Cartagena in Kolumbien Im Viertel des Fantasten Gabriel García Márquez

Den Lesern des Literatur-Nobelpreisträgers ist Cartagena vertraut. Wie aber sieht es in der kolumbianischen Hafenstadt heute tatsächlich aus? Ein Besuch.

Von Tom Noga

Wo Jaime Abello arbeitet, ist die Altstadt von Cartagena de Indias am schönsten. Er residiert in einem kolonialen Patrizierhaus gegenüber der Iglesia San Pedro Claver, einem trutzigen Backsteinbau mit den für Kirchen in Südamerika typischen zwei Glockentürmen. Das Haus ist senfgelb, mit kunstvoll gedrechselten Holzbalkonen, von denen sich üppiges Grün herunterrankt. Im schattigen Patio blühen Azaleen und Bougainvillea in allen möglichen Rottönen. Über eine breite Marmortreppe geht es hinauf in den ersten und zweiten Stock. Von dort führt eine enge Stiege ins dritte Geschoss, in ein Büro, das winzig ist und alles andere als repräsentativ.

Jaime Abello rückt die Goldrandbrille zurecht und bahnt sich den Weg zum Ventilator, zwischen Stapeln von Büchern, Magazinen und Zeitungen. Es ist kurz nach acht Uhr morgens und schon 25, 26 Grad heiß. "Willkommen am Sitz der Fundación Nuevo Periodismo", sagt Jaime Abello. "Exakt in diesen Räumlichkeiten befand sich das Büro von El Universal, eine Tageszeitung, bei der ein junger Jurastudent, der eigentlich Schriftsteller werden wollte und gerade erst in die Stadt gekommen war, seine ersten Schritte als Journalist machte. Das war im Jahr 1948."

Lang ist das her und doch gegenwärtig. Denn diesem damals jungen Mann begegnet man in Cartagena auf Schritt und Tritt. Er hängt hinter Jaimes Schreibtisch an der Wand: lockiges, schwarzes Haar, Schnäuzer, Warze an der linken Wange und eine Zigarette im Mundwinkel - der Nadelstreifenanzug, den er auf diesem Bild trägt, dürfte dem Klima auch schon damals nicht angemessen gewesen sein. Sein Name: Gabriel García Márquez, Nobelpreisträger und der bekannteste Schriftsteller spanischer Sprache. Cartagena war eine wichtige Stadt für ihn. Hier lebt bis heute der Großteil seiner Familie, hier hatte er seinen Wohnsitz in Kolumbien. Hier hat er studiert, hier hat er angefangen zu schreiben. Und hier spielen zwei seiner großen Romane: "Die Liebe in Zeiten der Cholera" und "Von der Liebe und anderen Dämonen".

Die Plaza de la Paz, der schöne Friedensplatz. Er ist gesäumt von prachtvollen Kolonialhäusern. Ein rapsgelbes schmiegt sich an ein altrosafarbenes, dieses wiederum an ein burgunderrotes. Die Balkone sind mal flaschengrün, mal kobaltblau, mal schokoladenbraun. Als hätte es jemand drauf angelegt, den Platz mit möglichst vielen Farben aus dem Malkasten zu kolorieren. In den Laubengängen vor den Häusern haben fliegende Händler ihre Tische aufgebaut. Sie verkaufen Strohhüte und Guayaberas, weiße oder pastellfarbene Leinenhemden, wie sie der karibische Mann gerne trägt.

Als Gabriel García Márquez nach Cartagena kam, war dies noch das Revier der Escribanos, der Schreiberlinge. Sie leisteten Schriftunkundigen Hilfe bei Behördeneingaben und beim Verfassen von Liebesbriefen. Wie Florentino Ariza in "Die Liebe in Zeiten der Cholera", der ein Leben lang auf seine Jugendliebe wartet und sie schließlich im hohen Alter gewinnt. Für die Romanfigur hat sich Gabriel García Márquez vom eigenen Vater inspirieren lassen: Auch Eligio García hatte seinen Lebensunterhalt in jungen Jahren als Escribano verdient.

Das modernistische Haus der Familie Márquez wirkt wie ein Fremdkörper

Damals war Cartagena eine Stadt im Niedergang. Von der Pracht der Kolonialzeit, als hier die Reichtümer des Kontinents verschifft wurden, das Gold und das Silber aus den Minen in Kolumbien und Peru, war wenig geblieben. Die herrschaftlichen Häuser verfallen, die gesamte Altstadt ein Rotlichtbezirk. "Der Niedergang hatte etwas Gutes", sagt Jaime Abello. "Durch die wirtschaftliche Stagnation hat es lange keinerlei Stadtentwicklung gegeben. Deshalb sind die alten Stadtmauern und die alten Häuser nicht abgerissen worden." Nach 1960 wurden sie mit öffentlichen und privaten Investitionen restauriert, seit 1984 ist die Altstadt Weltkulturerbe.

Jaime Abello lädt einen Audioguide auf sein Handy - für einen Rundgang auf den Spuren von Márquez und dessen Romanfiguren. Die Tour umfasst 35 Stationen. Angefangen mit dem Haus der Familie, das sich im Schlagschatten der Stadtmauer duckt. Es ist hummerrot und modernistisch und wirkt hier wie ein Fremdkörper. Der Rundgang endet am Palacio des Marqués de Casalduero. Das herrschaftliche Haus ist papayafarben, mit bis auf den Boden reichenden Fenstern aus Eichenholz und einem mächtigen Holzportal, der schmiedeeiserne Türklopfer in Form einen Löwenkopfes.

