Wehrmachtsdeserteur in Wien Auf der richtigen Seite, im falschen Land

Denkmal für die Wehrmachtsdeserteure in Wien.

(Foto: Georg Hochmut/picture alliance)

Als Soldat sah Richard Wadani die Massaker der SS. Nach dem Krieg kämpft der Österreicher für die geraubte Ehre der Wehrmachtsdeserteure - und wird von der FPÖ geschmäht.

Von Christian Krügel und Helmut Zeller, Wien

Richard Wadani fühlt sich auf der richtigen Seite, aber in der falschen Stadt, im falschen Land. Es ist Januar 1946, als der 23-Jährige nach Wien zurückkehrt. Das Meer der Hakenkreuzfahnen, das die Stadt seit 1938 überzogen hatte, ist verschwunden, die nationalsozialistische Diktatur vernichtet.

Als junger Wehrmachtssoldat hat Richard Wadani Wien verlassen, jetzt kehrt er als Befreier zurück. Er hat weder Geld noch irgendeine Idee, was die Zukunft für ihn bringen könnte. Aber er hat ein letztes Kleidungsstück, das er mit Stolz trägt: eine britische Uniform.

Seit Monaten hat er sie, kurz nachdem er im Oktober 1944 an der Westfront endlich den Schritt tun konnte, den er sich seit 1939 vorgenommen hatte: die verhasste Wehrmacht verlassen, gegen die Nazi-Armee kämpfen, gegen Totalitarismus und Faschismus, für ein freies Österreich. Er hatte es geschafft, hatte sich den Briten und der tschechoslowakischen Exilarmee in deren Diensten angeschlossen. Und kehrt nun heim ins freie Wien.

Auf der richtigen Seite, im falschen Land

Einer der ersten Wege führt ihn aufs Arbeitsamt. Der Beamte dort starrt Wadani und seine Uniform an, dann plärrt er: "Sagen Sie, wie kommen Sie denn dazu, in einer fremden Armee zu dienen?"

Es ist der Moment, in dem Richard Wadani weiß, dass der Faschismus in den Köpfen nicht besiegt, dass Österreich nur auf dem Papier befreit ist. "Die Hitler-Armee war die fremde Armee!", schreit Wadani zurück.

In den nächsten Jahrzehnten wird es ein Anschreien gegen eine Mauer des Schweigens sein. Der kleine Beamte auf dem Arbeitsamt verkörpert für Wadani das Nachkriegs-Österreich: Die NSDAP-Abzeichen sind abgelegt, die Mär von Österreich als erstes Opfer Hitler-Deutschlands ist schnell gestrickt.

Deserteure

In Deutschland hat der Bundestag nach langen und erbitterten Auseinandersetzungen mit CDU und CSU im Jahr 2002 die Unrechtsurteile der NS-Militärrichter gegen Wehrmachtsdeserteure aufgehoben. 2009 wurden schließlich die sogenannten Kriegsverräter rehabilitiert. In Bremen, Köln, Berlin, Stuttgart oder im ehemaligen Wehrmachtsgefängnis Torgau entstanden zum Teil schon davor Mahnmale. Aber die Deserteure galten bis zur Entscheidung des Bundestags als vorbestraft. "Die Wenigsten von uns haben im Nachkriegsdeutschland Tritt gefasst oder Karriere gemacht. Die Wenigsten sind alt geworden. Ohne Würde kann man nicht leben", schreibt Ludwig Baumann, 94, der 1990 die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz gegründet hat, in seinem Buch "Niemals gegen das Gewissen". 2015 wurde ein Denkmal in Hamburg eingeweiht. Allein in dieser Stadt waren 227 Soldaten hingerichtet worden. SZ

Und doch gelten nun Männer wie Wadani als Verräter: junge Soldaten, die nicht brav bis zum letzten Atemzug für die Wehrmacht der deutschen Besatzer den Kopf hinhalten wollten, sondern die Seiten wechselten, um ihr Österreich zu befreien.

Wie viele das taten, ist bis heute unklar, weil die allermeisten bis zu ihrem Tode darüber schwiegen. Die Zahl derer, die abgefangen und abgeurteilt wurden, ist konkreter: Zwischen 1939 und 1945 fällten Militärrichter der Wehrmacht etwa 30 000 Todesurteile, ungefähr 23 000 Urteile wurden vollstreckt. Unter den Opfern waren ungefähr 1500 österreichische Wehrmachtsangehörige.

Bei all dem sind jene nicht mitgezählt, die bei Kriegsende ohne Verfahren exekutiert wurden oder in den Straflagern der Wehrmacht an Schikanen und Erschöpfung starben. Doch über diesen Mord an den eigenen Soldaten schweigt Österreich Jahrzehnte.

Auf der richtigen Seite, im falschen Land: 70 Jahre später fühlt sich Richard Wadani wieder ähnlich. Er ist 93, sein Alter sieht man ihm aber nicht an: Zwar hat er schlohweißes Haar, das Hören fällt schwer. Aber Wadani hat die kräftige Statur eines Sportlers und den hellwachen Geist eines Menschen, der von Jugend an die politische, die argumentative Auseinandersetzung gewohnt ist.

