Wirtschaftliche Interessen in Libyen Frieden, Freiheit - und Erdöl

Mit Geld und guten Ratschlägen versucht der Westen, seinen Einfluss auf die neuen Machthaber in Libyen zu wahren. Dahinter stecken massive wirtschaftliche Interessen. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Aufständischen täglich weniger Grund haben, auf die westlichen Schutzmächte zu hören.

Von Rudolph Chimelli

Wenn der holprige militärische Sieg über Muammar al-Gaddafi für die westlichen Beschützer der Rebellion auch ein politischer und wirtschaftlicher Erfolg werden soll, dann darf Libyen nach dem Sturz des Diktators nicht im Chaos, in Racheakten an Anhängern des alten Regimes, oder im Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Gruppen der Aufständischen versinken. Stabilität ist notwendig, damit die libysche Erdölindustrie wieder in Gang kommt, aber ebenso, damit die zwei Millionen Gastarbeiter, welche für die Wirtschaft des Sechs-Millionen-Einwohner-Landes unentbehrlich waren, zurückkehren können.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat deshalb den Chef des Nationalen Übergangsrates in Bengasi, Mahmud Dschibril, für Mittwoch nach Paris eingeladen. Als Erste hatten die Franzosen im Frühling den Nationalen Übergangsrat der Rebellen anerkannt und die Initiative dafür ergriffen, dass der Sicherheitsrat beschloss, die Nato zum Schutz der Bevölkerung mit militärischen Mitteln zu ermächtigen. Zusammen mit den Briten trugen die Franzosen auch die Hauptlast der fünf Monate währenden Operationen. Ferner lieferte Frankreich Waffen an die Aufständischen. Präsident Sarkozy darf sich nun - mit den Rebellen - als großer Sieger fühlen.

Auf den Besuch Dschibrils soll nach Sarkozys Wunsch binnen weniger Tage ein Treffen der "Kontaktgruppe für Libyen" folgen, gleichfalls in Paris. Dazu sind auch die Arabische Liga, die Afrikanische Union, die EU, die USA sowie alle interessierten Länder eingeladen. Zweck des Treffens ist es nach den Worten von Außenminister Alain Juppé, für Libyens Zukunft einen "Fahrplan" zu entwerfen. Die Beteiligten wollen dem neuen Regime ihren Rückhalt zeigen und gleichzeitig die siegreichen Rebellen dazu anhalten, sich nicht in internen Streitigkeiten zu verzetteln. Um den Übergang zu sichern, sollten jene Verantwortlichen des Gaddafi-Regimes, die kein Blut an den Händen hätten, integriert werden.

Offensichtlich hat der Übergangsrat aus den Fehlern gelernt, welche die Amerikaner in Irak machten, als sie Armee und Polizei des Diktators Saddam Hussein auflösten. Dschibrils Gremium hat bereits angeordnet, dass Gaddafis Sicherheitsorgane in Tripolis ihre Tätigkeit vorläufig fortsetzen sollen.

Parallel zu Sarkozy - oder in Konkurrenz mit ihm - haben die USA die Kontaktgruppe für Donnerstag nach Istanbul eingeladen. Außenministerin Hillary Clinton telefonierte mit einigen Vertretern der Gruppe. In gleicher Sache besuchte der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu am Dienstag Bengasi. Angesichts der dauerhaften Interessen der Türkei an Libyen, unabhängig vom jeweiligen Regime, wirbt auch er für den Konferenzort Istanbul. Ferner möchte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon am Donnerstag oder Freitag ein Gipfeltreffen zu Libyen in New York veranstalten.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass mit dem Schwinden der Macht Gaddafis die Aufständischen täglich weniger Grund haben, auf die Mahnungen ihrer westlichen Schutzmächte zu hören. Sie werden künftig weniger gebraucht. Waffen haben die Rebellen in genügender Anzahl, leider auch für eventuelle Bruderkämpfe, oder - wie Terrorismus-Experten mit Sorge konstatieren - für den Kleinhandel in der Sahelzone.

Das Erdölgeld entscheidet über Einheit oder Zwietracht

Wenn dem Regime in Bengasi demnächst Gaddafis blockierte Auslandsguthaben zur Verfügung stehen, wird es den Libyern auch nicht an Geld fehlen. Die schon jetzt in Aussicht gestellte Finanzhilfe aus dem Westen für den Wiederaufbau dürfte willkommen sein. Zu einem Druckmittel, mit dem sich gute Ratschläge von außen durchsetzen lassen, dürfte sie hingegen nur begrenzt taugen. Wer in Tripolis oder Bengasi über das Erdölgeld verfügt, kann mit dessen Verteilung nationale Einheit oder auch nationale Zwietracht schaffen. Bereits jetzt beschweren sich die Stämme des westlichen Berglandes nahe der tunesischen Grenze, die vor dem vergangenen Wochenende am Vorstoß nach Tripolis sehr wesentlichen Anteil hatten, dass der Übergangsrat finanziell zu wenig für sie tue. Bis aber das Erdölgeld, die Grundlage für Libyens Prosperität, wieder fließt, dürfte einige Zeit vergehen.

Die Förderanlagen müssen technisch instand gesetzt werden, wofür wiederum politische Stabilität die erste Voraussetzung ist. Vor dem Bürgerkrieg förderte Libyen zuletzt 1,25 Millionen Fass am Tag, im vergangenen Jahr waren es 1,6 Millionen. Unter den allergünstigsten Voraussetzungen könnte bis zum Jahresende wieder eine Produktion von täglich 0,4 Millionen Fass erreicht werden. Libyens Erdöl ist sehr gefragt. Seine Quellen liegen nahe an Europa, und die Förderung ist billig. Ferner handelt es sich um sogenanntes leichtes Öl, das relativ geringen Raffinerie-Aufwand erfordert.

Viele Gesellschaften und Abnehmerländer pflegten deshalb gute Beziehungen zu Diktator Gaddafi und sind jetzt daran interessiert, möglichst schnell zu konkreten Vereinbarungen mit dem Nachfolgeregime zu kommen. An erster Stelle stehen die Italiener, die einen großen Teil ihres Erdölbedarfs in Libyen decken. Traditionell sind auch Amerikaner und Franzosen Partner Libyens. Russen und die energiehungrigen Chinesen bewerben sich ebenfalls.