Warum trat Horst Köhler zurück? Der Eindruck des Gehetztseins

Und dann wird Haller krank. Im September 2009 muss er seinen Posten aufgeben. Das mindert zwar nicht den sehr engen Draht zu Köhler, aber mit Hallers erzwungenem Rückzug ändert sich fast alles im Bundespräsidialamt. Nachfolger von Haller als Chef wird Hans-Jürgen Wolff, bis dahin Abteilungsleiter. Haller selbst ist es, der Wolff zunächst für den richtigen hält. Doch das ändert sich später. Denn nach Erzählungen von Mitarbeitern macht Wolff, was zuvor undenkbar gewesen wäre: Er schließt zentrale Personen vom Entscheidungsprozess aus. Wenn stimmt, was erzählt wird, werden fortan selbst Köhlers engste Mitarbeiter wie Sprecher Kothe oder Büroleiterin von Uslar aus der Morgenlage ferngehalten. Was unweigerlich dazu führt, dass beide immer weniger wissen, sich darüber zunehmend ärgern und das Amt schlussendlich verlassen. Ihrem Beispiel folgen Anfang des Jahres 2010 zahlreiche Referatsleiter, die alle unter Haller gedient haben, darunter die, die zuständig sind für Bildung, für Wirtschaft, für Inneres, ergänzt durch Köhlers Protokollchef. Selbst ein gerade erst eingestellter Planungschef sucht nach wenigen Wochen das Weite. Im gesamten Regierungsviertel erzählt man sich von den Bewerbungen aus dem Präsidialamt, die in zahlreichen Bundesministerien aushängen. Es ist der Gau eines Amtes in Auflösung.

"Dann nämlich würde Europa auseinanderfallen"

Köhler braucht sehr lange, bis er versteht, was da los ist. Erst kurz vor seiner letzten Dienstreise Mitte Mai sendet er Signale, dass er weiß, dass Grundsätzliches geändert werden muss. Dazu kommt es aber nicht mehr. Am 31. Mai tritt er zurück. Und weil er dabei mahnt, Anstand und Respekt müssten in der Politik mehr Geltung verschafft werden, denken viele, allein die harsche Kritik an seinen Äußerungen zu den Bundeswehr-Auslandseinsätzen hätten ihn zu dem Schritt veranlasst. Wahrscheinlicher ist, dass ihn auch die Krise des Euro und seine Rolle bei der Ratifizierung von Rettungspaketen umgetrieben hat.

Lange bevor die Bundesregierung auf die Währungskrise reagiert, mahnt Köhler sie, endlich zu handeln. Es ist der 24.März abends, das Kabinett ist zum Abendessen zu Köhler gekommen. Und der nutzt die Begegnung, um der Regierung ziemlich deutlich zu sagen, die nächste Krise werde eine Krise der Währung. Köhlers Botschaft: Die Gefahr dürfe nicht länger ignoriert werden. Trotzdem passiert wenig, Köhler ärgert das - bis etwas geschieht, was Köhler in der Vergangenheit für ausgeschlossen hielt, vielleicht gar bis heute für falsch hält. Jedenfalls kann man vernehmen, dass bis zu seinem Tod Haller und andere, mit denen sich Köhler oft beriet, eine Rettung Griechenlands als sehr problematisch einstufen. So wie er selber das einst ausgeschlossen hatte. 1992 beispielsweise sagt er dem Spiegel: "Es wird nicht so sein, dass der Süden bei den sogenannten reichen Ländern abkassiert. Dann nämlich würde Europa auseinanderfallen."

Wie sehr ihn das aktuell noch umgetrieben hat, bleibt im Verborgenen. Am 14.Mai tritt Köhler beim Bundesverfassungsgericht auf und lobt im Grundsätzlichen die Rettungspakete. Exakt eine Woche später, als er nachts von seiner letzten Auslandsreise zurückkehrt, erhält er nicht mal mehr 24 Stunden, um die dann beschlossenen Details der Griechenland-Rettung sowie ihr Zustandekommen auf ihre Verfassungstauglichkeit zu prüfen. Der CSU-Politiker Peter Gauweiler hält es deshalb für möglich, dass sich Köhler über Gebühr getrieben fühlte - zumal sein Amt in der Nacht auf den 22.Mai zunächst auch noch falsch meldet, Köhler habe bereits unterschrieben. Das wird später korrigiert. Den Eindruck des Gehetztseins aber kann niemand mehr aus der Welt schaffen.