Natürlich hat der Graf nicht wirklich hier gelebt, er ist eine Figur aus dem Roman "Von der Liebe und anderen Dämonen". Aber aus den Angaben im Buch lässt sich rekonstruieren, in welchem Haus Márquez ihn angesiedelt hat. "Das ist das Schöne an seinem Werk", findet Jaime Abello. "Er hat seine Figuren in einer realen Welt verortet, diese Welt ins Surreale übersteigert und so eine neue Wirklichkeit geschaffen."

Abends in der Altstadt von Cartagena. Aus den Bars ertönt Musik: Salsa, der Sound der Karibik. Die Sonne ist längst untergegangen - als feuerroter Ball überm Meer. Am besten lässt sich das Spektakel vom Café del Mar auf der Stadtmauer genießen. Bei klarem Himmel sind weit draußen auf dem Meer winzige leuchtende Punkte zu erkennen. Das sind die Islas del Rosario, die 28 Rosenkranzinseln. Mit blütenweißen Stränden und türkisfarbenem Wasser ist der Archipel bei Cartageños beliebt für Wochenendausflüge.

Die Plaza Bolívar. Unter Platanen und Eichen eine bronzene Reiterstatue: Simón Bolívar, der Held der kolumbianischen Unabhängigkeit und eine tragische Figur, wie Gabriel García Márquez in seinem Roman "Der General in seinem Labyrinth" eindrucksvoll schildert. Bolívar hatte ein geeintes Südamerika angestrebt, scheiterte aber als Präsident des von ihm gegründeten Großkolumbiens, das neben dem heutigen Staatsgebiet Ecuador, Panama, Venezuela und Teile Perus umfasste.

Vor der Reiterstatue führen Afrokolumbianer in papageienbunten Kostümen akrobatische Tänze auf. Sie hüpfen, springen, wirbeln durch die Luft, mal einzeln, mal paarweise, mal in der ganzen Gruppe. Musiker und Tänzer kommen aus den Comunas, den Armenvierteln, erläutert Jaime Abello. Abends ziehen sie gruppenweise durch die Altstadt, von Platz zu Platz. Nach den Auftritten wird ein Hut herumgereicht. Für viele ist das die einzige Einnahmequelle. Ihre Musik nennt sich Currulao und ist einer von zahlreichen Folklore-Stilen der kolumbianischen Karibikküste.

Kolumbien, endlich wieder mit Zukunft

Viele Regionen galten lange als nicht bereisbar. Nun herrscht Frieden und Aufbruchsstimmung. Gründe für einen Besuch gibt es genügend. Von Thomas Heinloth mehr ...

Das wahre afrokolumbianische Herz Cartagenas aber schlägt im Stadtviertel Getsemaní. Es ist nur durch den Parque del Centenario von der Altstadt getrennt - und doch eine komplett andere Welt. Autos schieben sich vorbei an kleinen Häusern mit rissigen Fassaden. Kinder tollen auf der Straße, Frauen putzen in den Hauseingängen Gemüse, alte Männer spielen auf den Gehsteigen Domino, auf Tischen, die so klapprig sind, dass man Angst hat, sie würden bei der leichtesten Berührung in sich zusammenfallen.

An der Kreuzung der Calles del Guerrero und Media Luna eine Eckkneipe, das Café Havana. Davor eine Menschentraube: Junge und Alte, Schwarze und Weiße, Einheimische und Touristen. Das Café Havana ist der Salsa-Club in Cartagena. Und es ist eine Institution. Es existierte schon, als Márquez 1948 in die Stadt kam, allerdings unter anderem Namen. Seit acht Jahren gehört das Café Juan Jorge Álvarez, einem knorrigen Kubaner, den die Liebe nach Cartagena verschlagen hat.

"Anfangs haben sich kaum Besucher hierher getraut", erzählt Juan Jorge, "zu viele, wie soll ich sagen ... andere Bars, mit Frauen, die im horizontalen Gewerbe gearbeitet haben. Und an jeder Ecke gab es Drogen." Heute geht es hier gesittet zu. Und die Gäste sind mitunter illuster. Hillary Clinton war mal da, ebenso die Popstars Shakira und Juanes. Und Márquez, zwölf Monate vor seinem Tod im Jahr 2014.

Jeden Abend um 21 Uhr spielt hier eine Band. Und vom ersten Ton sind alle auf den Beinen. Sie tanzen, Wange an Wange, leichtfüßig, schwebend, wo immer ein bisschen Platz ist. An der Wand hinter der Bühne ein Foto von Gabriel García Márquez. Wahrlich allgegenwärtig.

Reiseinformationen zu Kolumbien

Anreise: KLM fliegt ab München über Amsterdam und Bogotá nach Cartagena, Air France über Paris und Bogotá. Jeweils ab 739 Euro, www.klm.de Übernachtung: Die Casa del Arzobispado, ein Boutique-Hotel in der ehemaligen erzbischöflichen Residenz, hat einen Patio mit Pool, DZ ab 150 Euro, www.hotelcasadelarzobispado.com. Ebenfalls ein altes Kolonialgebäude: das Ananda Hotel, DZ ab 213 Euro, www.anandahotelboutique.com.

Ausflüge: Zu den Islas del Rosario fahren morgens Schnellboote von der Muelle de La Bodeguita ab und am Nachmittag zurück, Dauer der Fahrt je nach Insel: zwischen 45 und 60 Minuten. Die Überfahrt kostet 15 Euro. Touren mit Transfer vom/zum Hotel und Mittagessen auf einer der Inseln ab 78 Euro.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Besuch in der Unterwelt

Gewalt, Bestechung und tausende Morde: Bevor Drogenboss Pablo Escobar 1993 starb, galt Medellín als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Die Bürger wollen nach vorne schauen, doch die Vergangenheit lässt sie nicht los. Von Astrid Viciano mehr...