Italien Venedig, die amphibische Stadt

Venedig, gesehen vom Kajak aus.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Die meisten Besucher rauschen mit Schnellbooten durch Venedigs Lagune. Wie schade. Denn dieses Gewässer erlebt man am besten im Kajak.

Von Monika Maier-Albang

Wer nicht gern im Mittelpunkt steht, sollte sich so nicht durch Venedig bewegen: mit knallroter Schwimmweste im knallgelben Boot, das zu lang ist, um damit stilvoll enge Kurven zu meistern. Der entgegenkommende Gondoliere blickt grimmig. Man drückt also sich und das Boot gegen eine Hauswand. Und hat sofort ein schlechtes Gewissen. Weil das Paddel an der Ziegelsteinwand kratzt und der so zauberhaft vor sich hin verfallenden Stadt womöglich gerade den Todesstoß versetzt.

Ist gut gegangen. Steht alles noch. Und eigentlich müssten die Tourismus-Verantwortlichen uns, der Attraktion des Tages, jetzt einen Aperol Spritz spendieren. Die Fotografen stehen auf jeder Brücke. Manche lächeln uns an, andere knipsen und sind in Gedanken schon beim nächsten Motiv. Dabei muss man durch diese Stadt nicht hetzen. Venedig kann auch beschaulich sein. Da sind die Krabben, die unter der Wasseroberfläche an einer Hauswand entlangwandern, da ist die Möwe mit gebrochenem Flügel, die sich in einen Seitenkanal zurückgezogen hat. Aus Gärten fällt frisches Grün über rostbraune Zäune. Und dann paddelt man hinaus in den Vorhof dieser amphibischen Stadt, in die Lagune, weg von den tiefen Wasserstraßen, weg von den wellenwerfenden Motorbooten. Und plötzlich ist es nur noch ruhig.

Impressionen in Bildern:

Mit dem Kajak durch Venedig

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Der Paddelschlag ist zu hören. Ansonsten nur das Gezeter der Vögel über die ungebetenen Gäste in den Kajaks, die den Barene näher kommen als andere Boote. Auf diesen Salzwiesen haben sich Pflanzen angesiedelt, die einen Schluck Salzwasser hin und wieder vertragen: Salden, Queller, Salzschwaden, Seegräser. Bei Flut ziehen sich kleine Kanäle durch die Barene - Gehbi nennen sie die Venezianer. Bei Ebbe verschwinden viele von ihnen. Dafür tauchen andernorts Velme auf, Sandinseln ohne Bewuchs. Der Tidenhub in der Lagune ist unterschiedlich hoch - von 30 Zentimeter bis knapp über einen Meter.

Der Paddler folgt dem Gezeitenstrom. Und tut das am besten mit jemandem, der sich auskennt. Sonst steckt er schnell im Schlick fest. Ab und an springen Fische aus dem Wasser, so nah, als wollten sie im Boot Rast machen. Im Frühjahr liegen die Brutgebiete der Vögel in den Barene. Austernfischer stochern mit ihren roten Schnäbeln im Schlamm. Reiher, mal in Silber mal in Purpur, nutzen die Ebbe, um am Meeresboden Krebse aus dem Seegras zu fischen. Möwen überall. Und auf den Metallkugeln, die wie eine Installation aus dem Wasser ragen, sitzen Kormorane und trocknen ihr Gefieder. Die Kugeln zeigen in der Lagune an, wo auf dem Meeresgrund Strom- oder Telefonkabel verlaufen.

Die 550 Quadratkilometer große Lagune, sie ist ja Natur aus zweiter Hand. Ein Ökosystem, das in seiner Mitte eine Stadt mit 260 000 Einwohnern und Tausenden Touristen täglich ebenso ertragen muss wie die riesigen Kreuzfahrtschiffe und die Tanker, die die petrochemischen Industrieanlagen bei Marghera ansteuern. Ein Kosmos, der ständig vom Menschen gehegt und gepflegt werden muss, damit er genutzt werden kann wie er seit Jahrhunderten genutzt wird: als Transportweg für Menschen und Güter. Und als Nahrungslieferant.

Wehe dem, der im 16. Jahrhundert wagte, Schwarzgrundeln während der Laichzeit zu fischen. Ihm drohte die Gerichtsbarkeit der Stadt zwei Jahre Galeere an, alternativ fünf Jahre Kerker, "falls er zum Galeerendienst nicht taugt", wie Piero Bevilacqua in seinem Buch "Venedig und das Wasser" schreibt. Außerdem musste der Fischräuber 25 Dukaten Strafe zahlen - die Hälfte bekam derjenige, der ihn angeschwärzt hatte.

SZ-Karte

Mit Naturschutz im heutigen Sinn hatte das wenig zu tun, es galt vielmehr, das Gemeinwohl zu schützen. Heute werden die Fische in trichterförmig aufgestellten Netzen gefangen, in die sie mit dem Gezeitenstrom treiben. Oder sie kommen aus den Valli. In den Teichen an den Rändern der Lagune werden nach althergebrachter Art Meeresfische gehalten, die als Jungtiere ins seichte Wasser gewandert sind.

Muscheln, Krebse, Enten, Blesshühner: Für alles gibt es hier Rezepte. Und die Einheimischen seien beim Essen traditionsbewusst, sagt Luca Bonetti, der auf Sant'Erasmo im einzigen Restaurant der Insel arbeitet, im Hotel Il Lato Azzuro. Die Artischocken, die auf der Bauerninsel wachsen, werden entweder nur in Öl eingelegt. Oder man kocht sie im Topf, mit Öl, Knoblauch, Salz und Pfeffer. Luca Bonetti ist aus Mailand zugezogen. Er hat es einmal mit gegrillten Artischocken probiert. "Eine Revolution!" Die nicht lange Bestand hatte.