Die Massen haben sich längst abgewandt vom Krieg in Afghanistan, der sich mit fast 92.000 neuen Dokumenten noch weniger erschließt. Ihre Veröffentlichung stellt gleichwohl eine Zäsur dar.
In Afghanistan findet beileibe kein geheimer Krieg statt. Wie schon zuvor aus dem Irak wird aus Afghanistan berichtet, werden das Militärische und das Politische in alle Welt transportiert, weitgehend richtig gewichtet und verstanden.
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US-Soldaten im Afghanistan-Einsatz. (© ap)
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Deswegen weiß die Welt inzwischen, dass die Völkergemeinschaft große Chancen hat, in Afghanistan mit ihren Plänen zu scheitern. Das Land lässt sich offenbar nicht befrieden. Gewalt, Hunger und Vertreibung werden auch weiter das Leben in Afghanistan bestimmen, wie schon in den letzten Jahrzehnten.
Schuld an dieser Misere trägt jener Teil der Weltgemeinschaft nur bedingt, der unter Führung der USA sein politisches, militärisches, und noch viel wichtiger: sein humanitäres Kapital in Afghanistan investiert. Die mehr als 40 Nationen werden vom aufrichtigen Interesse geleitet, Afghanistan Frieden und Entwicklung zu bringen. Die Botschaft in den Trümmern des World Trade Centers war, dass niemals wieder ein Land zum Hort des Terrors werden dürfe, dass kein zerfallender Staat sich zum Epizentrum des Unfriedens entwickeln sollte.
Inzwischen weiß die Völkergemeinschaft, dass sie sich zu viel vorgenommen hat. Sie wird auch weiter mit zerbröckelnden Staaten leben müssen, und sie wird ihre Vorstellung von Stabilität nicht überall auf der Welt durchsetzen können. Das nennt man Realismus.
Die afghanische Leidensgeschichte und die Botschaft von der frustrierten Rückkehr der Weltgemeinschaft von ihrer Mission zum ewigen Frieden sind jetzt nachzulesen in 91.713 Dokumenten, die über das Internetportal Wikileaks veröffentlicht wurden. Fast 92.000 authentische Berichte von der Front in Afghanistan und Pakistan, 92.000 Episoden über Krieg, Scharmützel, Drohnenflüge, Schmuggler, Drogenhändler, Agenten und Doppelagenten, politische Opportunisten, kleine Schieber und große Bandenführer.
Neue Details
In der Summe ergeben diese Berichte das deprimierende Bild einer kriegsverseuchten Region mit unscharfen Gegnerschaften, wechselnden Loyalitäten und verschwommenen Kriegszielen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Lebenszweck der Taliban und vieler Afghanen der Kampf ist. Und vor allem drängt sich das Urteil auf, dass die 46 Nationen in diesem unwirtlichen Gebiet nichts verloren haben, weil es nichts zu gewinnen gibt.
Es ist das Verdienst sachkundiger Journalisten des britischen Guardian, der New York Times und des Spiegels, dieses Dossier aufgearbeitet und gewichtet zu haben. Die Leistung liegt in der Verarbeitung einer ungeheuren Dokumentenflut. Darin stecken gar nicht so viele Sensationen. In der Tendenz belegen die Dokumente, was bereits bekannt war. Aber es gibt zahlreiche viele neue Details zu verarbeiten - über Pakistan, über die Raketengefahr für Flugzeuge, über das Ausmaß gezielter Tötungen durch amerikanische Kommandoeinheiten.
Sensationell ist damit die Menge der Beweise für das Ausmaß an Resignation, das sich aus den Dokumenten herauslesen lässt. Die schiere Zahl der Meldungen von Misserfolgen zeigt, dass es über viele Jahre hinweg niemals gelungen ist, die grundlegende Dynamik des Konflikts zu verändern. So sehr sich die Ausländer auch abmühten, das Land wollte nie nach ihren Regeln funktionieren. Aber auch das ist eigentlich keine Neuigkeit mehr.
Deswegen ist es falsch, die Afghanistan-Papiere mit den Pentagon Papers zu vergleichen. Diese 1971 von der New York Times veröffentlichten Papiere belegten damals, dass die Regierung Johnson systematisch über den wahren Einsatz und ihre politischen Ziele im Vietnam-Krieg gelogen hatte. Die Dokumente lösten Massenproteste aus und heizten die Anti-Kriegs-Stimmung an.
Viele Dokumente, wenig Antworten
Die Afghanistan-Papiere werden keine solchen Demonstrationen hervorrufen. Die Massen haben sich längst abgewandt von diesem Konflikt, der sich mit 92.000 neuen Dokumenten noch weniger erschließt. Ihre Veröffentlichung stellt gleichwohl eine Zäsur dar im Zeitalter der Alleswisser- und Allesverbreiter-Maschine Internet.
