"Costa Concordia" vor Giglio Eine Katastrophe und ihre Touristen

Welch makabres Spektakel: Schaulustige pilgern zum Wrack der "Costa Concordia", als sei es das gigantische Set eines Katastrophenfilms. Die italienische Insel Giglio empfängt die Besucher mit gemischten Gefühlen.

Eine Reportage von Julius Müller-Meiningen

Der Preis für die Neugier ist heute hoch. Auf der einstündigen Überfahrt von Porto Santo Stefano auf die Isola del Giglio weht starker Wind, die hohen Wellen spielen einigen Passagieren übel mit. Als im Dunst die Costa Concordia auftaucht, hängen Reisende schlaff über der Reling oder klammern sich an die Plastiktüten, die ihnen ein Matrose gegeben hat.

Nur wer die Überfahrt einigermaßen unbeschadet überstanden hat, zückt jetzt das Foto-Handy, um dieses weltbekannte Wrack festzuhalten.

Ein paar Minuten später, nach der Landung, ergießt sich die Menge auf die Uferpromenade des Hafendorfs Giglio Porto. Einige müssen erst einmal Luft holen oder nehmen einen Grappa gegenüber in der Bar Da Fausto. Dann spazieren die Wochenend-Ausflügler auf der Uferpromenade nach Norden, hin zum Wrack. Es sind Italiener aus der Gegend, deutsche Toskana-Urlauber. Auch eine Gruppe junger Rucksacktouristen aus Finnland wird Teil des makabren Spektakels.

Sie alle gehen vorbei an geöffneten Bars, Restaurants, Postkartenständern und einem Souvenirshop. Es ist Mitte März, kühles Frühlingswetter, um diese Jahreszeit verirren sich sonst kaum Fremde nach Giglio - aber in diesem Jahr ist das anders.

Zweieinhalb Monate ist der Unfall nun her, und noch immer kommen die Schaulustigen. Die Costa Concordia ist ein Magnet, allerdings einer, der die Anziehungskraft von Giglio verändert hat: Niemand ist zurzeit auf der Suche nach Ruhe und Natur, für die Giglio früher bekannt war. Alle wollen Wrack schauen.

Die Neugierigen streben dem Ende des Kais zu und halten dann auf dem Felsen hinter dem Hotel Demo's inne. Hier hat das italienische Staatsfernsehen ein provisorisches Studio unter freiem Himmel eingerichtet. Hier liegt die umgekippte Costa Concordia nur einen Steinwurf weit entfernt, als sei sie das gigantische Set eines Katastrophenfilms. "Wir wollten das Schiff unbedingt aus der Nähe sehen", sagt die Mutter einer fünfköpfigen Familie aus Arezzo, "aber im Fernsehen war es genauso eindrucksvoll."

Der Anblick des riesigen Wracks ist unwirklich und vertraut zugleich, alle kennen die Fernsehbilder, die um die Welt gingen. Dies und die Tatsache, dass die Schaulustigen nur ein paar Stunden auf der Insel verbringen, mag der Grund dafür sein, dass es vielen an Respekt fehlt. Fotoapparate klicken, ein Liebespaar posiert eng umschlungen vor dem gestrandeten Kreuzfahrtschiff, in dem 32 Menschen ums Leben gekommen sind. Zwei Passagiere werden nach wie vor vermisst, ihre Körper befinden sich noch im Schiff.

Auf Giglio ist das Leben mit den Folgen der Katastrophe unterdessen zum Alltag geworden. Mühevoll schraubt sich ein blauer Linienbus die steilen Kurven der Straße nach oben in Richtung Giglio Castello, einem verwinkelten mittelalterlichen Dorf mit imposanter Burganlage. Je weiter man sich von Giglio Porto wegbewegt, umso weniger Sensations-Touristen trifft man.

Die meisten kommen nicht über den Hafen hinaus. In jeder Spitzkurve blicken die wenigen Fahrgäste hinunter auf das immer kleiner werdende Schiffswrack. Aus der Vogelperspektive sieht es aus, als sei die Costa Concordia mit den Felsen, auf denen sie liegt, verwachsen. "Das Wrack gehört inzwischen zur Landschaft", sagt Busfahrer Michele, der in der Nacht des 13. Januar Hunderte durchnässte und frierende Schiffbrüchige auf der Suche nach einem warmen Bett über die Insel gefahren hat. "Ich schaue schon gar nicht mehr hin."

Der Bus tuckert weiter nach oben. Seit mehr als zwei Monaten klebt die Costa Concordia jetzt schon an den Felsen vor dem Hafen. Im Mai, wenn feststeht, welche Firma damit beauftragt wird, sollen die Bergungsarbeiten beginnen. Ein ganzes Jahr kann es dann noch dauern, bis das gigantische Schiff weg ist.

Nicht alle Einheimischen haben sich an die Präsenz dieses ebenso stillen wie aufdringlichen Gastes gewöhnt.