sofort auch Verkleidungen als Mexikaner mit Sombrero, Schnauzer und Gitarre, Geishas im japanischen Kimono und Ölscheichs mit Kopftuch auf der Rassismus-Liste stehen. Desweiteren sind in diesem Jahr gesellschaftliche Todesstöße: Kostüme als Cecil, der Löwe, sowie als Dr. Walter Palmer aka der Löwen-Killer-Zahnarzt - oder als Sexbombe Kim Kardashian mit einem Champagnerglas auf dem aufgepolsterten Hintern.

Weil aber das Adamskostüm in den USA auch keine Option ist, wird es eng. Zum Glück scheint zumindest ein Kostüm in diesem Jahr wirklich lustig, cool und politisch oberkorrekt zu sein - auch wenn all das das Vorbild selbst gerade nicht ist: Donald Trump.

Alles was man dafür braucht: einen dunkelblauen Blazer oder Anzug, ein weißes Hemd, eine rote Krawatte und eine blonde Trump-Perücke - wohlgeföhnt und schön gelegt. Dazu schmiere man sich eine große Portion Selbstbräuner ins Gesicht, setze ein höhnisches, selbstverliebtes Grinsen auf und grüße die anderen Gäste der Halloween-Party mit festem Handschlag und salbungsvoller Siegergeste. Dann muss man nur noch ab und zu die Daumen in die Luft strecken und rufen: "Make! America! Great! Again!"

Aber: Wenn alle als Trump kommen, ist das zwar gruselig, aber auch nicht mehr lustig.

Während ich überlege, mit welcher Verkleidung ich mich also sehen lassen kann, meldet sich Caitlyn Jenner zu Wort. Die Caitlyn-Kostüme finde sie überhaupt nicht beleidigend. "Um ehrlich zu sein, ich finde das großartig", sagte sie. "I'm in on the joke." Den Witz verstehe sie total. Nur: Die Kostüme reichten ja wirklich nicht an das hochwertige Korsett heran, das sie für die Vanity Fair trug. "Kauft euch wenigstens Qualität!" Das nenne ich eine Entscheidungshilfe.

Kalifornien-Kolumne Neues aus San Francisco
Illustration: Jessy Asmus/ Sz.de

In "USA, Land der Fettnäpfchen" hat Autorin Beate Wild über Stolpersteine beim Ankommen in den Vereinigten Staaten berichtet. In der Kolumne "Neues aus San Francisco" schreibt sie über das Leben in Kalifornien, das für Zugereiste mitunter gewöhnungsbedürftig ist:

10 Lieblingsplätze: Tipps für Touristen - Komm zur Besinnung: unweihnachtliche Stimmung in San Francisco - Unsere obdachlosen Nachbarn: im teuren San Francisco können sich nicht mal Helden immer eine Wohnung leisten - IT-Traumjob macht dick: Software-Entwickler im Silicon Valley erkennt man auf den ersten Blick - Schlag den Trump: Süße Rache der Latinos - Kaufen, kaufen, kaufen: die Wahrheit über Thanksgiving - Wo die Milliardäre hausen: Villen von Zuckerberg & Co - Amüsieren im Rudel: Seltsame Hobbys in San Francisco - Männer mit Zopf am Kopf: Flechten statt Dutt - Beleidigung auf zwei Beinen: Wie man sich an Halloween besser nicht kostümiert - Wer hat Angst vorm Weißen Hai: hungriges Tierleben in der Golden Bay - Restaurant der Zukunft: Speisen beim Automaten - Nichts rollt mehr: im Verkehrschaos von San Francisco - Warten auf Godzilla-Niño: Regen als Fluch und Segen - Wir wollen doch nur spielen: unverschämte Flugobjekte - Ein Hoodie für alle: die Kleiderfrage - Besuch im Lustschloss: das Hearst Castle - Jeder Tropfen zählt: in der Hitze Kaliforniens