Bretagne: Algenpest Mörderischer Meeressalat

Das Grün macht sich ganz hübsch an der Küste der Bretagne und auch der Name der Übeltäterin lässt zunächts nichts Böses ahnen. Doch die Fäulnisgase, die Tausende Tonnen verrottender Algen der Sorte "Ulva Armoricana" erzeugen, bedrohen Badegäste und Wildschweine.

Von Stefan Ulrich

Aus einiger Entfernung betrachtet lässt sich dem Phänomen sogar ein ästhetischer Reiz abgewinnen: Manche Strände der Bretagne sind in diesen Wochen knallgrün eingehüllt, als habe sie der Künstler Christo verpackt. Tatsächlich ist für das Farbspiel Ulva armoricana verantwortlich. Die Alge, auch "Meeressalat" genannt, wird im Sommer tonnenweise an die bretonischen Küsten geschwemmt. Dort verfaulen die Pflanzen in der Sonne. Zahlreiche Gase entweichen, darunter nach faulen Eiern stinkender, giftiger Schwefelwasserstoff.

In diesem Jahr ist die grüne Flut besonders schlimm. Wegen des warmen Frühlings traten die Algenmassen früher als in anderen Jahren auf. Die Behörden ließen bereits Zehntausende Kubikmeter abfahren. Im Norden der Bretagne wurde ein Strand gesperrt, in anderen Buchten warnen Schilder die Badegäste vor dem fauligen Brei. Nun kommt noch die Geschichte mit den toten Wildschweinen hinzu.

Seit Juli sind 36 Kadaver am Ufer der Bucht von Saint-Brieuc gefunden worden. Umweltschützer klagen: Der Mörder heiße Ulva armoricana.

Die Behörden sind zurückhaltender. "Der Schwefelwasserstoff kann zum Tode in einem Maße beigetragen haben, das ich nicht benennen kann", hieß es in der Präfektur des Départements Côtes d'Armor diese Woche. Zugleich teilte ein Sprecher mit, bei einer Untersuchung von sechs toten Wildschweinen sei in den Lungen von fünf Tieren Schwefelwasserstoff gefunden worden. Die Umweltorganisation "Eau et rivières" fordert nun, alle Strände sofort zu sperren, an denen die Algen nicht täglich entfernt werden.

Strandverbote im August? In der Bretagne? Für den Tourismus wäre das verheerend. Lebt doch die grüne Region vom Image, reines Atlantikwasser und saubere Strände zu bieten. Da kommt die Schweinerei mit den Algen besonders ungelegen. Nun trieb sich Ulva armoricana schon immer vor den Küsten herum. Seit einigen Jahrzehnten aber vermehrt sie sich explosionsartig.

Organisationen wie "Eau et rivières" klagten schon Anfang der neunziger Jahre, die intensive Landwirtschaft - insbesondere die Jauche aus der Schweinehaltung - überdünge die Böden und lasse Unmengen von Nitraten ins Meer fließen und die Algen sprießen. Die Bauern gifteten zurück, die Ökologen wollten ihre Betriebe ruinieren.

Im Jahr 2009 spitzte sich der Streit zu. Ein Mann fiel beim Ritt über einen Algenstrand bewusstlos vom Pferd, sein Tier verendete an den Gasen. Premier François Fillon verkündete daraufhin einen Aktionsplan, der vorsieht, die Grünalgen rasch einzusammeln und den Düngereinsatz zu verringern. Der Erfolg lässt offensichtlich auf sich warten.

Die bretonischen Bauern sind ein starker Stand. Sie produzieren mehr als die Hälfte der Schweine in Frankreich. Die Milch ihrer Kühe, ihre Artischocken und Erdbeeren sind begehrt. Politiker wollen es sich nicht mit ihnen verderben. So sagte Präsident Nicolas Sarkozy im Juli bei einem Besuch in der Bretagne: "Es wäre absurd, in der Affäre um die Grünalgen mit dem Finger auf die Landwirte zu zeigen, die enorme Fortschritte in dieser Hinsicht machen." Leider gebe es immer "Fundamentalisten, die protestieren". Er meinte Umweltschützer.

In der Regierung wird jedoch eingeräumt, es werde Jahre dauern, bis das Algenproblem gelöst sei. Den Urlaubern bleibt ein Trost: Die meisten bretonischen Buchten wurden noch nicht von Algen erobert. Dort leuchtet der Strand so hell und das Meer so blau, als habe sie ein Künstler verpackt.