US-Wahl Fünf Gründe für Obamas Erfolg

Das Duell ist entschieden - der alte Präsident ist auch der neue. Vier weitere Jahre wird Barack Obama Staatsoberhaupt des mächtigsten Landes der Erde sein. Diese fünf Faktoren haben ihm bei der Wiederwahl geholfen.

Von Matthias Kolb, Chicago

"Four more years! Four more years!" Dieser Schlachtruf war seit Monaten bei den Veranstaltungen der Demokraten zu hören. US-Präsident Barack Obama hat die Wähler um ihr Vertrauen und um eine weitere vierjährige Amtszeit gebeten - und er hat sie bekommen.

Doch anders als 2008 wurde er nicht von einer Welle der Euphorie ins Weiße Haus getragen: Dafür steht die US-Wirtschaft noch immer auf allzu wackligen Beinen, dafür sind zu viele Anhänger ernüchtert. Der einstige Polit-Messias hat sich 2012 gerade noch ins Ziel gerettet. Dennoch kam der Erfolg keineswegs zufällig zustande. Die wichtigsten Faktoren für Obamas Sieg im Überblick:

[] Obama hatte die bessere Organisation

Die "Operation Wiederwahl" begann schon, da hatte Obama noch nicht einmal den Amtseid abgelegt. Bereits für seinen Sieg 2008 hatten seine Berater die professionellste Kampagne aller Zeiten aufgezogen, um neue Wähler zu erreichen und mit Kleinspenden Unmengen Geld gesammelt. Auch 2012 lief die Maschinerie rund: Mit kalter Präzision, gestützt auf Datenberge und den perfekten Einsatz sozialer Medien, hat Obama genügend Stimmen von seinen Kern-Wählergruppen (Afroamerikaner, Hispanics, Frauen mit College-Abschluss) für den Sieg gesammelt.

Die riskante Strategie, bereits zwischen Juni und Ende August viel Geld zu investieren, um Mitt Romney in Werbespots als kalten Kapitalisten mit Auslandskonten und herzlosen Frauenfeind zu zeichnen, war wirkungsvoll genug - und kaschierte am Ende auch Obamas lustlosen Auftritt in der ersten TV-Debatte, wo sich Romney menschlich und gemäßigt zeigte. Die Tatsache, dass der Amtsinhaber stets als sympathischer wahrgenommen wurde, hat sein Wahlkampf-Team voll ausgenutzt - und nebenbei den politischen Gegner mit einer Schmutzkampagne überzogen. Das hat für den Sieg gereicht. Dass ausgerechnet Obama, der sich 2008 mit Hope und Change als Brückenbauer präsentierte, damit die Polit-Verdrossenheit in Amerika verstärkt hat, steht auf einem anderen Blatt.

[] Die US-Wirtschaft kam rechtzeitig in Schwung

Als Obama im Januar 2009 ins Weiße Haus einzog, gingen allein in diesem Monat 800.000 Arbeitsplätze verloren. Knapp vier Jahre später, im Oktober 2012, werden 171.000 neue Jobs geschaffen und die Arbeitslosenquote unter die symbolische Marke von acht Prozent gedrückt. Gewiss: Für US-Verhältnisse ist dies immer noch hoch und das Durchschnittseinkommen sinkt seit Mitte der neunziger Jahre. Doch dass die Wirtschaft rechtzeitig wieder in Schwung kam, half der Argumentation der Demokraten, dass Obamas Politik Wirkung entfalte - und sorgte dafür, dass Romneys Schwarzmalerei längst nicht so effektiv war wie von den Republikanern erhofft.

[] Mitt Romney war ein schwacher Gegner

Wie schwer es ist, gegen einen amtierenden Präsidenten zu gewinnen, zeigt nichts deutlicher als die Kandidatenriege der Republikaner 2012. Der libertäre Kauz Ron Paul, der erzkonservative Rick Santorum, der Lautsprecher Newt Gingrich und die Witzfigur Herman Cain - Mitt Romney war der Favorit vieler Experten und setzte sich schließlich durch. Aber der Vorwahlkampf dauerte lang genug, um den früheren Gouverneur aus Massachusetts immer weiter nach rechts rücken zu lassen.

