Viktor Orbán So verwandelte Orbán Ungarn in eine "Führerdemokratie"

Paul Lendvai, einst Fan eines jungen Viktor Orbán, seziert die Lage in Ungarn - und kommt zu frappierenden Erkenntnissen.

Buchkritik von Cathrin Kahlweit

Dieser Tage jährt sich der ungarische Volksaufstand zum 60. Mal. Viktor Orbán, Ungarns Ministerpräsident, lässt derzeit kaum eine Gelegenheit ungenutzt, um den Konnex herzustellen zwischen dem Freiheitskampf der Ungarn gegen die sowjetischen Besatzer 1956, dem Freiheitskampf der Osteuropäer im Jahr 1989 - und dem Freiheitskampf der Ungarn heute.

Denn: Es sei eben "auch eine Gefahr für die Freiheit, wenn ohne jedwede Kontrolle Fremde auf dem Landesgebiet erscheinen, deren Sitten, deren Vorstellungen vom Leben sich vollkommen von den unsrigen unterscheiden, und sie unsere freie Gesellschaft auf einen Schlag oder langsam, aber gegen unseren Willen umformen". So Orbán in seinem jüngsten Interview bei Kossuth-Radio.

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Wie sich die Zeiten ändern. Paul Lendvai war durchaus mal ein Fan von Orbán. Aber das ist lange her. Wenn man dem Autor und Ungarn-Kenner folgt, hat sich der zielstrebige Machtpolitiker mehr verändert als sein Land, das er mit einem "Erdbeben" und dem "Griff nach der absoluten Macht" eroberte und in eine "Führerdemokratie" verwandelt hat.

Vor mehr als 25 Jahren jedenfalls war der heutige Premier erstmals mit einer aufsehenerregenden Rede anlässlich des Staatsaktes für den 1956 hingerichteten Reformkommunisten Imre Nagy einer größeren Öffentlichkeit auch im Westen positiv aufgefallen.

Einst hielt er Orbán für progressiv und "zukunftsträchtig"

Er forderte damals auf dem Heldenplatz in Budapest als 26-jähriger, unbekannter Jungpolitiker freie Wahlen und einen Abzug der russischen Truppen. Was diese "politisch aufsässigen Worte" auch in den Augen des einstigen Ungarn-Flüchtlings Lendvai so bedeutend machte, war der Zeitpunkt, zu dem sie gesprochen wurden: noch vor der offiziellen Abdankung der kommunistischen Einheitspartei und dem Zerfall der UdSSR. Es gehörte Mut dazu.

Und ein zweites Mal sah sich der angesehene Osteuropakenner beeindruckt von dem "zukunftsträchtigen, progressiven Politiker der jüngeren Generation", als Orbán wenige Jahre später in geschliffenem Englisch in Wien eine Rede für den Liberalismus und gegen die nationalkonservative Regierung der Nachwende-Jahre hielt.

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Aber der junge Mann aus kleinen Verhältnissen, der sich mit einer Gruppe enger Vertrauter und Studienfreunde daran machte, die Macht in Ungarn zu erobern und sie auf Dauer zu behalten, habe eine "liberale Maske" aufgesetzt, schreibt Lendvai im Rückblick. Und erläutert auf 240 hervorragend recherchierten, kenntnis- und detailreichen Seiten, warum "Orbáns Ungarn", so der Titel des neuen Buches, in Gefahr ist.

Über den Mann selbst, seine Ideologie und seine Politik ist in den vergangenen sechs Jahren in internationalen Medien viel berichtet worden, seit Orbán 2010 zum zweiten Mal Ministerpräsident jenes tief zerstrittenen, korruptionsmüden, hoch verschuldeten Staates wurde, der zuletzt von dem so freundlichen wie glücklosen Technokraten Gordon Bajnai regiert worden war.