Zweiter Weltkrieg Kontraproduktiver Bombenkrieg

Amerikanische Bomber vom Typ Boeing B-17 "Flying Fortress" bei einem Angriff über Deutschland im Jahre 1943.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Der Historiker Richard Overy schildert den strategischen Bombenkrieg der 1940er-Jahre, der etwa 600 000 Menschen das Leben kostete. Die Zerstörung deutscher Städte war demnach militärisch ineffizient - ein Widerspruch zu einem alliierten Mythos.

Rezension von Stig Förster

Im Jahr 1912 entwickelte der bulgarische Hauptmann Simeon Petrow ein Gerät, um die erst seit wenigen Jahren in Betrieb befindlichen Motorflugzeuge als Angriffswaffe nutzbar zu machen: die Fliegerbombe. Diese Erfindung sollte Folgen haben.

Richard Overy leitet mit dieser relativ wenig bekannten Episode seine Betrachtungen zum Bombenkrieg in Europa ein. Etwas vollmundig kündigt er an, die erste vollständige Analyse zu diesem Thema verfasst zu haben. In jedem Fall ist sein Buch nicht bloß lesenswert, es hat das Zeug zum Standardwerk.

Die Idee des totalen Luftkrieges stammt aus Italien

Die deutsche Übersetzung ist Hainer Kober hervorragend gelungen. Die Leserschaft sollte aber im Auge behalten, dass der Text zunächst für ein britisches Publikum verfasst wurde. Overy schreibt nämlich vor allem gegen britische Mythen im Hinblick auf den Bombenkrieg an.

Er wendet sich gegen die Behauptung, die strategischen Bombardements gegen die deutsche Zivilbevölkerung hätten entscheidend zum Sieg der Alliierten beigetragen. Besonders harsch kritisiert er General Arthur Harris, den Oberkommandierenden der britischen Bomberflotte. Damit stellt Overy sich auf die Seite derjenigen, die Harris vor allem die sinnlose Vernichtung Dresdens im Februar 1945 vorhalten.

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Aber Overy geht es nicht um moralische Verurteilungen. Vielmehr rechnet er kühl vor, dass die systematischen Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung feindlicher Länder, mit insgesamt etwa 600 000 Toten, nicht nur ineffektiv, sondern geradezu kontraproduktiv waren. Da wurden enorme Ressourcen vergeudet, die anderswo sinnvoller zum Einsatz hätten gebracht werden können.

Das ist eine starke These, die den Bewunderern Harris' die letzten Argumente rauben soll. Doch ist diese These auch richtig?

Overy verfolgt Entstehung und Entwicklung des Konzepts vom strategischen Bombenkrieg bis in den Ersten Weltkrieg zurück. Die vorhandenen Waffen waren damals allerdings zu schwach. In den 1920er-Jahren war es der italienische General Giulio Douhet, der eine Theorie des hemmungslosen Bombardements entwickelte und damit die Totalisierung des Krieges predigte.

Richard Overy: "Der Bombenkrieg" Eine Leseprobe stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Systematische Luftangriffe auf das Hinterland des Feindes sollten Angst, Zerstörung und Tod bringen. Davon versprach Douhet sich den moralischen Zusammenbruch der Bevölkerung, was eine schnelle Beendigung des Krieges ermöglichen würde. Doch die italienische Luftwaffe war zu keiner Zeit in der Lage, ein derartiges Konzept umzusetzen, jedenfalls nicht gegen gleichwertige Gegner.

Auch anderen Luftwaffen fehlten schlicht die Möglichkeiten für einen strategischen Luftkrieg. So entwickelten sie die Doktrin der taktischen Luftangriffe, welche die Bodentruppen unterstützen sollten. Allein die Royal Airforce, so Overy, hielt den direkten Terrorangriff auf feindliche Städte für ein probates Mittel.

Hitler drohte, englische Städte "auszuradieren"

Overys Darstellung zum Zweiten Weltkrieg beginnt mit vier Kapiteln über die deutsche Luftkriegsführung. Er meint, zeigen zu können, dass die deutsche Luftwaffe primär taktischen Zielen gedient habe. Selbst als sie gegen Großbritannien die erste strategische Luftoffensive des Krieges eröffnete, seien das Töten von Zivilisten und die Verbreitung von Terror sekundär gewesen: Vielmehr war zunächst die Erringung der Luftherrschaft das Ziel, um die Invasion Englands zu ermöglichen.

Nach dem Scheitern dieses Plans wurde durch die Zerstörung von Verkehrswegen und Hafenanlagen eine Art Wirtschaftsblockade aus der Luft angestrebt. Zivile Opfer wurden dabei in Kauf genommen - es waren Tausende.

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Zwischenzeitlich drohte Hitler, die englischen Städte "auszuradieren". Wie ernst diese Drohung gemeint war, ist unklar. Doch die Luftwaffe war sowieso nicht in der Lage, solche Absichten zu verwirklichen. Es mangelte an schweren Bombern und technischer Ausrüstung. So scheiterte die deutsche Luftoffensive gegen Großbritannien. Auch im Luftkrieg gegen die Sowjetunion blieb die Wirkung der deutschen Luftwaffe begrenzt: Zu viel Personal und Material hatte sie über England verloren.

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit dem alliierten Bombenkrieg über Europa. Detailliert und sehr kritisch analysiert Overy die Entwicklung und Durchführung der Bombenstrategie. Hauptzielscheibe war natürlich Deutschland. Doch den Briten und lange Zeit auch der US-Airforce fehlten zunächst die notwendigen Mittel. Dabei drängte Churchill auf rücksichtslose strategische Bombenangriffe auch gegen zivile Ziele. Der notorische Deutschenhasser Arthur Harris versprach zu liefern.

Overy zeigt überzeugend auf, welche enormen Schwierigkeiten zu überwinden waren, um intensiv gegen Ziele in Deutschland vorzugehen. Bis Ende 1943 mussten die Alliierten gegen die kampfstarke deutsche Luftverteidigung schwerste Verluste hinnehmen. Dennoch kam es zu Massenangriffen. Köln und das Ruhrgebiet wurden von britischen Bombern fast völlig zerstört. In Hamburg wurde auf Harris' Befehl hin nach zynischer Planung ein regelrechtes Massaker angerichtet.