Verschwörungstheorien um 9/11 Wahrheit und Wahn

Verschwörungstheorien kommen nicht aus der Mode: Kurz vor dem zehnten Jahrestag der Terroranschläge in New York melden sich wieder die sogenannten "Truther" zu Wort. Ihre Anhänger finden aber jeden Tag neue Indizien.

Von Christian Wernicke, Washington

Webster Tarpley erinnert sich genau an jenen Dienstag. Als wäre es gestern gewesen. Der Amerikaner erzählt, wie er nach dem Frühstück durch Berlin geschlendert ist, von seiner Pension in der Kantstraße hinüber zur TU, zur Technischen Universität. Dort erörtert ein Weltkongress gerade das Leben und Wirken von Gottfried Wilhelm Leibniz, und am Morgen jenes 11. September 2001 weist Webster Tarpley in einem fulminanten Vortrag nach, wie finstere Handlanger im Dienste von Venedigs Adelsrepublik im 18. Jahrhundert versuchten, den Leumund des deutschen Universalgenies zu zerstören: "Eine Riesensauerei war das."

So verstreicht Tarpleys Berliner Vormittag. Am Nachmittag dann, als daheim an Amerikas Ostküste der Tag beginnt und der Tod heranfliegt, hilft der Historiker mit dem schlohweißen Haar und der hohen, runden Denkerstirn einem US-Kollegen als Dolmetscher aus.

Tarpley spricht akzentfrei Deutsch, sowie Italienisch, Französisch, Latein und Russisch, und am Ende der Debatte zollt ihm das gelehrte Publikum dankend Beifall. Da geschieht es, da steht plötzlich ein fremder Mann in der Tür und brüllt die Nachricht in den Hörsaal: "Terroristen haben die USA angegriffen. Die Türme in New York sind zusammengebrochen, das Pentagon steht in Flammen."

An jedes Wort erinnert sich Webster Tarpley, bis heute. Er nimmt die Brille ab, streicht mit der Hand über beide Augen, ehe er sagt: "Ja, das war ein ziemlicher Schock." Er ist zurück in seine Pension geeilt, hat im Fernsehen die Horrorbilder vom Einsturz des World Trade Centers betrachtet. Und er hat begriffen. "Schon nach wenigen Minuten", so beteuert der heute 65-jährige Historiker, "war mir klar: So etwas kann nur eine Fraktion innerhalb der US-Kommandostruktur machen."

"Ich bitte Sie, seien Sie nicht naiv!"

Am Abend des 11. September 2001 ist Webster Tarpley in die Berliner Gedächtniskirche gegangen. Er hat die Kerzen gesehen, die Gebete vernommen, und er hat in sich diese brennende Sorge verspürt: "Ich wusste, dass der große Krieg kommen würde."

Und er kam - jener "Dritte Weltkrieg", den Webster Tarpley in dunklen Berliner Stunden hatte heraufziehen sehen: Afghanistan, Irak, George W. Bushs "Global War on Terror". "1,5 Millionen Menschen sind dabei gestorben", schätzt Tarpley, "und wir zählen noch, jeden Tag werden es mehr."

Nie hat er die offizielle Version von 9/11 geglaubt. Amerikas Schicksalstag, das Werk islamistischer Terroristen? "Lächerlich!" Dass ein Haufen angelernter arabischer Gotteskrieger präzise drei Flugzeuge in die Twin Towers und ins Pentagon steuern könnte, dass dem riesigen US-Sicherheitsapparat samt CIA und FBI rein gar nichts auffallen wollte und dass die gesamte Luftabwehr an der US-Ostküste versagte? Tarpley schüttelt den Kopf, schnappt nach Luft: "Ich bitte Sie, seien Sie nicht naiv!"

9/11 hat Tarpley nie mehr losgelassen. Und umgekehrt lässt er nicht locker. Er umklammert das Verbrechen, er lebt dafür und davon, seine Version des dreitausendfachen Mordes vom 11. September 2001 zu verbreiten. Sein Buch "Synthetic Terror - Made in USA" erscheint zum zehnten Jahrestag in fünfter Auflage, all die DVDs, Aufsätze, Vorträge und Interviews, die er vorrangig über das Internet vermarktet, ernähren ihn.

Selbsternannte Wahrheitsfinder

Tarpley war immer ein Rebell, ein Linker und einstiger Aktivist der obskuren LaRouche-Politbewegung. Tarpley, selbsternannter "Philosoph der Geschichte", deutete die Dinge stets anders als die Mehrheit; misstrauischer. Nun ist er professioneller Verschwörungstheoretiker, und einer der Köpfe einer Bewegung, deren Anhänger in den Vereinigten Staaten "Truther" heißen. Denn sie wollen nichts als "die Wahrheit" - ihre Wahrheit.

"Truth Now!" oder "911 Truth" - mit solchen Plakaten ziehen Hunderte meist linke Demonstranten regelmäßig durch Manhattan. Abertausende US-Bürger sehen George W. Bush oder seinen sinistren Vize Dick Cheney als Drahtzieher der Attentate, und Millionen Menschen weltweit glauben, Washington habe die Terroristen gewähren lassen. Als Motiv unterstellen sie den damals Regierenden, sie hätten das Volk kriegslüstern aufwiegeln wollen für die Feldzüge nach Kabul und Bagdad, die ihre neokonservativen Vordenker längst ausgeheckt hatten.

In Umfragen bekunden mehr als ein Drittel aller Amerikaner tiefes Misstrauen gegen die von Regierung, Untersuchungskommissionen und Massenmedien verbreiteten Erklärungen, wonach einzig und allein Al-Qaida-Terroristen die Täter waren, trotz aller Behördenpannen und mancher Rätsel im Detail. 2009 erklärten 27 Prozent der linken und zehn Prozent der rechten US-Wähler, Bush habe das Blutbad zumindest gebilligt.