Er sitzt in seiner Wohnung in Wien-Simmering und erzählt von seinem jüngsten Kampf, den er vor 15 Jahren dann doch noch einmal aufgenommen hat: den Kampf für die Rehabilitierung und Anerkennung der österreichischen Wehrmachtsdeserteure und der Opfer der NS-Militärjustiz.

Auch dieser war - wie einst sein Kampf gegen die Nazis - erfolgreich, ein später Triumph. Richard Wadani und seine Mitstreiter setzten ein Rehabilitationsgesetz und obendrein den Bau eines Denkmals am Wiener Ballhausplatz durch.

Rechtsextreme missbrauchten das Denkmal

Doch auch diesmal weiß er nicht, wie tief die Wirkung wirklich sein wird: Im Herbst 2015, nur ein Jahr nach der Einweihung, missbrauchten Rechtsextreme das Denkmal als Kundgebungstribüne und hetzten von dort aus unter rot-weiß-roten Fahnen gegen Flüchtlinge. Die Polizei sah nur zu.

"Ich kann solche Provokationen nur schwer aushalten", sagt Wadani, "denn für mich ist das Denkmal eine Mahnung an die Menschen von heute, faschistische Tendenzen im Ansatz zu erkennen und dagegen aufzustehen."

Aber die Lobby derjenigen, die in den Deserteuren noch immer "Kameradenmörder" und "Verräter" sehen wollten, sei eben stark. Die rechtspopulistische FPÖ und der Österreichische Kameradschaftsbund mit einer Viertelmillion Mitglieder waren strikt gegen das Denkmal.

FPÖ-Bundesparteiobmann Heinz-Christian Strache beschimpfte damals Richard Wadani gar als "Deserteurskapo". Das Denkmal konnte Strache nicht verhindern, aber seine FPÖ hat inzwischen in Wadanis Bezirk Simmering, einer früheren SPÖ-Hochburg, die Mehrheit errungen und schickt sich an, womöglich bald den Bundespräsidenten zu stellen. "Es hört einfach nie auf", sagt der 93-Jährige.

Tatsächlich liest sich Wadanis Leben wie ein immer währender Kampf gegen Nationalismus und Faschismus. Und es erzählt die Geschichte Österreichs vom FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer bis zurück zum Ende der k.u.k. Monarchie.

Die ist gerade erst vier Jahre zerbrochen, aber im Lebensgefühl noch allgegenwärtig, als Richard Wadani 1922 in Prag geboren wird. Seine Mutter ist eine gebürtige Wienerin, sein Vater stammt aus Kärnten. Die Familie lebt in Prag, der Hauptstadt der jungen tschechoslowakischen Republik.

Die Stadt ist einerseits von Optimismus und Aufbruch geprägt, andererseits von Nationalitätenkonflikten, Demonstrationen, Streiks, harten Kämpfen zwischen den politischen Lagern. Den sechsjährigen Richard schickt der Vater zu den sozialdemokratischen Roten Falken, später geht er zum Arbeiter-Turn- und Sportverein (ATUS), sympathisiert schon bald mit den Kommunisten und tritt in deren Sportorganisation ein.

Die Prager Arbeiterkultur ist sein Zuhause, diese hochpolitischen Jahre prägen sein Leben. Besonders 1934: Richard lauscht am Küchentisch der Wohnung den Erzählungen der sozialdemokratischen Schutzbündler aus Wien, die sich gegen das austrofaschistische Dollfuß-Regime erhoben hatten und nach Prag fliehen mussten.

Wie Österreich den Nazi-Einmarsch feierte

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Der "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland und die Zuspitzung der Sudetenkrise 1938 zwingen Richard Wadani, Prag zu verlassen und ausgerechnet nach Wien überzusiedeln: Als Deutschstämmiger hat er in seiner tschechischen Heimatstadt keine Arbeitsgelegenheit mehr. In Österreich aber empfängt den glühenden Jung-Kommunisten und Antifaschisten ein nationalsozialistischer Begeisterungstaumel, der den 16-Jährigen entsetzt.

Im Jahr darauf wird Prag von den Deutschen besetzt, bald danach beginnt der Krieg mit dem Überfall auf Polen. Da ist der junge Wadani bereits zur Wehrmacht eingezogen worden. Seine Mutter gibt ihm ein weißes Tüchlein mit, damit er bei passender Gelegenheit desertieren kann: "Ich will nicht, dass du für die Nazis kämpfst", sagt sie dem Buben.

Er kommt als Kraftfahrer zur Luftwaffe an die Ostfront und wird Zeuge der Verbrechen von SS und Wehrmacht im Vernichtungskrieg. In Winnyzja und anderen Städten der Ukraine sieht Wadani Ende 1941, wie SS und Wehrmacht Juden ermorden, alte Menschen, Frauen und Kinder. Richard Wadani begreift, wofür diese Wehrmacht eben auch marschiert. "Das hat meinen Hass auf das Regime unerhört verstärkt", sagt er.