Das Netz wird zu einem gefährlichen Faktor für kriegsführende Nationen, weil geheime Informationen kritisch sind für Erfolg und Misserfolg in einem Konflikt. Wer das Geheimnis bricht und Dossiers mit einem solch gigantischen Volumen verbreiten kann, der beeinflusst den Krieg. Das kann man gut oder schlecht finden, nur ignorieren kann man es nicht.
Die Papiere haben das Potential, die letzte Hoffnung für einen militärischen und politischen Erfolg in Afghanistan zu zerschlagen. Sie werden den öffentlichen Widerstand gegen den Krieg vor allem in den USA anheizen, vier Monate vor den Zwischenwahlen und sechs Monate ehe der Kongress einen kritischen Zwischenbericht über den Erfolg der bislang letzten Afghanistan-Strategie erwartet. Kein Präsident kann seinen Wählern mehr erklären, wie er 92.000 Dokumenten der Frustration eine Hoffnungsbotschaft entgegensetzen will.
Das eigentliche Dilemma Afghanistans erklären aber weder die Papiere, noch haben es die USA mit ihren 45 Hilfsnationen verstanden: Warum entzieht sich Afghanistan immer wieder jeder friedlichen Ordnung? So viele Papiere. So wenige Antworten.
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Die Qualität eines Beitrags misst sich sicher nicht an einem Satz und einer Stilblüte. Natürlich sind die Passagen wie "Humankapital" und "Kampf als Selbstzweck" diskussionswürdig.
Die Essenz des Artikels hat aber durchaus Substanz und verdient auch einen Kommentar, der sich der Sache annimmt und nicht der Details.
Die Geschichte Afghanistans haben sicher die wenigsten der Kommentatoren verfolgt, vielleicht können manche auch nicht so viel auf einmal lesen. Jedenfalls haben die ethnische Struktur ganz wesentlich mit den andauernden Konflikten zu tun (und das nicht erst seit 1978). Daran sind alle Invasoren gescheitert, was auch ok ist.
Nur bei der augenblicklichen Afghanistan Kampagne handelt es sich eben nicht um eine Invasion, obwohl es auch Invasoren gibt, da kann man mit religiösen und kapitalistischen Missionaren anfangen und mit Todeskommandos aufhören.
Eine Invasion durch Staaten oder eine Staatengemeinschaft bedeutet eben Alle und Alles durch die eigene Brille zu sehen und da gibt es eben auch andere Tendenzen. Ob sich die durchsetzen bleibt abzuwarten.
Es ist aber zu hoffen, denn was würden sich denn Total-Kritiker von einem "Scheitern des Westens" erhoffen? Viele Terrorzentren rund um den Globus, Leben wie Israel umgeben von Feinden, die bewaffnet und voller Hass sind und vor allem ohne Möglichkeit auf Dialog, Austausch.
Das sind alles neue Errungenschaften, wir werden erst merken was wir verloren haben, wenn wir nicht mehr reisen können, wenn ein Spaziergang gefährlich wird und die Wohnung zur Burg und Schutzzone. In sehr vielen Gegenden der Welt ist das so, durchaus auch mit Unterstützung des "Westens" aber der "Westen" ist sicher nicht alleine dafür verantwortlich.
Die Veröffentlichung der Papiere ist ein Schritt in Richtung Offenheit und Transparenz, ohne geht es nicht. Und wie viel Militär sein muss und was es wo tut, dies sollte Bestandteil einer Diskussion mit Qualität sein.
Ich stelle mir für Afghanistan verstärkte Autonomie von ethnisch abgegrenzten Gebiete vor, auch durchaus "Taliban" Gebiete, die durchaus unabhängig aber ohne Nachschub sein sollten. Sicher gibt da wieder hohe Risken, ethnische Säuberungen, Terrorzentren. Wie schwierig und langfristig die Entwicklung in sicheren Gebieten ist, weiß jeder der in so einem Bereich gearbeitet hat und er weiß auch, dass es in einem Kriegsgebiet unmöglich und geradezu widersinnig ist.
...lässt sich nur am Besten kontrollieren wenn diese in Städten wohnt. D.h man muss die Strukturen des Landes ändern um vorallem die Macht der Stämme zu brechen. Geht es dann auch noch wirtschaftlich aufwärts werden wie in den Industrieländern die Familien immer kleiner und somit auch die "Blutszwänge". Das Problem war einfach man dachte in 5 Jahren erreicht man was aber im Grunde braucht man 20-50 Jahre um wirklich dort etwas zu verändern.
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". Die mehr als 40 Nationen werden vom aufrichtigen Interesse geleitet, Afghanistan Frieden und Entwicklung zu bringen"
Den Rest des Unsinns habe ich mir gespart. So einen Satz kann jemand in dieser Positon nicht einmal mehr mit Naivität entschuldigen.
Dass Herr Kornelius das alles schon lange bekannt ist, glaube ich gerne. Schließlich ist er selbst Mitglied in den Gremien der entscheidenden Figuren. Wer erwartet da noch eine unabhängige Meinung?
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