Zerstörung Historischer Stätten im Irak Tote Steine von unschätzbarem Wert

Arbeiter 2001 an der Ausgrabungsstätte Nimrud - der IS hat Teile der Kulturstätte zerstört.

(Foto: dpa)

Natürlich ist es wichtiger, Leben zu retten als Tempel und Statuen. Doch wer den Menschen nur die nackte Existenz lässt, aber ihnen ihre Vergangenheit nimmt, der degradiert sie, der tötet langsam - so wie der IS im Irak.

Ein Kommentar von Sonja Zekri

Aus Sicht der irakischen Regierung ist die Sache eindeutig. Der Westen ist schuld - genauer: die Amerikaner und ihre Verbündeten. Sie hätten das Verbrechen verhindern können, hätten die Bulldozer und Laster der IS-Kämpfer auf dem Weg nach Nimrud und Hatra bombardieren können, dann, ja, dann wäre das Erbe der Menschheit, wären die geflügelten Stiere Assyriens, die Säulenfluchten in Hatra, wäre auch das Museum in Mossul zu retten gewesen.

Für Bagdad ist jedes Argument nützlich, das dazu führt, die Welt gegen den "Islamischen Staat" zu mobilisieren - und das ein wenig ablenkt von den sehr zweifelhaften Methoden der schiitischen Milizen im Dienste der irakischen Regierung, von der Vertreibung der Sunniten und anderen Begleiterscheinungen des Anti-Terror-Kampfes. Das kann man machen, das ist auch in anderen Kriegen so.

Der Westen mag nicht viel wissen von der irakischen Gegenwart, aber der irakischen Antike - vielfältiger, rätselhafter noch als die ägyptischen Pharaonen - fühlt er sich auf natürliche Weise verbunden. Mathematik, Bibliotheken, Städtebau, alles, was unser Verständnis von Zivilisation prägt, wurde dort entdeckt oder entwickelt. Wenn die IS-Terroristen deshalb in Mossul assyrische Wächterfiguren mit Presslufthämmern zerlegen, dann trifft dies das westliche Kulturverständnis viel direkter als die Zerstörung schiitischer Schreine oder Moscheen. Wir sortieren sehr klar, was unser Erbe ist und was nicht. Und das ist nur ein Teil des Dilemmas.

Warum tote Steine retten?

In Wahrheit nämlich hätte es den Amerikanern - oder wem auch immer - niemand gedankt, wenn sie Nimrud und Hatra geschützt hätten. Warum, hätten allen voran und zu Recht Iraker, Syrer, Araber, Kurden, gefragt, warum reißen sie sich ein Bein aus, um tote Steine zu schützen, aber nicht lebende Menschen? Warum haben sie nicht die belagerte syrische Stadt Kobanê befreit, warum nicht die Verschleppung der jesidischen Frauen verhindert? Warum bomben sie die Steinzeitkrieger nicht einfach wieder in ihre Höhlen, zusammen mit den europäischen Terror-Touristen?

Gesprengte Schönheit

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Alles berechtigte Fragen, aber sie schlagen nur Schneisen im ethischen Niemandsland. Natürlich zählt ein Menschenleben mehr als jede Statue, jeder Tempel. Konsequent betrachtet, wäre das gesamte Weltkulturerbe, die Summe ungezählter Schicksale, nicht wert, dass auch nur ein Mensch zu Schaden kommt.

Aber - und dieses Aber gibt es sehr wohl - der Mensch ist mehr als nur der unversehrte Körper, er ist mehr als die nackte Existenz. Nicht in dem Moment, in dem er vom Tode bedroht wird, aber danach, sehr schnell, sobald er gerettet ist, sich umschaut und fragt: Was ist noch übrig von mir? Wer bin ich noch?

Wer die Kultur schützt, muss auch die Menschen schützen

Und spätestens an dieser Stelle kommen dann doch wieder die Statuen und Tempel ins Spiel, die schiitischen Schreine und historischen Moscheen, gerade im Irak, wo die jüngsten Jahrzehnte der Gewalt und des Hasses Jahrtausende des unendlichen kulturellen und religiösen Reichtums überschatten. Wer den Menschen das nackte Leben lässt, aber ihnen ihre Vergangenheit nimmt, die Erinnerung an Größe, auch an Gemeinschaft von jenen, die einander heute vielleicht fremd geworden sind, der degradiert sie, der tötet langsam.

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Deshalb ist die Menschheitsgeschichte voller Eroberer, die das Gedächtnis der Eroberten auslöschten. Deshalb war es ein so verheerendes Signal, als die Amerikaner nach dem Einmarsch in Bagdad 2003 zwar das Ölministerium schützten, aber nicht das Bagdad-Museum, das daraufhin geplündert und verwüstet wurde. Sollte man also heute für Hatra militärisch eingreifen? Die Antwort lautet heute wie damals: Wer sich um die Menschen nicht schert, dem kann auch ihre Kultur egal sein. Oder noch radikaler: Wer die Kultur schützt, muss auch die Menschen schützen.