FKK in Frankreich "Das ist eine autonome Nacktwelt"

Wie jeder Ismus brachte auch der Naturismus eigene Ideologien hervor. Die meisten FKK-Vereinigungen hatten einen protestantischen Hintergrund, Rohkost und Turnübungen spielten eine wichtige Rolle. Die Nationalsozialisten vereinnahmten später den Nacktbereich, integrierten die FKK-Vereine in den "Bund für Leibeszucht" und kombinierten die Ideale der FKK-Bewegung mit Rassismus. Ausgeschlossen vom Körperkult waren alle, die nicht dem "arisch-olympischen Geist" entsprachen.

Am Anfang sind solche Begegnungen bizarr, aber bald staunt man nicht mehr darüber, wie komisch der Mensch wirkt, wenn er unverhüllt ist.

(Foto: AFP)

Von der asketischen Tendenz der ursprünglichen FKK-Bewegung ist in Cap d'Agde nur noch wenig zu spüren. 1,5Millionen Touristen nächtigen dort pro Jahr, die meisten von ihnen im Juli und August. Das Naturisten-Viertel ist dann eine einzige Nacktparty. Die Leute treffen sich in Nacktdiscos, grillen nackt vor ihren Appartements, einige vergnügen sich bis morgens im Nacktclub "Glamour", wo es laut Houellebecq immer wieder zu krassen Swingerpartys kommen soll.

Von solchen Exzessen will Christian Bèze, Tourismusdirektor von Cap d'Agde, nichts wissen. Er kämpft tapfer gegen den Ruf seines Ortes als Ferienziel von Voyeuren und Swingern. Lieber weist er auf die 267Sonnentage im Jahr hin, die das Nacktbaden an der Küste des Languedoc tatsächlich angenehmer machen als an der Nordsee. 14 Kilometer Sandstrand gibt es bei Cap d'Agde, zwei Kilometer davon sind für die Nackten reserviert. Die zentrale Rolle des Naturismus für den Ort kann Bèze aber nicht leugnen.

Denn bevor die Nackten nach dem Zweiten Weltkrieg einen kleinen Campingplatz eröffneten, gab es dort nichts als Sumpf. Paul René Oltra gründete 1950 das Freikörper-Camp. Damals kamen jeden Sommer ein paar Naturisten aus Frankreich, Holland und Deutschland. Heute wird das Nacktresort von Jean-Michel Oltra geführt, einem Sohn des Gründers. Allein der Campingplatz hat 2500 Stellplätze, dazu kommen mehrere Hotels, Appartementhäuser und Bungalows.

"Das ist eine autonome Nacktwelt", sagt Bèze, "dort gibt es alles, was man zum Leben braucht." Wer will, kann die Nacktstadt monatelang nicht verlassen und spart auf diese Weise viel Geld für Klamotten. Auf dem Weg zum Strand gibt es eine Einkaufspassage, die aussieht wie jede andere Einkaufspassage - zwei Supermärkte, ein Metzger, Eisdielen, Cafés, Tabakläden. Bloß sind die Kunden, die durch die Passage flanieren, alle nackt. Was außerhalb des Naturistengeländes als Erregung öffentlichen Ärgernisses eingestuft würde, ist hier ausdrücklich erwünscht.

Am Strand ist Nacktsein Pflicht

Die Grenze zwischen der Welt der Nackten und der Welt der Angezogenen wird dementsprechend scharf kontrolliert. Die Nudisten-Stadt ist rundum von meterhohen Zäunen umgeben. Am Haupteingang gibt es Schranken und Pförtnerhäuschen. Dort liegt eine Broschüre aus, in der knapp 100 Regeln aufgelistet sind, die auf dem Gelände gelten.

In den Kaufhäusern, Restaurants und Cafés ist Nacktsein erlaubt. Am Strand ist Nacktsein Pflicht. Verboten ist das Fotografieren und Filmen im Dorf, Grillen am Strand und Sex in der Öffentlichkeit sind ebenfalls nicht gestattet. Hat Houellebecq alles nur erfunden?