US-Vorwahl Wähler gehen auf Selfie-Jagd

Millennials posieren mit Präsidentschaftskandidaten: Die Politiker sind froh um die kostenlose Wahlwerbung.

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Händeschütteln ist out. Amerikaner verlangen nun Selfies mit Präsidentschaftskandidaten. In New Hampshire kamen ihnen Bürger besonders nah.

Von Matthias Kolb, Manchester

Der Trend ist unübersehbar: Seit Monaten lächeln die US-Präsidentschaftsbewerber vor und nach ihren Auftritten mitunter eine Stunde lang in Smartphones. Zunächst waren es vor allem Teenager, die sich mit ausgestrecktem Arm vor die Kandidaten stellten. "Wir machen ständig Selfies, also knipsen wir auch Politiker", sagt die 16-jährige Emma Nozell.

Ihr erstes Motiv war Chris Christie, den sie im Juli im Restaurant entdeckte. Nachdem der Republikaner bereitwillig mitgemacht hatte, hatte Emmas ältere Schwester Addy eine Idee: "Unsere Eltern schleifen uns den ganzen Sommer zu Auftritten von Politikern. Lass uns versuchen, Selfies mit allen Kandidaten zu machen."

Ein solcher Plan lässt sich nur an zwei Orten verwirklichen: in Iowa und New Hampshire, wo die ersten Vorwahlen stattfinden. Wer ins Weiße Haus will, besucht diese Bundesstaaten Dutzende Male, umwirbt die Wähler in Restaurants, Cafés oder Kirchen und stellt sich in Turnhallen ihren Fragen. Addy und Emma wohnen in New Hampshire und nachdem sie im August von Kabelsendern wie CNN und Fox News interviewt worden waren, wurden die Schwestern als @PrezSelfieGirls landesweit bekannt.

Begeistert von Hillary, aufgeregt wegen Trump

Nachdem sie am 16. Oktober mit dem Republikaner Mike Huckabee den letzten Kandidaten fotografiert hatten, überlegten sie, wen sie am besten finden. Als sich Emma und Addy für Hillary Clinton entschieden, arrangierten deren Berater schnell ein Treffen, bei dem ein weiteres Selfie entstand. "Hillary war begeistert und sagte, das sei wie ein Sechser im Lotto", berichtet Addys Mutter Wendy Thomas stolz.

Doch trotz aller Unterstützung für die ehemalige Außenministerin waren die Schwestern bei einem anderen Kandidaten viel aufgeregter. "Unsere Mutter hatte gehört, dass Trump panische Angst vor Bakterien hat und Leute ungern berührt. Wir hatten Angst, dass es ein verkrampftes Selfie werden würde", sagt Addy.

Die Sorge war unbegründet: Der Milliardär umarmte die Mädchen und grinste in die Kamera. Addy erinnert sich noch an etwas anderes: "Als wir das Foto machten, stand Emma total unter Schock. Kein Wunder, Donald Trump ist ja ein Riesen-Star."

Was sich die Kandidaten erhoffen

"Alle Wahlkampf-Manager unterstützen das, weil Selfies kostenlose Werbung sind", sagt Vince Harris. Der Texaner, Digital-Chef von Ex-Kandidat Rand Paul, kennt den Wert der Selbstporträts: Weil sie von den Besuchern der Veranstaltungen direkt auf Facebook, Twitter oder Instagram gepostet werden, empfinden deren Freunde sie nicht als Werbung.

Der 18-jährige Jordan Pope hat auf seinem Smartphone Selfies mit allen Bewerbern, die noch Chancen haben. "Wir Millennials lesen keine Zeitung mehr. Bilder und Videos sind viel wichtiger", sagt Pope, der die Vorwahl in Iowa als Reporter fürs Uni-Radio verfolgt hat.

Ein Selfie mit dem nächsten US-Präsidenten

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Wie sie Millennials, also jene Generation der heute 17 bis 35-Jährigen, erreichen können, beschäftigt alle Kandidaten. In ihrem Buch "The Selfie Vote" beschreibt die Autorin Kristen Soltis Andersen, wieso die Herausforderung für die Republikaner besonders groß ist: "Die Partei gilt als intolerant, altmodisch und technikfeindlich."