Zukunft der EU Sechs Milliarden Euro für Europas Jugend

Proteste in Spanien: Droht die EU an der Wut der Bürger zu zerbrechen?

(Foto: AP)

Die Bundesrepublik steht in der Kritik. Bei den Griechen, den Italienern, den Belgiern, ja sogar den Franzosen. Wenn uns die Europäische Union nicht um die Ohren fliegen soll, muss Deutschland ein Zeichen setzen. Sechs Milliarden Euro für arbeitslose Jugendliche wären ein Anfang.

Ein Gastbeitrag von Erhard Eppler und Hans-Jochen Vogel

In unserer Kindheit, schon ehe die Nazis regierten, wurden in Deutschland ausländische Politiker fein säuberlich in zwei Lager eingeteilt: Die "deutschfreundlichen" und die "deutschfeindlichen". Dabei war - so ungerecht war die Welt - das Lager der "deutschfeindlichen" ungleich größer. Wir Deutschen waren nun einmal das arme, nur wegen seiner Tüchtigkeit angefeindete Volk in der Mitte Europas, das erst von den anderen "eingekreist", in einem langen Krieg von der Übermacht der Feinde niedergerungen und dann noch beschuldigt wurde, diesen Krieg angezettelt zu haben.

Dass die deutschen Historiker das heute alles ganz anders sehen, dass sie in dieser wehleidigen Selbstbezogenheit, dieser Unfähigkeit, sich in das Denken und Empfinden anderer Nationen einzufühlen, einen der Gründe für die deutsche Katastrophe sehen, spricht eher dafür, fremde Kritik ernst zu nehmen. Sogar Rechts- und Linksradikale, die, mit dem Feindbild Deutschland agitierend, ihre Staaten destabilisieren.

Kritische Töne der Nachbarn Deutschlands

Bis vor wenigen Jahren gab es keinerlei Anlass, von alledem zu reden. Das vereinigte Deutschland, von Verbündeten und Freunden umgeben, fühlte sich wohl und sicher in der Mitte der Europäischen Union, und es hatte dort, nicht ohne das Zutun sensibler Kanzler von Adenauer über Brandt und Schmidt bis zu Kohl und Schröder, seinen angesehenen Platz. Aber jetzt sind im Ausland Töne zu hören, die an längst Vergangenes, Überwundenes erinnern. Gemeint sind nicht die Bilder, die Angela Merkel mit dem Hakenkreuz zeigen. Das ist dumme, verletzende Polemik. Aber sie zeigt uns wieder einmal, wie rasch das Gras verdorren kann, das über die Untaten deutscher Besatzer gewachsen ist. Gemeint sind kritische Töne der Nachbarn, für die es in der alten Bundesrepublik ein Gespür gab. In der DDR nicht. Sie hielt sich ja für etwas ganz und gar Neues, das mit der deutschen Vergangenheit nichts zu tun hatte.

Was uns noch mehr beunruhigen muss: nicht nur die Arbeitslosen in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal vermuten hinter dem Diktat der Troika die deutsche Kanzlerin. Inzwischen kommt die Kritik an der deutschen Europapolitik auch aus Belgien, Luxemburg und - aus Paris. Wenn aber das deutsch-französische Verhältnis in Gefahr ist, wird es ernst.

Perspektive der Verzweifelten

Es gibt Anzeichen, dass manche Deutsche wieder so reagieren, wie dies in der Weimarer Republik üblich war. Dass wir in die Spirale eines wehleidigen Selbstmitleids und einer gerade dadurch gesteigerten Kritik von außen geraten. Lasst uns versuchen zu begreifen, warum andere so reagieren, wie sie reagieren.

Wie könnte die Welt aussehen aus der Perspektive eines griechischen oder italienischen Arbeitslosen, der seine Zeit nun dazu benutzt, die Ursachen seines elenden Daseins zu erforschen? Natürlich wüsste der, dass die meisten Adressen, an die er sich wenden muss, innerhalb seines Landes zu finden sind. Natürlich weiß ein kluger Italiener, was Silvio Berlusconi angerichtet hat und wie wenig erfolgreich die italienische Linke war, ihm das Handwerk zu legen. Und ein wacher Grieche weiß natürlich, welche Missstände die Regierenden in seinem Lande selbst zu verantworten haben. Er weiß auch, dass den vielen Verzweifelten in seinem Land keine Statistik hilft, die darauf beruht, dass viele kleine Leute rund um das Mittelmeer ihr bescheidenes Häuschen haben.