Der 65-Jährige galt stets als Wendehals, der Positionen dem jeweiligen Publikum anpasst. Die Amerikaner wissen, dass Politiker stets vor dem Wahltag in die Mitte rücken, doch Romneys Schwenks, etwa bei Abtreibung und Waffenbesitz, waren zu harsch und untergruben das Vertrauen in seine Persönlichkeit. Bis zuletzt wirkte der Herausforderer auf viele wie genau der Mensch, der er ist: ein Multimillionär, dem der Alltag vieler Bürger fremd ist.

In und nach der ersten TV-Debatte gab der Mormone den moderaten Pragmatiker, doch dies konnte nicht genug Wechselwähler überzeugen, Obama zu feuern. Romneys Kampagne war exzellent organisiert, doch der Kandidat selbst machte Fehler: Weil er lange seine Steuerunterlagen nicht veröffentlichte, konnte monatelang über seine Einkommensquellen spekuliert werden; das "47-Prozent-Video" sorgte ebenso für Schlagzeilen wie seine vielen Patzer (Wette um 10.000 Dollar, Aktenordner voller Frauen, Big Bird). Obama war nicht unbesiegbar - die Republikaner und Mitt Romney haben ihre Chance nicht genutzt.

[] Der Pakt mit den Clintons hat gewirkt

Es war eine heftige Auseinandersetzung, die sich Obama und Hillary Clinton im Vorwahlkampf 2008 lieferten. Beide gaben Millionen aus, um den Gegner niederzumachen - und so blieben nach Obamas Sieg Wunden bei allen Beteiligten. Verglichen mit Ex-Präsident Bill Clinton hat seine Ehefrau früher ihren Frieden mit dem Shooting-Star aus Illinois gemacht und trat als Außenministerin ins Obama-Kabinett ein. Nach vier Jahren exzellenter Arbeit als Chefdiplomatin ist Hillary beliebter als je zuvor - und sie war im Oktober bereit, in der brisanten Causa Bengasi die politische Verantwortung zu übernehmen, um ihren Chef zu schützen.

Ebenso wichtig war das unermüdliche Engagement von Bill Clinton. Beim Parteitag in Charlotte gelang dem 65-Jährigen spielend, woran Obama stets scheiterte: Er erklärte den Amerikanern, dass die Wirtschaftspolitik des Präsidenten dafür gesorgt habe, die Folgen der Finanzkrise zu mildern und dass der Aufschwung bald kommen werde. Dass er nebenbei Romneys Wirtschaftskompetenz ankratzte ("Es geht nur um Mathematik und seine Zahlen stimmen nicht") war ebenso willkommen wie seine Auftritte als Wahlkämpfer in wichtigen Wechselwähler-Staaten. Neben dem Präsidenten, dessen Vize Joe Biden und First Lady Michelle tourte ein weiterer Superstar durch die Swing States - und anders als Obama kommt Clinton etwa bei weißen Männern noch immer sehr gut an.

[] Wirbelsturm Sandy hat Romneys Aufschwung gestoppt

Es ist unmöglich, zu messen, welche Ereignisse die Wahlentscheidung der Bürger beeinflusst haben. Die Gesellschaft ist stark polarisiert, so dass eine große Mehrheit der Amerikaner schon im Januar wusste, für wen sie stimmen wird - Romney und Obama konkurrierten also vor allem um die unentschlossenen Wähler. Ob das Lob von New Jerseys republikanischen Gouverneur Chris Christie für Obamas Reaktion auf die von Sandy verursachten Schäden viele Amerikaner überzeugt hat, den Präsidenten wiederzuwählen, ist schwer zu sagen.

Doch es hat Obama geholfen, dass die TV-Sender drei Tage lang rund um die Uhr Bilder von ihm als Krisenmanager zeigten. Und selbst wenn man glaubt, dass Romney in den letzten Oktober-Tagen noch viel "Momentum" hatte: Die Berichterstattung über die Schäden von Sandy hat es endgültig gestoppt.