Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern NPD missbraucht Schüler für Propaganda-Video

Rechtsextremist Udo Pastörs setzt im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern auf Neuntklässler als Statisten für ein Hetzfilmchen - und der Lehrer steht tatenlos daneben. An der Schule bemüht man sich mittlerweile um Schadensbegrenzung, doch die NPD benutzt das Video schon für ihre rechte Propaganda.

Von Oliver Das Gupta

"Pastörs ist mein Name, angenehm", sagt Udo Pastörs und baut sich auf dem Bürgersteig auf. Dann legt der streng rechts gescheitelte Mann im Anzug los: Er wettert gegen die "EU-Diktatur". Er definiert, was ein "Bonze" ist. Er prophezeit der Bundesrepublik, sie werde "genauso versinken, wie die DDR versunken ist". Er erklärt, wer in Brüssel Politik macht: "Die heißen auch Kommissare, wie bei Stalin." Er sagt: "Ihr habt ein Scheißdreck an Macht". Und: "Euch verarschen die Politiker."

Die unfreiwilligen Zuschauer stehen vor dem NPD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern: eine Handvoll Mädchen und Jungen, Neuntklässler der Regionalschule "Hanno-Günter" in Ferdinandhof. Hier, nahe der Grenze zu Polen könnten seine Einlassungen auf besonders fruchtbaren Boden fallen, denkt er sich offensichtlich. Doch Pastörs hat Pech: Einige der Jugendlichen haben die Arme verschränkt, manche unterhalten sich, andere drehen sich nach vorbeifahrenden Autos um. Den Schülern ist der Mann unangenehm.

Pastörs merkt das, einmal sagt er: "Ich weiß, dass euch Politik nicht interessiert." Und trotzdem redet er weiter. Denn er will die Jugendlichen und den dabei stehenden Lehrer ja nicht überzeugen, er will sie nur da behalten. Als Beleg für Kontakte zur normalen Bevölkerung. Als Staffage. Für seine Propaganda. Denn ein Kameramann filmt mit.

Wie konnte das passieren? Das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern erklärt den Vorgang im Gespräch mit sueddeutsche.de so: Die Schülerinnen und Schüler hätten sich mit ihrem Sozialkundelehrer im Rahmen des Projekts "Unterricht am anderen Ort" auf der Straße befunden, um Wahlplakate zu analysieren. Pastörs tauchte demnach plötzlich auf und begann ungefragt mit seinen Wortkaskaden.

Der Lehrer, ein sportlicher Hüne, schritt nicht ein - ein Verstoß gegen die Maßgabe, dass Parteien vor Wahlen nicht während des Unterrichts werben dürfen. Warum ließ der Lehrer das zu? Er habe es getan, "um sich mit der Partei argumentativ auseinanderzusetzen", wie es in einer Erklärung der Schule heißt, die sueddeutsche.de vorliegt. Der Lehrer ist keineswegs ein Sympathisant der NPD, er habe die Situation einfach völlig unterschätzt, er sei überrumpelt worden und stand dann offenbar machtlos da.

Recycelte Nazi-Parolen

Am 31. August ist das 17-minütige Video entstanden, das die NPD nun im Internet präsentiert. Es ist ein Teil der Propaganda-Kampagne der Rechtsextremen, die erneut in den Schweriner Landtag einziehen wollen. Denn sicher sein können sie nicht: Die jüngste Umfrage sieht die NPD unter fünf Prozent. Die nötigen Stimmen will Fraktionschef Pastörs bis zur Wahl am 4. September mit Positionen einfangen, die nicht nach Adolf Hitler, Rassenhass und Gaskammern klingen: Zusammenreißen, nicht über damals reden müssen.

Die Masche wird intern schon seit Jahren propagiert: "Auf den Themenkomplex Holocaust, Kriegsschuldfrage 1939 und Nationalsozialismus sollte sich mit dem Hinweis auf Gegenwartsaufgaben der NPD niemand festnageln lassen", heißt es in einer Richtlinie von 2006. Und so mühen sich die rechten Brandstifter auch in diesem Wahlkampf, schrille Töne zu vermeiden: "Herr Pastörs gibt sich lammfromm und will als 'guter Onkel' rüberkommen", sagt Landesbildungsminister Henry Tesch (CDU) zu sueddeutsche.de. "Bürgernah und handzahm" möchte Pastörs Truppe wirken, schreibt die Szene-Kennerin Andrea Röpke, "doch die Tarnung gelingt nicht immer".

So auch beim Videodreh vor den Schülern in Ferdinandhof: Pastörs zeigt auf ein Wahlplakat und liest die Aufforderung "Wehrt euch" vor - ohne zu erwähnen, dass die Nationalsozialisten nach der Machtergreifung 1933 mit derselben Parole den Boykott jüdischer Geschäfte befeuerten.

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