Wikileaks-Enthüllung So viele Papiere, so wenige Antworten

Die Massen haben sich längst abgewandt vom Krieg in Afghanistan, der sich mit fast 92.000 neuen Dokumenten noch weniger erschließt. Ihre Veröffentlichung stellt gleichwohl eine Zäsur dar.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

In Afghanistan findet beileibe kein geheimer Krieg statt. Wie schon zuvor aus dem Irak wird aus Afghanistan berichtet, werden das Militärische und das Politische in alle Welt transportiert, weitgehend richtig gewichtet und verstanden.

US-Soldaten im Afghanistan-Einsatz.

(Foto: ap)

Deswegen weiß die Welt inzwischen, dass die Völkergemeinschaft große Chancen hat, in Afghanistan mit ihren Plänen zu scheitern. Das Land lässt sich offenbar nicht befrieden. Gewalt, Hunger und Vertreibung werden auch weiter das Leben in Afghanistan bestimmen, wie schon in den letzten Jahrzehnten.

Schuld an dieser Misere trägt jener Teil der Weltgemeinschaft nur bedingt, der unter Führung der USA sein politisches, militärisches, und noch viel wichtiger: sein humanitäres Kapital in Afghanistan investiert. Die mehr als 40 Nationen werden vom aufrichtigen Interesse geleitet, Afghanistan Frieden und Entwicklung zu bringen. Die Botschaft in den Trümmern des World Trade Centers war, dass niemals wieder ein Land zum Hort des Terrors werden dürfe, dass kein zerfallender Staat sich zum Epizentrum des Unfriedens entwickeln sollte.

Inzwischen weiß die Völkergemeinschaft, dass sie sich zu viel vorgenommen hat. Sie wird auch weiter mit zerbröckelnden Staaten leben müssen, und sie wird ihre Vorstellung von Stabilität nicht überall auf der Welt durchsetzen können. Das nennt man Realismus.

Die afghanische Leidensgeschichte und die Botschaft von der frustrierten Rückkehr der Weltgemeinschaft von ihrer Mission zum ewigen Frieden sind jetzt nachzulesen in 91.713 Dokumenten, die über das Internetportal Wikileaks veröffentlicht wurden. Fast 92.000 authentische Berichte von der Front in Afghanistan und Pakistan, 92.000 Episoden über Krieg, Scharmützel, Drohnenflüge, Schmuggler, Drogenhändler, Agenten und Doppelagenten, politische Opportunisten, kleine Schieber und große Bandenführer.

Neue Details

In der Summe ergeben diese Berichte das deprimierende Bild einer kriegsverseuchten Region mit unscharfen Gegnerschaften, wechselnden Loyalitäten und verschwommenen Kriegszielen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Lebenszweck der Taliban und vieler Afghanen der Kampf ist. Und vor allem drängt sich das Urteil auf, dass die 46 Nationen in diesem unwirtlichen Gebiet nichts verloren haben, weil es nichts zu gewinnen gibt.

Es ist das Verdienst sachkundiger Journalisten des britischen Guardian, der New York Times und des Spiegels, dieses Dossier aufgearbeitet und gewichtet zu haben. Die Leistung liegt in der Verarbeitung einer ungeheuren Dokumentenflut. Darin stecken gar nicht so viele Sensationen. In der Tendenz belegen die Dokumente, was bereits bekannt war. Aber es gibt zahlreiche viele neue Details zu verarbeiten - über Pakistan, über die Raketengefahr für Flugzeuge, über das Ausmaß gezielter Tötungen durch amerikanische Kommandoeinheiten.

Sensationell ist damit die Menge der Beweise für das Ausmaß an Resignation, das sich aus den Dokumenten herauslesen lässt. Die schiere Zahl der Meldungen von Misserfolgen zeigt, dass es über viele Jahre hinweg niemals gelungen ist, die grundlegende Dynamik des Konflikts zu verändern. So sehr sich die Ausländer auch abmühten, das Land wollte nie nach ihren Regeln funktionieren. Aber auch das ist eigentlich keine Neuigkeit mehr.

Deswegen ist es falsch, die Afghanistan-Papiere mit den Pentagon Papers zu vergleichen. Diese 1971 von der New York Times veröffentlichten Papiere belegten damals, dass die Regierung Johnson systematisch über den wahren Einsatz und ihre politischen Ziele im Vietnam-Krieg gelogen hatte. Die Dokumente lösten Massenproteste aus und heizten die Anti-Kriegs-Stimmung an.

Viele Dokumente, wenig Antworten

Die Afghanistan-Papiere werden keine solchen Demonstrationen hervorrufen. Die Massen haben sich längst abgewandt von diesem Konflikt, der sich mit 92.000 neuen Dokumenten noch weniger erschließt. Ihre Veröffentlichung stellt gleichwohl eine Zäsur dar im Zeitalter der Alleswisser- und Allesverbreiter-Maschine Internet.

Das Netz wird zu einem gefährlichen Faktor für kriegsführende Nationen, weil geheime Informationen kritisch sind für Erfolg und Misserfolg in einem Konflikt. Wer das Geheimnis bricht und Dossiers mit einem solch gigantischen Volumen verbreiten kann, der beeinflusst den Krieg. Das kann man gut oder schlecht finden, nur ignorieren kann man es nicht.

Die Papiere haben das Potential, die letzte Hoffnung für einen militärischen und politischen Erfolg in Afghanistan zu zerschlagen. Sie werden den öffentlichen Widerstand gegen den Krieg vor allem in den USA anheizen, vier Monate vor den Zwischenwahlen und sechs Monate ehe der Kongress einen kritischen Zwischenbericht über den Erfolg der bislang letzten Afghanistan-Strategie erwartet. Kein Präsident kann seinen Wählern mehr erklären, wie er 92.000 Dokumenten der Frustration eine Hoffnungsbotschaft entgegensetzen will.

Das eigentliche Dilemma Afghanistans erklären aber weder die Papiere, noch haben es die USA mit ihren 45 Hilfsnationen verstanden: Warum entzieht sich Afghanistan immer wieder jeder friedlichen Ordnung? So viele Papiere. So wenige Antworten.