Warum trat Horst Köhler zurück? Viele Gerüchte und ein Todesfall

Bis heute hat Horst Köhler seinen Rücktritt nur mit einem vorgeschobenen Grund erklärt. Deshalb kursieren viele Gerüchte. Eine Spurensuche.

Von Stefan Braun, Berlin

Am Sonntag wird Horst Köhler in der Basilika von Ottobeuren ein Konzert besuchen. Neben seiner Frau Eva Luise werden Theo Waigel und dessen Gattin Irene sitzen, um die 7. Sinfonie von Anton Bruckner und "Die Unvollendete" von Franz Schubert zu genießen. Der frühere Finanzminister ist bis heute eine große Stütze für den Ex-Bundespräsidenten. Deshalb passt es, dass Köhler in seinem ersten Urlaub nach dem Rückzug bei Waigel vorbeischaut. Dabei könnte es rund ums Konzert passieren, dass er manchem die Hand schüttelt. Eines aber wird mit größter Wahrscheinlichkeit nicht geschehen: Dass er ein Wort verliert über die Gründe seines Abgangs.

Genau darüber freilich würden viele Menschen gerne mehr wissen. Solange Köhler sich nicht selbst äußert, gibt es viele Gerüchte über seine Motive. Das Problematischste davon: Er sei krank geworden. Wer sich auf Spurensuche begibt, kommt jedoch - bei aller Vorsicht - zu einem anderen Ergebnis. Demnach hat der Verlust eines sehr engen Weggefährten für Köhler eine zentrale, wenn nicht entscheidende Rolle gespielt, und das auch, weil dieser Verlust nicht nur den Menschen Köhler schwer traf, sondern auch dem Bundespräsidenten Köhler das Leben in seinem Amt massiv erschwert hat. Ob auch seine Rolle bei der Unterzeichnung des Euro-Rettungspakets zu allem beitrug, kann nur er selbst sagen. Richtig ist, dass das, was die Bundesregierung und die Euro-Staatschefs beschlossen haben, Köhlers früheren Überzeugungen widersprochen hat.

Die Spuren führen in die Vergangenheit, es ist der 16.April 2010 in Heidelberg. An diesem Tag ist zum ersten Mal die Aschewolke über Deutschland. Und an diesem Tag wird Gert Haller begraben. Köhler bricht früh in Berlin auf, um mit dem Auto anzureisen. Er muss Abschied nehmen von jenem Freund, den er nicht nur seit Jahrzehnten kennt, sondern der ihm in den wichtigen Jahren seiner Amtszeit zwischen 2006 und 2009 den Laden organisiert hat. Die beiden kannten sich fast seit Beginn ihrer Karriere, beide waren lange Jahre im Bundesfinanzministerium tätig, beide haben die Jahre der Euro-Erschaffung wie der Treuhandanstalt Seite an Seite bestritten. Ihr Motto später: Die Erfahrungen mit der Treuhand kann eh nichts mehr toppen. Beide haben sich ausgetauscht und dabei auch gestritten, sind aber stets engste "Brüder im Geiste" gewesen, wie einer erzählt, der beide kennt und im Amt erlebt hat. Als Köhler am 16.April Adieu sagen muss, sehen alle, wie groß sein Schmerz ist. Aus Fürsorge für den Präsidenten haben die Beteiligten dafür gesorgt, dass keine Medien dabei sind.

Die gemeinsame Zeit im Präsidialamt beginnt im März 2006. Der damals 61-jährige Haller kommt als Ein-Euro-Mann. Er will die Rolle des Staatssekretärs im besten Sinne als Ehrenamt verstanden wissen. Wer Haller im Präsidialamt besucht, trifft auf einen ruhigen, ja beruhigenden Menschen. Seine Ausstrahlung wirkt ins Amt hinein, mit seiner Führung entsteht ein gar nicht so kleiner Kreis an Vertrauten, dem auch Präsidentensprecher Martin Kothe und Köhlers Büroleiterin Elisabeth von Uslar angehören. Haller pflegt einen offenen Stil, bei der morgendlichen Lagebesprechung sollen möglichst viele der wichtigen Leute im Amt dabei sein. "Alle sollen informiert sein, jeder soll die Möglichkeit haben, etwas zu sagen. Das erleichtert meine Arbeit", lautet sein Credo. Mit Köhler diskutiert Haller nächtelang, ob über Bildung, Afrika oder die Finanzkrise. Insbesondere letztere ist es, die die beiden Finanzfachleute umtreibt. "Die konnten extrem kontrovers diskutieren; das haben die geliebt und gebraucht, sonst wäre das alles für sie nichts gewesen", erzählt einer, der dabei war. Mit Haller, heißt es rückblickend, sei Köhler im Amt erst richtig behaust gewesen.

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