Vorwürfe gegen bayerischen AfD-Landesvorstand "Die Gier war größer als die Vernunft"

"Rattenpack", "Gauner", "Kriminelle": Mitglieder der Alternative für Deutschland beschuldigen den bayerischen Landesvorstand, die Parteibasis zu terrorisieren. Die Teilnahme an der Bundestagswahl ist in Gefahr.

Von Andreas Glas

Martina Geiger ist sauer. Sie versteht nicht, was da schief gelaufen ist. "Ich fühle mich an Stasi-Zeiten erinnert", sagt sie. Dabei sollte es doch um Demokratie gehen und darum, dass alle mitreden dürfen. Sie sagt das nicht nur so, sie hätte sich das wirklich gewünscht. Geiger sieht sich als Idealistin. Und das ist ihr Problem.

Als Kreisvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) sollte Geiger jetzt eigentlich auf der Straße stehen und Unterschriften sammeln. Wenn bis 15. Juli keine 2000 Unterstützer-Unterschriften gesammelt wurden, wird das AfD-Kästchen auf den bayerischen Bundestags-Wahlzetteln fehlen - und die Anti-Euro-Partei hätte neun Millionen potenzielle Wähler weniger. Der Einzug in den Bundestag wäre für die AfD dann wohl gegessen. "Ohne Bayern", sagt der Düsseldorfer Parteienrechtsexperte Martin Morlok, "dürfte es sehr, sehr schwer werden, über fünf Prozent zu kommen."

"Gauner", "Kriminelle", "Diktatoren"

Die Zeit drängt, aber Martina Geiger hat keine Lust, Unterschriften zu sammeln: "Unser Kreisverband sammelt nicht, weil wir diese Partei einfach nicht mehr unterstützen können." Wenn Geiger "diese Partei" sagt, meint sie nicht die AfD als solche, sondern diejenigen, die das Sagen haben. Für Geiger sind diese Leute ein "Rattenpack", andere bezeichnen den Führungszirkel um den bayerischen AfD-Landeschef André Wächter als "Gauner", "Kriminelle" oder "Diktatoren".

Neben Geigers Kreisverband (Ostallgäu) wollen sich mindestens vier weitere der 36 AfD-Kreisverbände am Unterschriften-Boykott beteiligen. Und damit nicht genug: Geiger hat Strafanzeige erstattet gegen den AfD-Landesverband. Ihr Vorwurf: "Ich werde unterdrückt, gemobbt, von Verteilern ausgeschlossen und habe Drohanrufe bekommen. Ich habe inzwischen Angst um meine Kinder." Das sei kein Einzelfall, sagt Geiger, der Terror habe in der AfD System. Sie unterstellt dem Landesvorstand, die Partei diktatorisch zu führen, die kritische Basis und Konkurrenten mundtot zu machen - notfalls mit Drohungen oder Parteiausschlussverfahren.

"Auf üble Art und Weise bedroht worden"

Von einem Drohanruf erzählt auch Frank Neubauer. Er war in Erlangen Kreisvorsitzender der AfD, die im Parteiprogramm eine "Stärkung der demokratischen Bürgerrechte" fordert und "mehr direkte Demokratie auch in den Parteien". Vor vier Wochen hat Neubauer hingeschmissen, ist aus der AfD ausgetreten. Weil ihm klar geworden sei, dass es "nur um Einzelinteressen" gehe, wenn Posten und Mandate zu vergeben seien, und nicht um innerparteiliche Demokratie. Neubauer sagt, er habe gedacht, die AfD sei anders als andere Parteien. Doch als der Anruf kam, habe er kapituliert. Er sei "auf üble Art und Weise" bedroht worden, "der Anruf war unheimlich". Danach sei klar gewesen: "Ich steige aus."

Ärger gibt es nicht nur in Bayern. In Hessen warfen sich Kreisverbände und Landeschefs der AfD gegenseitig Machtgier und Profilsucht vor, in Berlin gab es einen schmutzigen Kleinkrieg innerhalb des Parteivorstands, auch in Baden-Württemberg und Sachsen klagen Mitglieder darüber, von den Landeschefs systematisch unterdrückt zu werden. Nach außen fordert die AfD mehr Demokratie, nach innen droht sie an diesem Anspruch zu scheitern. Es wirkt, als zerlege sich die Partei gerade selbst.